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URAUFFÜHRUNG: Per Aufzug in die Modehölle

Güzin Kars Stück «Sweatshop – Deadly Fashion» schaut in gestresste Teenager-Seelen und hinter die Kulissen der globalen Modeindustrie. Ein zwiespältiger Theaterabend in Zürich.
Valeria Heintges
Ann Mayer, Lee-Ann Aerni und Lukas Stäuble sprechen in sendereifen Instagram-Meldungen. (Bild: Tanja Dahrendorf)

Ann Mayer, Lee-Ann Aerni und Lukas Stäuble sprechen in sendereifen Instagram-Meldungen. (Bild: Tanja Dahrendorf)

Valeria Heintges

Es ist eigentlich kein Kriterium für einen guten Theaterabend, wenn man sich hinterher fragt, ob man im Kino war oder im Theater. Es ist auch kein Kriterium, dass Leute, die ein wenig schlecht hören, kaum den Hauch einer Chance haben, langen Passagen des Abends zu folgen. Aber es stört trotzdem. Es ist auch kein Kriterium, ob am Ende Zuschauer auf die Bühne klettern, um sich über die Ungerechtigkeiten der globalen Modeindustrie zu informieren. Aber es freut trotzdem.

Und in dem Sinne muss man das Projekt «Sweatshop – Deadly Fashion» als geglückt bezeichnen, das als Koproduktion des Jungen Theaters Basel, der Kaserne Basel und des Schauspielhauses Zürich im Rahmen der Zürcher Festspiele über die Bühne des Pfauen ging. Auch wenn man sich zwischendurch ziemlich gelangweilt hat.

Kleidung entsteht unter erbärmlichen Umständen

«Sweatshop – Deadly Fashion» will ein interessanter Theaterabend sein, den Zwang junger Leute thematisieren, immer und überall hip zu sein, zeigen, wie ungerecht die globale Modeindustrie ist, und die Zuschauer zum Handeln bringen. Viererlei ist ziemlich viel auf einmal. Regisseur Sebastian Nübling, Texterin Güzin Kar, Lucien Haug und das Ensemble nutzen Titel und Motive einer Dokumentarserie, die die norwegische Zeitung ­«Aftenposten» gemacht und ins Netz gestellt hat.

Die Redaktion schickte drei junge, naive Modeblogger – zwei Frauen, einen Mann – nach Kambodscha und liess sie in die Welt der Näherinnen eintauchen. Der Film zeigt bedrückend und sehr nah dran an den Menschen vor Ort, unter welch erbärmlichen Umständen die Kleidung entsteht, die in Europa billigst verkauft wird.

Nur verstreut spricht ein Kind in Zürich diese harten Fakten, die jungen Leute quittieren sie mit einem «Ich has im Fall jetzt checkt». Gehetzt, wie auf Koks tauchen Ann (Ann Mayer), Lee-Ann (Lee-Ann Aerni) und Lukas (Lukas Stämpfli) vor dem Modepavillon auf der Bühne auf und laufen über den in den Zuschauerraum gebauten Catwalk (Bühne Dominic Huber), posieren und sprechen in sendereifen Insta­gram-Meldungen: «Like or dislike?». Dieses Leben wird noch stressiger, als Lukas in der Unterwelt – der Hinterwelt des Theaters – verschwindet.

Per Aufzug in den Mode-Hades, übertragen per Video. Die drei treffen den mephistophelischen Ladenbesitzer, den alternden Kaufsüchtigen, den Homo Zalando (Vera Flück im grossartigen Wisch-und-Kauf-Rausch) und die zu mechanischen Alten mutierten Marlboro-Cowboys, die vom Untergang der Welt erzählen, mit den Gelenken quietschen und bedenklich die behüteten Köpfe wiegen. Szenen wie diese, mit konzentriert geschriebenen Texten, von Markus Scheumann und Matthias Neukirch phänomenal gespielt, lassen kurzzeitig vergessen, dass man jetzt über weite Strecken einem Kinofilm beiwohnt, in dem Argumente und Fakten, die sattsam bekannt sein sollten, eher drastisch als dramatisch ausgetauscht werden.

Die drei jungen Akteure vom Jungen Theater Basel spielen mit Herzblut, Verve und Energie, ihr Gerede im Banne der Popkultur ist authentisch, ermüdet aber auf Dauer, weil es eins zu eins abgebildet statt theatralisch verdichtet wird. Und die Welt in den Produktionsländern kommt lange nur sehr am Rande vor.

Bis Mio Itschner von Jasmin berichtet, die in Vietnam geboren, aber in die Schweiz adoptiert wurde. Kürzlich erfuhr sie von einer Schwester in Vietnam und besuchte sie: Seit ihrem zwölften Lebensjahr arbeitet diese als ­Näherin, für weit weniger als den Mindestlohn. Jasmins Auftritt ist nur kurz, die meiste Zeit davon arbeitet sie stur den Haufen Nähstücke neben sich ab, nur das Rattern der Nähmaschine ist zu hören. Manchmal braucht Theater so wenig, um sehr zu berühren.

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