Verstörende Amour fou bei 37,2 Grad

Regina Grüter
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Kultroman «Betty Blue» haut ­einen um, auch mehr als 30 Jahre später noch. Der 1985 erschienene Roman von Philippe Djian erzählt eine der wohl verstörendsten Amour fou der Literaturgeschichte aus der Perspektive von Zorg, einem brotlosen Schriftsteller, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält: «Ich wusste noch nicht, dass sie mit ­Lichtgeschwindigkeit von einer Verfassung in die andere übergehen konnte.» Seine Freundin, Betty, leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Allein der Originaltitel «37,2° le matin» verrät es – obwohl sich die Temperaturangabe «37,2 Grad am Morgen» auf die mögliche Schwangerschaft der Hauptfigur bezieht. In «Betty Blue» ist die Hitze ein wichtiger Faktor. Körperliches Feuer, seelischer Furor. Oder macht sie die Gluthitze da draussen verrückt? Die fiebrige Stimmung kippt von Überschwang in Melancholie – und schliesslich in tiefste Verzweiflung. Die Zeichen stehen auf Sturm, und die Liebe, so sehr sie sich ihre Welt darum herum­ ­bauen, hat keine Chance. Die innere Verfassung der Figuren findet ihre Entsprechung in der Sommerhitze, die sich in heftigen Gewittern entlädt. Die Verfilmung machte «Betty Blue» zum Kult. Die Story beginnt und endet mit einem Chili, das auf kleiner Flamme vor sich hinköchelt.

 

Regina Grüter

Philippe Dijan: Betty Blue. Diogenes