Theater
Neues Stück von «Fetter Vetter und Oma Hommage»: Unterhaltung bis zum Untergang

Das neue Stück von «Fetter Vetter und Oma Hommage» in der Viscosistadt Emmen begeistert mit Glitzerpop und skurrilen Einfällen.

Anja Nora Schulthess Jetzt kommentieren
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Herrlich seichter Pop wird mit vollem Körpereinsatz performt.

Herrlich seichter Pop wird mit vollem Körpereinsatz performt.

Bild: Marco Sieber/PD

«Da ist wieder nur seelenloser Schund dabei!», wettert eine Frau, in knallorangem Kostüm und geblümten Schlaghosen, während sie ihre nächste Pop-Gesangseinlage für ein Radio-Intermezzo einstudiert. Und während sie darüber schimpft, dass der Songtext natürlich von einem Mann geschrieben worden ist und diese Popmusik jede Authentizität verunmögliche, wirft sie sich affektiert in Pose, wie man das aus den alten MTV-Clips kennt. Maximal sexy sollen die Frauen in dieser Popindustrie sein, maximal gross die Gesten und alles mit viel Glitzer.

Schon der Anfang des Stücks markiert: Es ist eine Persiflage. Zweieinhalb Stunden lang werden nichts weniger als die Popindustrie und Unterhaltungs­maschinerie durchexerziert.

Performen, was die Zentrale gerade in Auftrag gibt

Wir befinden uns im Studio des Radiosenders «Erato Maxi». Mode- und musikmässig bewegen wir uns irgendwo zwischen den Hippie-70ies, den futuristischen Achtzigern, den grungigen Neunzigern und den 00er- sowie den 10er-Jahren. Wobei Letztere notgedrungen schon etwas schwieriger an eindeutigen Klischees festzumachen sind.

Zwei Männer und zwei Frauen wirbeln hier eifrig zwischen Garderobe, Archiv, Toilette und Studio hin- und her. Performen, was die Zentrale gerade in Auftrag gibt: Synthiepop-Hits mit gehauchtem Backgroundchörchen, Morgen-News, Werbung, Wetterberichte und Christmas-Schnulzen. Alles mit Pomp und Pathos und sexy Boom-Boom. Die seichten Songs sind auf maximal drei Minuten getrimmt, die News, welche die Zentrale ausspuckt, nicht über journalistischen Zweifel erhaben, aber: «Hey, es geht um die Unterhaltung! On fire!» Dazwischen fachsimpeln die vier Schauspieler pseudointellektuell darüber, ob es die Popmusik ist, die «random» ist, oder die Welt, was davon zuerst da war und ob das nicht eigentlich alles Dada sei.

Seit 54 Jahren tun sie das bereits, unterstützt von einer vierköpfigen Band. Das geht so lange gut, bis irgendwann das Bier ausgeht, die Zentrale ihre eigenen News widerlegt, und sich zunächst über die News und dann real Brände von Polen her über ganz Europa ausbreiten. Es wird klar: Hier hört gar niemand mehr zu ausser ein paar Kinder und ein Alter. Und irgendwann ist alles aus, und es bleibt einem nichts übrig als das Ganze auszusitzen und weiter zu performen bis zum bitteren Ende.

Es entwickelt sich eine Diagnose unserer Zeit

Was als witzig-trashige Persiflage auf die Medien- und Popwelt unserer Kindheit und Jugend beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer Zeitdiagnose. Von Fake News ist die Rede, Expertentum, Faktencheck, Meinungsjournalismus, Nazis, Verschwörungstheorien, Ökoterrorismus. Kurz: Es ist verdammt komplex geworden. Und gerade dort, wo das Stück aktuell und kritisch werden will, schwächelt es ein wenig. Aber eine Persiflage auf das Heute ist schwieriger als auf die ferne Vergangenheit, die man häppchenweise und kurzweilig in ansehnliche Klischees verpackt servieren kann.

Entsprechend überstrapaziert wirkt die zweite Hälfte des Stücks. Irgendwann hofft man, die (toll besetzte) Band würde endlich aufhören, einlullenden Lounge-Jazz zu spielen.

Das Phänomen Popmusik wäre genug interessant

Letztlich wünscht man dem Stück, es hätte mehr auf das gesetzt, was es zur Ausgangslage hat: Unterhaltung an sich. Interessant wäre das Phänomen der Popmusik schon so genug. Warum eigentlich wippen im Publikum so viele Zuschauende bei den seichtesten Balladen mit den Füssen. Oder gehen den Takt eines Boom-Hits mit dem Kopf mit? Die Hitparaden-Schlager mögen musikalisch platt sein, sind jedoch auch einnehmend. Und wie wir wissen, ist es durchaus eine Kunst, einen Pop-Ohrwurm zu schreiben. In der Musik liegt denn auch die Stärke dieses Stücks. Die Songs hat Gabriel Cazes in humoristischem Gestus eigens dafür komponiert.

Die Premiere am Donnerstagabend war trotz einiger Schwächen in Stück und Dramaturgie trashig-unterhaltsam, mit vielen witzigen Einfällen, einem tollen Ensemble, einem eindrücklichen Bühnenbild und mit viel Liebe fürs Detail gewählten Kostümen. Da und dort schwingt Nostalgie mit. Dies mag darauf hindeuten, dass eine Generation am Werk ist, die sich manchmal wünscht, die Fronten wären – wie vermeintlich früher – klarer, die politische Dimension eindeutiger. Und man könnte es sich noch erlauben, mal einfach nur unterhaltsam zu sein.

«Erato Maxi»: Noch bis 16. April in den Viscosistadt, Emmenbrücke. Eine Produktion im Rahmen des AKS-Projekts «Innereien»; www.innereien.ch

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