Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

UNTERWELT: «Wir wollen Beton über unseren Köpfen»

Jost Auf der Maur hat ein Buch über die unterirdische Schweiz geschrieben: Seine Reise, die ihn zu wunderschönen Trinkwasser-Reservoiren und zu Missgeburten der Machtpolitik führte, erlaubt auch einen neuen Blick auf unser Land.
Hans Graber
Jost Auf der Maur: «Das Reich unter der Schweiz ist von bedeutungsvoller Grösse.» (Bild: Michel Canonica (Chur, 3. Mai 2017))

Jost Auf der Maur: «Das Reich unter der Schweiz ist von bedeutungsvoller Grösse.» (Bild: Michel Canonica (Chur, 3. Mai 2017))

Interview: Hans Graber

Jost Auf der Maur, geht man recht in der Annahme, dass Sie nicht klaustrophobisch veranlagt sind und also keine Angst vor engen und geschlossenen Räumen haben?

Stimmt. Ich leide statt dessen unter Akrophobie, der Höhenangst. Ein Trauma. Dazu brauchte es einen Unfall beim Fallschirmspringen in einem paramilitärischen Kurs vor 44 Jahren. Ich durfte überleben und habe darum für meine Angststörung fast zärtliche Gefühle.

Hatten Sie auf Ihren Entdeckungsreisen im schweizerischen Erd­innern trotzdem mal Bammel, nicht mehr rauszukommen?

Wenn in einem doch relativ engen Tunnel 500 Kilogramm Sprengstoff los­gehen, hat das beim ersten Mal eine so eindrückliche Wirkung, dass der Körper und sein Alarmsystem schlagartig den Modus Notstand aufschalten. Zudem muss ich zugeben, dass ich mich nie ganz wohl gefühlt habe unter Tag. Wir sind nicht geboren, da unten zu leben.

Was fasziniert Sie am Thema «Schweiz unter Tag»?

Dieses Reich unter der Schweiz ist von bedeutungsvoller Grösse, anderseits interessiere ich mich für das Land und seine Geschichte. Sicher ist, dass die Schweiz ohne ihre kostspielige unterirdische Infrastruktur nicht mehr funktionieren würde. Wer also die Schweiz kennen will, sollte auch Nachschau halten unter Tag.

Wie gross ist die Schweiz unter Tag?

Es stehen dank dem Netzwerk der kompetenten Schweizer Tiefbauunternehmen gesicherte Zahlen zur Verfügung, die mit einigen Schätzungen über Tabuzonen ergänzt werden können: Würden alle theoretisch begehbaren Räume aneinandergereiht, ergäbe sich ein Tunnel von Zürich bis nach Teheran, 3750 Kilometer lang.

Standen Ihnen alle Türen offen, oder gibt es Tabuzonen, die niemand betreten darf?

Gerne hätte ich bei der Bergstation der Jungfraubahn jene unscheinbare verschlossene Türe geöffnet, um mit dem dort installierten unterirdischen Bähnli noch höher hinaufzukommen, denn diese Bahn zieht unter anderem durchs blanke Gletschereis. Bei gutem Wetter schimmert dieses Eis zauberhaft blau. Dieser Anblick wurde mir verwehrt – die Schweizer Armee beobachtet dort oben das Wetter und den Luftraum.

Wie haben Sie die Schweiz unter Tag erlebt? Was sieht man da? Sieht man überhaupt etwas?

