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URAUFFÜHRUNG: «Komponisten sind erst Hörer»

Ein Kompositionspreis verschafft Francesca Verunelli einen Auftritt in Luzern. Da spielt sie mit Erwartungen wie im Krimi.
Roman Kühne
Spiel mit Musik, als wäre es Sprache: Francesca Verunelli. (Bild Nadia Schärli)

Spiel mit Musik, als wäre es Sprache: Francesca Verunelli. (Bild Nadia Schärli)

Francesca Verunelli (33) gewann 2012 den «Art Mentor Foundation Lucerne Award for Young Composers». Der daraus resultierende Kompositionsauftrag wird am Mittwoch vom Luzerner Sinfonieorchester uraufgeführt. Die Italienerin hat in Florenz und Rom studiert, bevor sie an das Ircam von Pierre Boulez in Paris wechselte.

Francesca Verunelli, Ihre Uraufführung trägt den sperrigen Titel «Graduale, disambiguation», etwa «Schrittweise, Begriffserklärung».

Francesca Verunelli: Der Name verweist auf den Prozess der Sprachbildung. In der Sprache ist es normal, dass Wörter je nach Situation neue Bedeutungen bekommen. Diese Syntax, die Verknüpfung von Wörtern, die sich daraus ergibt, ist für mich zentral beim Komponieren.

Das tönt jetzt sehr akademisch. Was bedeutet dies konkret für Ihre Musik?

Verunelli: Es ist wie bei einem Zaubermeister. Den Trick muss er beherrschen, jede Bewegung muss sitzen. Aber was zählt, ist das Ergebnis, und dort sollte die Theorie nicht mehr im Vordergrund stehen. Mit meiner Musik ist es ähnlich. Das intellektuelle Grundgerüst ist da, aber dieses sollte man nicht brauchen, um meine Musik zu hören.

Und in Bezug auf die «Wörter»?

Verunelli: Wie Wörter können auch musikalische Elemente Schritt für Schritt, also «graduale», ihre Bedeutung verändern. Das erzählende Element ist ein Kernstück meiner Musik. Eigentlich ist es wie in einer Novelle. Dort oder in einem Krimi wecken die Wörter Erwartungen, und im Verlaufe der Geschichte werden diese Erwartungen teils erfüllt oder in ein anderes Licht getaucht, ja scheinen gar in neuem Zusammenhang auf. Wenn der Bösewicht ein Messer in die Hand nimmt, weckt dies Erwartungen. Aber er kann damit auch nur Brot schneiden.

Und Ihre Werke sind solche Novellen?

Verunelli: Ja. Auch musikalisches Material hat mehrere Bedeutungen. Ich spüre diesen nach, versuche frische Zusammenhänge zu zeigen, Erwartungen zu brechen. Meine Geschichten sind dabei nicht line­ar. Wie in der Literatur versuche ich den Strang meiner Klänge logisch zu zeichnen, aber es gibt Brüche, es ist komplex.

Der Bezug zur Literatur scheint Ihnen sehr wichtig zu sein?

Verunelli: Novellen faszinieren mich. Wie schaffen es grosse Schriftsteller, Verbindungen zu zeigen, Sinn zu kreieren? Mich interessiert aber nicht nur die «Grammatik», sondern Atmosphären, Stimmungen und ihre Veränderung. Wichtig ist auch die Zeit. Mit der Musik kann man, wie in der Literatur, die Zeit schreiben. Und hier schliesst sich der Kreis. Erzählung, Inhalt oder Zeit wären nichts ohne die Verbindungen, die grammatikalischen Strukturen, die «theoretischen» Gesetze.

Sie haben von «musikalischen Elementen» gesprochen. Was verstehen Sie darunter?

Verunelli: Für meine Konzeption von Musik ist es wichtig, flexible Klänge zu finden. Wenn ich auf die Strasse gehe, unterwegs bin, sauge ich alles auf. Es geht mir nicht darum, einen Sound zu erfinden. Mich interessiert vielmehr, was ich damit tun kann, wie ich die Klänge spannend organisieren kann. Alles, was ich höre, bleibt irgendwie hängen. Ein Komponist ist immer zuerst ein Hörer. Ich bin sehr neugierig. Das Gehörte trifft dann auf Dinge, die mich schon lange beschäftigen. Eben wie die Frage nach der Zeit und ihrer musikalischen «Grammatik». In dieser Arbeit versuche ich dann neue Ebenen des Hörens zu finden, die für den Konzertbesucher interessant und spannend sein können. Dies braucht natürlich eine grosse Offenheit. Denn die moderne Komponistenszene ist sehr heterogen.

Wird der Zuhörer nicht überfordert?

Verunelli: Wir lieben es, Dinge zu erkennen. Neues ist ein Niemandsland, strahlt eine gewisse Gefahr aus, kann Unbehagen verursachen. Es braucht sicher Offenheit, seine Ohren für dieses «Fremde», das aktuelle Musik oft darstellt, zu öffnen. Aber eine Öffnung kann zu wunderbaren Entdeckungen führen. Ich mache die Erfahrung, dass gerade Junge, die keine «klassische» Bildung hatten, gegenüber den neuen Klängen aufgeschlossen sind. Jeder, der neugierig ist, kann ein guter Zuhörer sein. Natürlich werden wir manchmal enttäuscht, aber es ist das Risiko wert. Und vielleicht macht uns diese Offenheit gegenüber dem Anderssein auch zu besseren Menschen.

Manchmal hat man bei Komponisten aber auch den Eindruck, dass sie vor allem für sich komponieren.

Verunelli: Natürlich muss man sich auch als Komponist fragen, ob diese Musik hörbar ist oder nur konzeptionell. Allerdings ist es mir sehr wichtig, beim Komponieren ehrlich zu sein. Dabei geht es nicht darum, sein Ego ins Zentrum zu stellen. Es ist die musikalische Idee, die einen antreibt. Ich denke, dass das Publikum diese Ehrlichkeit auch spürt.

Hinweis

Luzerner Sinfonieorchester mit Michael Sanderling (Leitung) und Viktoria Mullova (Violine). Werke von Verunelli, Weill und Schostakowitsch: Mittwoch, 12. März, 19.30 Uhr, Konzertsaal, KKL, Luzern. VV: Tel. 041 226 05 15.

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