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Unser Hirn mit Anschluss ans Internet

Mensch und Maschine werden immer mehr zusammenwachsen. Das ist die These in Miriam Meckels neuem Buch. Auch wenn sie im Gespräch einiges relativiert, läuft es einem zuweilen kalt den Rücken hinunter.
Jürg Ackermann
Aufklärung oder Alarmismus? Publizistin Miriam Meckel. (Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 24. Mai 2018))

Aufklärung oder Alarmismus? Publizistin Miriam Meckel. (Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 24. Mai 2018))

Miriam Meckel ist experimentierfreudig. Neugier und Risikobereitschaft haben die HSG-Professorin und Herausgeberin der «Wirtschaftswoche» schon als Mädchen angetrieben. «Ich denke dabei weniger an die Gefahren, sondern daran, was Spannendes herauskommen kann», sagt sie im Gespräch. Dieser Satz war auch der Leitfaden für ihr neues Buch, in dem sie eine Reise in die Zukunft unternimmt. Um herauszufinden, welche angsteinflössenden oder grossartigen Möglichkeiten die Hirnforschung bereithält, hat sie in den letzten drei Jahren mit Spitzenforschern auf der ganzen Welt geredet. Sie hat unzählige Bücher gewälzt und sich für Experimente zur Verfügung gestellt.

So liess sich Meckel für 24 Stunden in einer Dunkelkammer einsperren, um den Versuch zu unternehmen, dem eigenen Denken zuzuschauen. Sie buchstabierte durch die Kraft der Gedanken ein Wort, das der Computer erkannte und an die Wand projizierte. Sie schluckte Ritalin-Pillen und fühlte statt überbordender Kreativität vor allem einen erschöpften Körper und rastlosen Geist. Und sie liess sich in Boston zwei Elektroden am Kopf montieren, um mit niederschwelligem Strom aktiver und entspannter zu werden. Die Folgen jedoch waren ganz anders: Meckel konnte 36 Stunden nicht schlafen, musste sich mehrmals übergeben.

Verblüffende Experimente mit Hirnimplantaten

Misserfolge hin oder her. Meckel ist sich sicher, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert des menschlichen Gehirns werden wird. Die Kernthese: Mensch und Maschine wachsen immer mehr zusammen. Und das Gehirn wird schon bald auch ans Internet angeschlossen. Menschen lassen sich dabei über Elektroden Zugänge zu ihrem Kopf legen, um Teil eines globalen Netzwerks der Kommunikation und des Wissens zu werden. Wie das konkret gehen soll, darüber denken schon jetzt unzählige Firmen und Start-ups – vor allem in den USA – nach. Weniger aus humanitärem Interesse, sondern aus Eigennutz.

Schon bald könnte darum ein Wettbewerb darüber entstehen, wer zuerst das Nervensystem kontrollieren und eine für den Massenmarkt taugliche Technologie anbieten kann für das Gedankenlesen oder das Plaudern von Hirn zu Hirn. Was das heisst, demonstrierten Neurowissenschafter kürzlich in einem aufsehenerregenden Experiment. Sie brachten einer Ratte in den USA bei, wie sie über das Betätigen eines Lichtsignals zu Wasser kommt. Die Nervensignale aus diesem Lernprozess wurden über ein Implantat im Gehirn der Ratte codiert und nach Brasilien gesendet. Und dort – über ein weiteres Implantat – direkt in das Gehirn einer anderen Ratte eingespeist.

Das Verblüffende: Die brasilianische Ratte hatte sofort verstanden, was sie machen musste, um zu Wasser zu kommen. «Natürlich sagen fast alle, es werde lange dauern, bis solche Experimente auf den Menschen übertragbar sind, weil die ganze Technik noch sehr störungsanfällig ist, weil der Computer vorerst nur einfache Signalmuster des Gehirns erkennt», sagt Meckel. «Aber die Forscher sagen auch, dass es irgendwann in ferner Zukunft möglich sein wird.»

