URI: Provokative Kunst erhitzt die Gemüter

Frech und ungewöhnlich: Vor 20 Jahren haben Künstler mit Werken im öffentlichen Raum für grosses Aufsehen gesorgt. Besonders umstritten war eine Holzbeige.

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Das hat beeindruckt: Mit Heini Guts Brückeninstallation konnte man Tell auf Augenhöhe begegnen, bemerkte aber gleichzeitig auch den grossen Verkehr durch Altdorf. (Archivbild Neue UZ)

Das hat beeindruckt: Mit Heini Guts Brückeninstallation konnte man Tell auf Augenhöhe begegnen, bemerkte aber gleichzeitig auch den grossen Verkehr durch Altdorf. (Archivbild Neue UZ)

Was ist Kunst? Was hat eine Holzbeige damit zu tun? Und kann gar ein Miststock kunstvoll sein? Vor 20 Jahren haben diese Fragen im Kanton Uri für hitzige Diskussionen gesorgt. Mit der Ausstellung «Memento» wurde damals zeitgenössische Kunst in Uri erstmals im öffentlichen Raum gezeigt, auch im Zentrum von Altdorf.

Wir schreiben das Jahr 1995. Das Telldenkmal in Altdorf wird 100-jährig. Hundert Jahre, in denen an den Nationalhelden erinnert wird, an den Widerstand gegen die Obrigkeit. In den hundert Jahren aber hat sich die Bronzefigur von Richard Kissling auch zu einem Symbol für Patriotismus und Nationalismus entwickelt. Deswegen sind sich die Kulturverantwortlichen einig: Das Jubiläum des Telldenkmals soll gefeiert werden, jedoch ohne den Nationalhelden ins Zentrum zu rücken. «Das würde keinen kulturellen Sinn ergeben», heisst es in einem Protokoll von Arturi, einer Vereinigung Urner Kunstschaffender, die von 1992 bis 2012 besteht. Die Kulturkommission Altdorf entwickelt die Idee: Künstler sollen aufzeigen, wie ein Denkmal in den 1990er-Jahren Sinn machen könnte.

Die Künstler können sich dem Inhalt widmen und brauchen sich nicht um die Geldbeschaffung und die Organisation zu kümmern – das übernimmt die Kulturkommission. Von dieser Ausgangslage lassen sich über 20 Kunstschaffende inspirieren. Eine Jury sondiert die geeignetsten Werke aus und entscheidet, 18 Projekte zu realisieren.

Verärgerte Zeitungsleser

Anfang August 2015 blättert Andreas Wegmann im Katalog, in dem alle «Memento»-Werke zusammengefasst sind. «Die Künstler haben hier gute Arbeit gemacht», sagt der Lehrer für Bildnerisches Gestalten am Kollegi. Auch Wegmann hat sich als Künstler an «Memento» beteiligt. Ohne es zu beabsichtigen, schuf er eines der provokativsten Ausstellungsstücke. Der Erstfelder nahm sich der Thematik der beschränkten Ressourcen und Platzverhältnisse an. Er stellte an drei ungewöhnlichen, öffentlichen Orten in Altdorf eine gewöhnliche Holzbeige auf: Im Winterbergpark, in der Garderobe des Rathauses und auf einem Lehn-Parkplatz. «Es war eine Hommage an die vielen Holzbeigen, die fein säuberlich im Wald angelegt werden, und an die traditionelle regionale Energie», sagt Wegmann rückblickend. «Nur bekamen sie in der unüblichen Umgebung eine total andere Bedeutung.»

Neben Wegmanns Arbeit gab es in Altdorf ein mit Zeitungen bekleistertes Haus, eine nicht funktionierende Telefonkabine, einen Stapel leerer Holzpaletten, eine Brücke mitten in einer schmalen Gasse, einen Windkanal aus Gusseisen und weitere ungewohnte Objekte zu sehen. Die Ausstellung im öffentlichen Raum zeigte Wirkung. «Ich kann den Gemeinderat nicht verstehen, der das Aufstellen solcher zweckentfremdender Objekte überall im Dorf bewilligt, letztlich werden auch – wenn teils indirekt – Steuergelder verwendet», schrieb ein verärgerter Leser der «Neuen Urner Zeitung», noch bevor die Ausstellung am 26. August 1995 offiziell öffnete. Diese Art von Kunst sei geschmacklos. Gar einen Schaden für den Tourismus beschwor der Leser herauf.

Gemeinderat steht hinter Aktion

Mit Reaktionen sei natürlich zu rechnen gewesen, sagt Andreas Wegmann heute. Doch das Ausmass habe überrascht. «Das Publikum war einfach schlecht vorbereitet. Bisher hatten nur Leute solche Kunst zu Gesicht bekommen, die sich dafür interessiert haben. Im öffentlichen Raum aber war sie plötzlich für alle zu sehen.» Was folgte, war ein regelrechter Sturm an Leserbriefen – verfasst von verärgerten Bürgern. Und zum Schluss war Wegmann einer der wenigen, die versuchten, Erklärungen seitens der Künstlerschaft zu liefern. Eine Woche vor der Vernissage nahm er gar eine ganze Zeitungsseite in Anspruch. Doch er musste sich eingestehen: «Es wollte teilweise gar nicht verstanden werden.»