Der Geruch der unterirdischen Schweiz ist zwar nicht uniform, sogar jeder in einem Tunnel durchfahrende Zug riecht anders. Meistens ist der Geruch im Erdinnern wenig einladend, es «nüechtelet und füechtelet». Die Architektur ist prosaisch, sie muss antworten auf die enormen Kräfte, die die Wunden im Berg wieder schliessen möchten. Schnell geht zudem die Orientierung verloren. Und es gibt vieles, das ein staunender Laie, wie ich es bin, nicht kennt – und darum auch nicht wahrnimmt. Es sei denn, jemand ist dabei und hilft mit Erklärungen.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Die Vielfalt. Und ich bin berührt von den unterirdischen Kavernen der Wasserkraftwerke, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts gebaut worden sind. In diesen ästhetisch durchgestalteten Kathedralen des Fortschritts wird ein noch ungebrochener Glaube an die Technik gefeiert, passend dazu das Singen der Generatoren ohne Ende. Zudem sind viele der Trinkwasser-Reservoire ganz einfach schön. Die Kostbarkeit des Wassers wird hier augenfällig, es wird einem sofort klar, dass Trinkwasser-Reservoirs wichtiger sind als unterirdische Banktresore.

Und was hat Sie am meisten bedrückt?

Die Missgeburten der Machtpolitik, die Fehlinvestitionen, die vom Tunnelblick geschlagenen Techniker und Politiker, die von keiner Sachpolitik behelligt Dinge realisieren konnten und am Ende ungestraft blieben. Dazu gehört die als riesige Zivilschutzanlage konzipierte Bunkerstadt Sonnenberg in Luzern, dazu gehören auch Tunnel wie das sogenannte Bedrettofenster. Es ist über 5 Kilometer lang, aber da fuhr nie ein Zug durch. Auch der Festungsbau ist konzeptionell in vielen Teilen fragwürdig. In den Forts wurde meist auf Kriege gewartet, die schon vergangen waren.

Ihrem Buch ist aber zu entnehmen, dass die «Schweiz unter Tag» nur beschränkt mit unserer Armee zu tun hat.

Das ist so. Die Schweizer Armee hat seit der Gründung des Bundesstaates drei Festungsgenerationen gebaut. Die letzte wurde erst nach dem Ende des Kalten Kriegs fertig und schnell wieder auf­gegeben, weil überholt. Insgesamt hat die Armee aber nur rund 8 Prozent aller unterirdischen Bauten erstellt. Das sind 250 Kilometer begehbarer Hohlraum. Der Verkehr mit 1240, die Wasserkraft mit 800 und der Zivilschutz mit zirka 1200 Kilometern sind alle viel weitläufiger.

Die Schweiz ist gemessen an ihrer Grösse Weltmeister im Bauen unterirdischer Anlagen. Was schliessen Sie daraus?

Die Schweiz hat ihr Territorium in Richtung Erdmittelpunkt erweitert, das lässt sich wertfrei feststellen. Das ist oft sehr praktisch, und «praktisch» ist in der Schweiz ein alles heiligendes Wort. Dabei sehe ich zwei Qualitäten, und die sind gegenläufig: das Verbindende und das Hermetische. Beide erfüllen offensichtlich starke Bedürfnisse. Wir wollen schnell unter den Alpen hinweg nach Süden, nach Norden. Wir wollen aber auch die Stahlbetondecken über unseren Köpfen, wenn es denn zum berühmten «Ernstfall» kommt. Unser Land ist zwar seit 1847 von diesem «Ernstfall» verschont worden, aber er bleibt in unserem Wortschatz das ernsteste aller Wörter. Mit dem «Ernstfall» konnte insbesondere während des Kalten Krieges fast alles begründet und durchgedrückt werden.

Rückblickend scheint manches, was da gebaut wurde, als absoluter Irrsinn, wie etwa die erwähnte Zivilschutzanlage im Luzerner Sonnenberg. Und trotzdem: So ganz abwegig ist es ja nicht, seine Bürgerinnen und Bürger schützen zu wollen, auch wenn man zuweilen übers Ziel hinausgeschossen hat.

Die Bunkerstadt Sonnenberg ist ein Hirngespinst aus dem Kalten Krieg. Als ich 1986 in Basel den Brand von Schweizerhalle erlebt habe, ging niemand in die Luftschutzkeller, nicht nur, weil die voll waren mit Modelleisenbahnen, Kleiderschränken und Weinregalen. Sondern weil es keinen Radioempfang gab. In jenen dramatischen Stunden wollten alle Radio hören. Zudem ist es eine philosophische Frage, ob ich Milliarden in Stahlbetondecken investiere für den Tag X. Oder ob ich den Aufwand zum Beispiel lieber für die Verbesserung der Gesellschaft betreibe. Wir haben uns, fast als Einzige auf der Welt, für die Betondecke entschieden. Das ist doch der wahre Sonderfall Schweiz.