Die Gesellschaft will sich optimieren

Nicht nur wegen dieses Rattenexperiments läuft es den Lesern zuweilen kalt den Rücken ­hinunter. Meckel geht von einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft aus, die sich weiter optimieren will, beispielsweise mit Denkpillen, um das Selbst zu erweitern und mit wenig Schlaf Höchstleistungen zu erbringen. Dabei denkt Meckel nicht nur an die USA, sondern auch an Europa und die Schweiz, wo der Ritalin-Konsum zur Leistungssteigerung zuletzt deutlich zunahm.

Auch unter ihren Studenten gibt es schon mal solche, die in Prüfungszeiten abends eine Tablette nehmen, um einschlafen zu können – und am Morgen eine, um sich wieder aufzuputschen. Wie es wirklich herauskommt, weiss sie deshalb nicht.

«Statt besser und effizienter zu denken, treiben wir uns vielleicht einfach in den Wahnsinn.»

Das wäre dann die Vision eines zwar perfekten Wesens, dem aber vieles Menschliche fremd geworden ist.

Doch wollen wir denn wirklich anderen Leuten in den Kopf hineinschauen?

Für Laien tönt das wie ferne Zauberei. Will uns die Autorin einfach mit knackigen Schlagworten einen Schrecken einjagen? So etwa sieht es der «Spiegel». Meckel betreibe Alarmismus, kritisierte er. Und dieser führe zu reaktionären Reaktionen, weil er den Wunsch nach dem «heilen Gestern» entfache, nach einer Welt ohne Computer und überbordende Technik. Meckel lässt diese Kritik kalt. Ihr gehe es nicht darum, den Leuten einen Schrecken einzujagen oder die Politik auf den Plan zu rufen. «Das bewirkt meist wenig», sagt sie. Vielmehr gehe es ihr um Aufklärung, um selbstbestimmtes Handeln.

«Wir müssen wissen, was auf uns zukommt, um Grenzen stecken zu können und zu wissen, was nicht in Frage kommt.»

Wer sein Gehirn freiwillig ans Internet anschliessen wolle, der solle das tun dürfen.

Neue Hoffnung für Alzheimer-Patienten

Das Bewusstsein, die Gefühle, die Empathie: Sie sei sich sicher, dass es immer einen Unterschied zwischen Mensch und Maschine geben werde, sagt Meckel. Nur sei sie nicht sicher, ob wir immer in der Lage sein werden, diesen Unterschied zu erkennen. «Auch ein Roboter kann lernen, sich empathisch zu verhalten, auch wenn er keine Ahnung hat, was das wirklich bedeutet.»

Zudem sei es noch ein unvorstellbar langer Weg, um jede Nervenzelle im Gehirn in ihrer Funktion zu identifizieren. Das Gehirn sei ein unfassbares Kunstwerk aus Nervenzellen und ihren Milliarden von Verbindungen über elektrische und biochemische Signale, sagt Meckel. «Wenn es gelingt, Manipulationen zu unterbinden, kann die Hirnforschung zu einer besseren, zu einer interessanteren Welt führen.» Zu einer Welt auch, die beispielsweise querschnittgelähmten Menschen oder auch Schlaganfall- oder Alzheimer-Patienten dank Sonden so klein wie Neuronenstaub neue Hoffnung machen kann. Schon bald wird in der Medizin auch die Auswertung von Milliarden von Krankheitsdaten zu neuen Therapien führen.

Buch-Tipp

Miriam Meckel: Mein Kopf gehört mir. Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking. Piper, 288 S., Fr. 31.–

Werden Menschen irgendwann aber tatsächlich nicht mehr miteinander plaudern, sondern miteinander kommunizieren, indem sie über ein Hirnimplantat Gedanken übertragen? «Das ist die sehr ferne Zukunft. Aber ausschliessen möchte ich das nicht. Wir würden dann hier kein Gespräch mehr führen, sondern wir hätten einen gemeinsamen Gedankenraum, über den wir ein gemeinsames Bewusstsein schaffen könnten – wie in einer Cloud», erklärt Meckel in einem St.Galler Strassencafé und nippt an ihrer Cola Zero, die sie zuvor – ohne Gedankenübertragung – beim Kellner bestellt hat.

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