USA: T. C. Boyle: «Die Kunst darf sich nicht kapern lassen»

T. C. Boyle (68) gilt als der Rockstar der US-Literatur. Im Interview spricht er über sein nächstes Buch – und über seine Liebe zur amerikanischen Demokratie, die er vor einer Bewährungsprobe sieht.

Isabelle Daniel
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T. C. Boyle beim Interview im Hotel Kindli in Zürich. (Bild: Dominik Wunderli (24. Februar 2017))

T. C. Boyle beim Interview im Hotel Kindli in Zürich. (Bild: Dominik Wunderli (24. Februar 2017))

Interview: Isabelle Daniel

T. C. Boyle, Sie haben eine zweiwöchige Lesereise hinter sich. Was machen Sie, wenn Sie wieder zurück in Kalifornien sind?

Ich werde an meinem neuen Buch arbeiten. Es beginnt und endet übrigens in der Schweiz.

Haben Sie ein besonderes Verhältnis zur Schweiz?

Nein, abgesehen davon, dass ich schon oft hier war und das Land sehr liebe – vor allem Zürich. Ich liebe es, dass die Natur mitten durch die Stadt geht. Mein neuer Roman beginnt jedoch in Basel. Es ist der Velotag im Jahr 1943, und Albert Hofmann, der Schweizer Chemiker, der LSD synthetisierte, nimmt eine Dosis, weil er wissen will, welchen Effekt das haben wird. Danach muss er wieder nach Hause – auf dem Velo. Das ist der Anfang, danach geht die Geschichte in Boston weiter.

Ihr aktueller Roman, «Die Terranauten», hat auch einen historischen Bezug: zu einem Experiment namens Biosphäre 2, das in den 90er-Jahren in Arizona stattfand. Sie greifen eine Vielzahl an Themen auf: den Klimawandel, aber auch Rassismus und soziale Gerechtigkeit. Welches dieser Probleme wirkt sich am schwerwiegendsten auf unsere Gesellschaft aus?

Ich schreibe seit Beginn meiner Karriere über Umweltthemen. Ich habe mich immer mit der Frage beschäftigt: Was machen wir als Tiere auf diesem Planeten – als Tiere allerdings, die fähig sind zu Kreativität und Spiritualität? Im Falle der «Terranauten» geht es um das Problem, dass unsere Welt kollabieren wird und daran gearbeitet wird, einen Teil der Menschheit zu retten. Allerdings ist diese Idee, wie Sie in Ihrer Frage angedeutet haben, sehr exklusiv. Ein Teil der Menschheit wird gerettet, aber was ist mit dem Rest von uns?

In Ihrem Roman entfaltet das so­ziale Verhalten der Charaktere das destruktivste Potenzial. Wird unser Egoismus uns daran hindern, die Welt zu retten?

Diese Interpretation gefällt mir. Aber ich weiss es nicht. Ich schreibe keine Romane, um meinen Lesern eine politische Agenda aufzuzwängen. Ich präsentiere einen Blickwinkel, den der Leser als mein gleichberechtigter Partner einnehmen kann. Was er daraus macht, ist seine Entscheidung. Ich habe acht Personen genommen und sie in ein Glashaus gesteckt. Die Frage, was in so einer Situation passiert, hat mich sehr fasziniert.

Haben Sie das historische Projekt in Arizona damals verfolgt?

Ja, ich habe alle Zeitungsartikel darüber gesammelt. Ich wusste immer, dass ich darüber schreiben will. Das Experiment musste abgebrochen werden, weil eine der Teilnehmerinnen sich verletzte und ins Spital musste. Wie Ramsay Roothorp im Roman sagt: Das war der Köder für die Öffentlichkeit: der Gedanke, dass, egal was geschieht, niemand das Gewächshaus verlassen dürfe. Was geschieht, wenn es einen Notfall gibt? Wenn die Idee ist, dass wir eine neue Welt erschaffen wollen – und diese, wie die Nasa es vorhat, auf einem neuen Planeten entstehen soll –, dann können wir nicht einfach nach draussen. Es ist am Leser, zu beurteilen, ob wir uns nicht einfach besser um die Biosphäre 1 kümmern sollten, in der wir alle leben.

Sie haben Ramsay Roothorp genannt, einen der drei Erzähler der Geschichte. Er und Linda Ryu, eine weitere Erzählerin, haben teils furchtbar unsympathische Charakterzüge. Fühlen Sie sich je abgestossen von Ihren eigenen Figuren?

Nein, ich liebe sie alle. Ich finde, Menschen sind komplexer als die Figuren im typischen Hollywood-Film. Ich sehe Dawn als unschuldige Figur, die sich mit Hingabe für das Experiment engagiert und die die Welt wirklich retten will. Ramsay ist manipulativer ...

Ich habe ihn gehasst!

Schön, das freut mich. Mein Lieblingscharakter ist Linda. Ich habe mich gefragt, wie es für jemanden, der sein ganzes Leben einem Fach widmet, sein muss, ausgeschlossen zu werden. Man kann eine Analogie zum Schreiben herstellen: Es gibt jede Menge Schriftsteller, die genauso hingebungsvoll dem Schreiben gegenüber sind wie ich, die genauso hart arbeiten wie ich. Trotzdem wird ihre Arbeit nie zur Kenntnis genommen. Das muss niederschmetternd sein. Für Linda ist diese Erfahrung so qualvoll, dass sie Missgunst und Neid gegenüber ihrer besten Freundin entwickelt.