Vielleicht sind wir doch noch mal froh um die Stahlbetondecken. Die USA und Nordkorea drohen einander mit Atomwaffen. Wo anders als unter Tag sollte man sich vor möglichen Auswirkungen schützen?

Der beste Schutz beginnt lange bevor gefuchtelt wird. Wir müssen die Fuchtler kurzhalten, was Kultur und Selbstbewusstsein braucht, Zivilcourage, Aufklärung, Vermittlung. Henri Dunant verlangte nach dem weiblichen Prinzip in der Politik, ohne das kein Frieden möglich sei. Dunants Worte haben mehr denn je Gültigkeit.

Sie sehen die unterirdische Schweiz unter dem Schutzaspekt skeptisch bis negativ. Kann man es nicht auch positiv sehen? Und zwingt uns unsere Topografie nicht dazu, Löcher zu bohren?

Stimmt, die Topografie ist nichts als die reine Einladung, Loch um Loch zu bohren. Ich kritisiere das nicht oder nicht nur, ich beobachte einfach. Und ich staune und bin auch voller Respekt vor vielen Leistungen. Aber wenn die Armee ein Vorhaben im Umfang von 12 bis 15 Milliarden Franken am Volk vorbei in den Urner Fels versenkt, so wie sie es zurzeit mit dem Projekt NEO (Anmerkung: Die Rede ist vom Armee-Informatikprojekt Network Enabled Operations) tut, dann werde ich misstrauisch. NEO soll ja eine Art elektronischer Feldherrenhügel werden, von dem aus die Generalität das Schlachtfeld Schweiz in Echtzeit vor sich sehen will. Ich befürchte sehr, dass sich da etwas anbahnt, neben dem der Mirage-Skandal mit seinen massiven Kostenüberschreitungen wie ein Bubenstreich aussieht. Ich bin gespannt, welche Medien sich trauen, diesen Fall zu untersuchen.

Sie kommen in Ihrem Buch zum Schluss, dass sich die Schweiz womöglich deshalb vertrauensvoll dem Untergrund zuwendet, weil wir ein Land der Agoraphobie seien, der Platzangst, der Angst vor leeren, freien Plätzen. Eine schön klingende These – aber weshalb sollten wir Angst vor Plätzen haben?

Vielleicht, weil es uns eine Pein ist, einen Platz leer zu lassen, ungenutzt, keinem kommerziellen Zweck dienlich. Vielleicht sind wir als Bewohnerinnen und Bewohner einer Bauernrepublik der Weite eines feudalen Platzes einfach nicht gewachsen. Denn solche Plätze mit prächtiger Gebäudekulisse – wir sehen sie in Italien, Russland, Frankreich – verlangen nach dem sicheren, aufrechten Schreiten. Den meisten von uns fehlt es am eleganten Gang und der Freude daran, der bella figura. Und selbst wenn wir könnten, wir würden uns zuerst darob genieren.

Schlecht gefahren ist unser Land mit der Platzangst und dem Sonderfall Betondecke bislang freilich nicht. Ist vielleicht die unterirdische Schweiz nicht auch so etwas wie unser Erfolgsgeheimnis?

Das schöne Wort Erfolgsgeheimnis passt genau. Wir bauen sorgfältig, wir sind diskret, wir perfektionieren, wir wollen das Praktische. Regelmässig sagt auch der Souverän Ja zum Bauen unter Tag. Wir wollen uns verlassen können auf diese unterirdischen Einrichtungen. Sie verleihen dem Land Stabilität, nicht nur eine funktionale, sondern gewiss auch in einem metaphysischen Sinn.

Vielleicht ist Gott ja auch gar nicht im Himmel oben, sondern im Erdinnern, und wir streben zu ihm.

