«Subito»: Der Zürcher Peter Volkart forscht in seinem herrlich verspielten Doku-Essay der Geschichte der Sofortbildfotografie nach.

Sein Film verrät auch viel über Zeitgeist und (Pop-)Kultur der letzten 100 Jahre.

Irene Genhart
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Die Polaroidkamera erlebt derzeit wieder ein Comeback. (Bild: Reck Film/PD)

Die Polaroidkamera erlebt derzeit wieder ein Comeback. (Bild: Reck Film/PD)

Manchmal steht hinter einem genialen Erfinder bloss ein Mädchen mit einem in seinen Augen selbstverständlichen Wunsch: Als 1943 ein gewisser Edwin Land bei einem Spaziergang von seiner fünfjährigen Tochter einige Fotos schoss, wünschte sie, diese sofort zu sehen. Wohl jeder andere Vater hätte seiner Tochter in dieser Situation etwas von langwierigen Entwicklungsprozessen erklärt. Nicht so Land. Der setzte sich hin und entwarf binnen dreier Stunden, was sich als eine der genialsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts entpuppen sollte: die Sofortbildkamera, Fotoapparat und -labor in einem, sozusagen eine Fabrik in Winzigstformat, die im Februar 1947 erstmals vorgestellt, über Nacht zum Erfolg wurde und deren Geschichte Peter Volkart in «Subito – Die Sofortbildkamera» erzählt.

Es ist der erste lange Film des Zürchers, und er beginnt fast wie ein Märchen. Die im Off-vorgetragene Erzählung – Stimme: Katja Reinke – ist unterlegt mit Bildern und Kürzestszenen im Vintage-Look: Ein Mädchen auf einer Schaukel, eine Kameralinse; Klick: Das Bild steht, unscharf, in altmodischer Schrift wölbt sich über der Landschaft das Wort «Southwest».

Vom Polaroid zum Smartphone

Experimentell verspielt wirkt das und entwickelt einen in Bann ziehenden Sog, den man aus Volkarts kürzeren Filmarbeiten bereits kennt: «Terra incognita» (2006), der dokumentarisch anmutende SF-Fantasy um einen Jungphysiker, dem fiktiven Werbefilm «Subotika – Land of Wonders» (2015). Und nun also «Subito». Keine Fiktion, sondern erstmals ein Dokumentarfilm, der nicht nur durch seinen Titel, sondern auch in Inhalt und Machart auf Volkarts frühere Werke verweist: Der Tüftler Edwin H. Land (1909–1991), der nebst der Sofortbildkamera zahllose weitere Erfindungen zum Patent anmeldete, ist zweifelsohne ein Seelenverwandter von Volkarts früheren Protagonisten. Und was Volkart für seine fiktionalen Filme erfand, hat er diesmal tatsächlich gefunden: Werbevideos und Homemovies, ein grossartig komisches Tutorial aus den 1950ern, das die richtige Praxis für den Verkauf von Instantkameras erklärt, Schnappschüsse und haufenweise Kunstfotos: Sehr früh schon hat Land, der 1937 seine eigene Firma gründete, zur Weiterentwicklung seiner Produkte auf die Mithilfe von Künstlern gesetzt. Ansel Adams hat für ihn gearbeitet, Andy Warhol ging nie ohne Polaroidkamera aus dem Haus, der Iraner Payram hat über zwanzig Jahre exklusiv mit Polaroid gearbeitet und schwärmt noch heute von den feinen Graustufen der Polaroid- filme.

Volkart erzählt chronologisch. Zum einen die Geschichte von Edwin Land, ohne dessen Polarisationsfilter wir heute weder 3D-Kino, LED-Bildschirme noch entspiegelte Sonnenbrillen kennen würden. Zum anderen die Geschichte des Sofortbildes, das sozusagen im Moment des Geschehens unmittelbar zum Erinnerungsbild wird. Unter anderen kommt auch der Kulturphilosoph Gerhard Johann Lischka zu Wort, auch eine Geschichte unserer Wahrnehmung: Waren 1947 60 Sekunden für die Entwicklung eines Sofortbildes schnell, schiessen wir mit Smartphones heute Realzeitfotos.

«Totgesagte leben länger» hat Volkart den Epilog von «Subito» überschrieben und erzählt, wie nach der Schliessung der letzten Polaroidfabrik 2008 der Wiener Florian Kaps mit seinem «Impossible Projekt» das – analoge – Sofortbild in die Gegenwart rettete. Herzerwärmend nostalgisch mutet das an, und wenn «Subito» etwas gelingt, dann im Zuschauer die Sehnsucht zu wecken, nach der analogen (Sofort)-Fotografie, die, wie es im Film so schön heisst, sich anders als Digitalbilder nicht nur hinter Glas präsentiert, sondern anfassen lässt.

Hinweis

Läuft im Stattkino (Luzern). 13. Dezember, 19.00 Film und Gespräch mit Regisseur, Roger Levy und Tatjana Simeunovic .