Wäre Donald Trump eine interessante literarische Figur?

Das wäre zu simpel. Er wird jedes Mal selbst zur Satire, wenn er den Mund aufmacht. Hinzu kommt, dass die Kunst sich nicht kapern lassen darf. Ja, ich schreibe über politische, soziologische und technologische Themen, vor allem in meinen Kurzgeschichten. Aber ich habe nicht vor, eine davon unserem neuen Diktator zu widmen.

Sie sind in den vergangenen Wochen überall in Europa nach dem neuen US-Präsidenten gefragt worden. Sind wir Europäer besessen von Trump?

Ja, aber welche zivilisierte Person könnte das nicht sein? Trump steht für alles, was ich ablehne. Er ist die grösste Herausforderung für die amerikanische Demokratie in unserer Geschichte.

Glauben Sie, dass er die Demokratie zerstören kann?

Ja, das ist meine Angst. Was er auf jeden Fall zu zerstören vermag, ist unsere Umwelt. Umweltpolitisch hat er uns 100 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Ich hege allerdings diverse Hoffnungen. Eine davon ist, dass seine Partei ihn durch ein Impeachment-Verfahren loswerden wird. Auch der Vizepräsident Mike Pence steht für alles, was ich ablehne, aber er ist kein Autokrat.

Sie haben in einem TV-Interview gesagt, Trump inszeniere sich als «starker Mann», der die Arbeiterklasse verführe. Das klingt, als wäre Trump eine Art Dämon. Ist es wirklich so einfach?

Ich komme selbst aus der Arbeiterklasse. Ich war der Erste in der Familie, der aufs College ging – dank unserer Demokratie, in der zu leben ich sehr stolz bin. Wir hatten ein grossartiges öffentliches Bildungssystem. Nun hat Trump Betsy DeVos als Bildungsministerin installiert, eine Milliardärin, die Geld aus der öffentlichen Hand für Charterschulen will, die sich an eine bestimmte Klasse richten. Das ist furchtbar falsch. Es ist wahr: Ich tendiere dazu, eine extreme Sichtweise zum Ausdruck zu bringen. Ich bin aber tatsächlich sehr besorgt über das, was passiert. Ich kenne viele Leute aus der Arbeiterklasse, und sie alle unterstützen Trump. Traurig daran ist, wie er es geschafft hat, sie zu mobilisieren: mit Rassismus und der traditionellen Sündenbock-Strategie, die in diesem Fall die Mexikaner trifft.

Der Rassismus gegenüber mexi­kanischen Einwanderern war das Thema Ihres 1995 erschienenen Romans «América». Darin wird eine Mauer gebaut. Haben Sie das Gefühl, die Ereignisse vorhergesagt zu haben?

Alles, was ich schreibe, trifft früher oder später ein. Ich sollte fröhlichere Geschichten schreiben. Es ist alles meine Schuld! (lacht) Das Thema Exklusion begleitet mein schriftstellerisches Schaffen jedoch schon lange. Auch in den «Terranauten» geht es ja darum, Mauern zu bauen, die eine Gruppe von Menschen ausschliessen.

Ein anderes Motiv in den «Terranauten» ist der Voyeurismus, mit dem die Aussenwelt das Geschehen im Gewächshaus beobachtet. Handelt es sich bei der Faszination für Trump um dasselbe?

Nun, die «Terranauten» basieren auf den Teilnehmern des Biosphäre-2-Projekts. Es handelt sich dabei mehr um eine Inszenierung als um ein wissenschaftliches Experiment. Deshalb erkennt Dawn zu Beginn des Buches, dass ihre beste Freundin Linda nicht ausgewählt werden wird. Linda sieht nicht so gut aus wie die anderen Kandidatinnen. Es geht um Attraktivität, nicht um Kompetenz. Und es gibt den Voyeurismus der Öffentlichkeit: Für das Publikum ist es prickelnd, Leiden und Leidenschaft im Gewächshaus zu beobachten. Auch im historischen Fall war das so. Zwar wurde das Experiment nicht pausenlos aufgezeichnet, es kamen aber täglich Tausende Menschen angereist, die durch die Glaswände schauten. Es war wie eine Reality-Sendung. Da kommt Ihr Trump-Vergleich ins Spiel.

Trumps Unterstützer werfen Feministen und Umweltschützern wie Ihnen vor, den Mainstream zu verkörpern. Fühlt sich das merk­würdig an?

Traurigerweise ist das Land gespaltener, als ich es je für möglich gehalten hätte. Am Wahltag kam die Presse zu mir. Ich sagte ihnen, dass ich Teil des Problems bin, weil ich an Frauenrechte, Multikulturalismus, an den Sozialstaat und den Umweltschutz glaube. Gehörte ich mit dieser Meinung dem Mainstream an, wäre Hillary Clinton heute Präsidentin. Stattdessen wird jetzt alles, wofür ich einstehe, systematisch zerstört. Ich sehe Furcht einflössende Parallelen zwischen Trump und den Faschisten vergangener Tage. Sein Machtbegriff, die Art, wie er die freie Presse schon attackierte, bevor er gewählt war: Das sind verstörende antidemokratische Tendenzen, die mir Angst machen.