Ein Mystiker wie Bruder Klaus würde sagen, dass Gott auch im Erdinnern sein muss, denn er soll ja in allen Dingen sein.

Wenn Sie sagen «wir bauen», stimmt das so ja nur bedingt. Die Drecksarbeit liessen wir meist von Fremden machen. Auch dazu finden sich in Ihrem Buch viele kritische Anmerkungen.

Die Menschen, die unsere unterirdische Schweiz gebaut haben, waren angewiesen auf den Lohn. Die haben zum Tageslohn im Wert von 4 Kilo Brot den ersten Gotthard-Eisenbahntunnel gebaut.

Sie schreiben, der Bau der unterirdischen Schweiz habe in den letzten 150 Jahren über 10000 Todesopfer gefordert. Wie kommen Sie auf diese gigantische Zahl?

Ich habe addiert. Ich addierte auch jene, die durch die zum Teil unglaublich schlechten Lebensbedingungen am Rande der Tunnelbauwerke zu Opfern wurden. Sie starben an Typhus, Tuberkulose, Wurmkrankheiten, Grippe, sie starben an Krankheiten, die wegen der unmenschlichen Enge grassierten. Darum gehören für mich neben den Mineuren auch die Frauen und Kinder in den Tunneldörfern dazu. Und jene Hundertschaften, die ­erkrankt waren und mit einem Hand- geld nach Hause geschickt worden sind, damit sie mit ihrem Sterben keine Kosten in der Schweiz verursachten. Es wäre höchste Zeit, ihnen allen eine Stätte des Dankes und des Gedenkens zu errichten.

Ist die unterirdische Schweiz fertiggebaut?

Keineswegs, es besteht im Gegenteil ein Tunnelbaustau. Und hoffentlich wird das unterirdische Transportsystem Cargo Sous Terrain gebaut, das den oberirdischen Verkehr massiv entlasten wird und ökologisch unbedenklich ist.

Und was macht Jost Auf der Maur sonst so, wenn er nicht unter Tag ist?

Er liest, er kocht, er freut sich am Licht des Tages.

«Die Schweiz unter Tag»

Das Buch beginnt in Amsteg bei Frau Tresch, welche den legendären Bundesratsbunker öffnet. Herr Künzler führt hinab in die Zentrale Innertkirchen, ein Wasserkraftwerk unter der Grimselpasshöhe. Frau Huwyler besitzt die Schlüssel zur Luzerner Bunkerstadt Sonnenberg: Das sind drei Stationen von Jost Auf der Maurs Entdeckungsreise durch die unterirdische Schweiz.

Er hat sich in diese Unterwelt begeben, von der viele eine Ahnung haben, aber kaum jemand Genaueres weiss. Auf der Maurs Buch bringt Licht ins Dunkel, es ist eine sorgfältige, pointiert formulierte Recherche. Zudem gibt ein Servicekapitel Auskunft über Führungen und Besichtigungen. (red)

Hinweis

Jost Auf der Maur, «Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise», Echtzeit-Verlag, Basel, 144 S., Fr. 32.–.

Buchvernissage am nächsten Mittwoch in Luzern

Jost Auf der Maur (Jg. 1953) ist in St. Gallen geboren und aufgewachsen. Er arbeitet als Journalist und Buchautor. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet. Auf der Maur lebt in Chur. In den 1990er-Jahren war er eine Zeitlang in Luzern wohnhaft.

Nach Luzern zurück führt ihn am Mittwoch, 10. Mai, die Vernissage seines Buches «Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise» (Buchhinweis Seite 24). Die Vernissage in der Zivilschutzanlage Sonnenbergist öffentlich. Sie umfasst von 19.00 bis 20.00 Uhr eine kostenpflichtige Führung durch die Zivilschutzanlage, von 20.15 bis 21.15 Uhr eine kostenlose Lesung samt Autorengespräch. Man kann auch nur an der Lesung teilnehmen. Anmeldung und weitere Infos: www.unterirdisch-ueberleben.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.