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URAUFFÜHRUNG: Datenberge statt Papiermüll

Der Journalist und Autor Tobi Müller schreibt mit «Die Akte Bern» einen «Theaterbericht von Fichen bis Facebook». Ein Stück mit viel Moral und zu wenig Biss am Theater Bern.
Die drei Chatter hacken sich dauernd gegenseitig ins Wort. (Bild: Philipp Zinniker)

Die drei Chatter hacken sich dauernd gegenseitig ins Wort. (Bild: Philipp Zinniker)

Viele niedrige Tische auf- und nebeneinandergestellt zu einer Stufenlandschaft. Darauf Bildschirme, Computer, alte Telefone, ein Berg Papier. Die Fensterfront gibt den Blick frei auf eine Betonmauer und Bäume. Auf vorbeifahrende Züge und eine über einen Zaun balancierende Katze. Sehr transparent, sehr offen. Hier hat einer nichts zu verbergen. Doch dann pustet die Nebel­maschine waberndes Weiss vor die Fenster, aus dem drei Cybermännchen auftauchen. Jedes in weisse Kleidung gehüllt, weisse Netzhemden, weiss geschminkt und eine Tastatur über der Schulter. Sie sind die Bescheidwisser, die sich in Chats Gefechte liefern, diskutieren, ob ein knackendes Telefon Hinweis ist auf eine Überwachung oder nicht.

«Die Akte Bern» heisst das Werk, das der Journalist und Autor Tobi Müller, Bruder von Mike Müller, recherchiert und geschrieben und Regisseur Christoph Frick in den Vidmarhallen des Konzert Theater Bern uraufgeführt hat. Ein, so der Untertitel, «Theaterbericht von Fichen bis Facebook».

«Blablabla.» «Blabla.» «Blabla.» Plötzlich spricht der Papierberg. Es ist Pesche, der Linke, der Moralist. Der Wüter gegen Fichen und Überwachung. Und Annas liebevoller Onkel, der seine Nichte aus der Verdunkelung holt, in die sich die paranoid gewordene Mutter zurückzieht. Die hat, erzählt Anna, den eigenen Vater als Spitzel enttarnt. Anna und Pesche sind die Gegenpole, der Alt-68er und die junge Digital Native, die Müllers These diskutieren: «Vergessen können die Schweizer noch besser als verdienen», sagt Pesche bissig. Was bis 1989 mühsam gesammelt werden musste, geben die Menschen heute freiwillig preis: In sozialen Netzen, im Netz überhaupt. Die Datenberge hätten die Papierberge obsolet gemacht, «technisch und ideologisch», sagt Pesche. Am Ende befürwortet Anna die Überwachung und schwärzt ­Afghanen an, die vor ihrer Tür dealen. Pesche wütet weiter gegen Fichen damals, gegen Facebook heute. Und gegen ­Intoleranz alle Zeit.

Fichenaffäre eher für Kabarett geeignet

Tobi Müller hat mit den Protagonisten der Fichenaffäre gesprochen, Mundartrocker Polo Hofer kurz vor seinem Tod besucht oder Moritz Leuenberger, alt Bundesrat und Leiter der Parlamentarischen Untersuchungskommission von 1989, befragt. Sie sprechen aus den Bildschirmen. Müller hat ehrenwert recherchiert, aber eher einen Zeitungs- als einen Theatertext verfasst, mit zu viel Moral, zu wenig Biss und zu wenig dramaturgisch ­zugespitzten Situationen. Seine Facebook-These ist entlarvend, bleibt aber auch im Stück folgenlos selbst für die, die ihr recht geben. Da wäre eine andere Realität auch für das Stück spannender gewesen. Und das Thema aufgrund seiner Aktualitäten wohl fürs Kabarett geeigneter als fürs Theater.

Christoph Frick gibt sich alle Mühe, die Vorlage dennoch zum Leben zu erwecken, lässt die Schauspieler durch die Fenster steigen, auf dem schmalen Sims herumturnen. Den Chattern ­Milva Stark, David Berger und Nico Delpy gelingt es in immer neuen Konstellationen, Spannung auf die Bühne zu bringen, wenn sie sich gegenseitig ins Wort «hacken», weil sie alle ihre Worte ­mit Auf-der-Tastatur-Geschreibe doppelbödig kommentieren oder karikieren. Das hat mehr Biss als das trocken-theoretische Gerede von Anna und ­Pesche. Es ist nicht die Schuld der Schauspieler Florentine Kraffts und Jürg Wisbach, dass die beiden bis zum Schluss papierene Personen bleiben.

Valeria Heintges

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