Die Kritik drang bis zum Gemeinderat Altdorf vor. Beat Widmer, der damals für die Kultur zuständig war, erinnert sich: «Mich hat eine Frau angerufen, die sich über die Verschwendung von Steuergeldern ausgelassen hat.» Im Nachhinein aber habe sich herausgestellt, dass die Frau gar nicht in Altdorf Steuern zahlte. Widmer blieb ruhig und erklärte der Frau, was mit den einzelnen Objekten ausgedrückt werden wolle. «Danach war die Welt wieder in Ordnung.»

Der Gemeinderat sei der Aktion immer positiv gegenübergestanden, sagt Widmer. «Auf diese Weise war Altdorf über lange Zeit im Gespräch.» Über 3000 Leute besuchten wegen der umstrittenen Kunstwerke den Urner Hauptort. Zu einem besonderen Magnet hatte sich die Gerüstkonstruktion vor dem Telldenkmal über die Hauptstrasse entwickelt. Diese ermöglichte es, der Tellfigur auf Augenhöhe zu begegnen. Auf der Plattform aber nahm man auch den extrem starken Verkehr durch Altdorf wahr. «Altdorf hat damals kulturell viele positive Wege eingeschlagen», fasst Widmer zusammen.

Kunst kommt zu den Menschen

Das sieht auch der damalige Bildungs- und Kulturdirektor Hansruedi Stadler so. «‹Memento› war für Uri ein wichtiges Kulturereignis», sagt er. «Die Kunst ging zu den Menschen im Dorf. Sie wurde in der breiten Bevölkerung zum Thema gemacht.» Auch die Holzbeigen von Wegmann und die Reaktionen darauf sind Stadler noch in bester Erinnerung: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde neben der Holzbeige auf dem Lehn ein Miststock angelegt. «Ist Mist Kunst oder Kunst Mist?», titelte daraufhin die «Neue Urner Zeitung». «Das zeigt doch, dass ‹Memento› Bewegung in die Szene brachte», sagt Stadler. «Heute wünsche ich mir ab und zu etwas mehr ‹Memento›, etwas mehr Freches, Unkonventionelles und Unbeschwertes», so der alt Ständerat. «Man muss nicht immer alles verstehen.» Stadler zieht auch Parallelen zum Urner Künstler Heinrich Danioth. «Zu seiner Zeit konnten ihn viele nicht verstehen. Heute ist er fast ein Nationalheiliger.»

Wegmann selber nahm die Erweiterung seines Werks mit dem Miststock damals nüchtern zur Kenntnis. «Kunst ist Aufklärung», sagt er. «Die Arbeiten sollten den Blick weiten, um künftige Probleme wahrzunehmen.» Denn weshalb rege man sich über ein geparktes Auto weniger auf als über eine Holzbeige am selben Ort, die erst noch dasselbe Energiepotenzial in sich birgt wie der Tank eines Fahrzeugs? «Das sind nachvollziehbare Gedanken», so Wegmann. «Aber es braucht Offenheit, um diese zuzulassen.»

«Es gibt immer Denkverweigerer»

Und wie steht es um die Offenheit in der heutigen Zeit, 20 Jahre nach «Memento»? «Wahrscheinlich gibt es immer noch Denkverweigerer», sagt Wegmann. «Und wahrscheinlich wird es immer Leute geben, die alles schlechtreden, was nicht ihrem Kunstverständnis entspricht, anstatt sich auf Erklärungen einzulassen.» Trotzdem glaubt er, dass «Memento» heute nicht mehr dieselben Wellen werfen würde wie 1995. «Vielleicht geht man heute eher mit dem Anspruch an Kunst heran, damit zu arbeiten und damit neue Erkenntnisse und Erfahrungen zu gewinnen.» Und eines würde Wegmann von vornherein anders machen: «Heute würde man der Kommunikation und der Vermittlung mehr Gewicht geben.»

20 Jahre nach «Memento» sind noch immer zwei Kunstwerke erhalten geblieben: Der «Föhnkanal» im Spitalgarten sowie die Brücke, die mittlerweile an den Dorfbach nahe der Flüelerstrasse vorschoben wurde.

Florian Arnold

Ein Zeitungsausschnitt der «Neuen Urner Zeitung» vom 11. August 1995. (Bild: Neue UZ)

Ein Zeitungsausschnitt der «Neuen Urner Zeitung» vom 11. August 1995. (Bild: Neue UZ)

Andreas Wegmann, Künstler: «Es wollte teilweise gar nicht verstanden werden.» (Bild: Erich Haesler CH-Interlaken)

Andreas Wegmann, Künstler: «Es wollte teilweise gar nicht verstanden werden.» (Bild: Erich Haesler CH-Interlaken)