Interview

Der zehnte Fall ist vielleicht der letzte Hunkelerkrimi von Autor Hansjörg Schneider

Am Donnerstag erscheint sein zehnter Fall: «Hunkeler in der Wildnis». Gibt es einen elften? Das lässt der 81-jährige Autor Hansjörg Schneider offen.

Hansruedi Kugler
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Hunkeler-Erfinder Hansjörg Schneider lässt seinen Kommissär an diesem Brunnen in Basel an der Ecke Mittlere Strasse, St.Johanns-Ring denken, dessen Plätschern sei «wie eine Verheissung».

Hunkeler-Erfinder Hansjörg Schneider lässt seinen Kommissär an diesem Brunnen in Basel an der Ecke Mittlere Strasse, St.Johanns-Ring denken, dessen Plätschern sei «wie eine Verheissung».

Bild: Colin Frei (Basel, 19.3.2020)

Die Verwilderung des Menschen, das abgehängte Elsass, die paradiesische, aber auch unheimliche Natur und eine Reihe skurriler Stadtfiguren – das interessiere ihn mehr als die Krimimechanik von Verdacht und Aufklärung, sagt Hansjörg Schneider. Sein Kommissär löst in «Hunkeler in der Wildnis» den Mord an einem Basler Theaterkritiker. Eine Hauptrolle im Roman spielt die Natur. Zuerst aber haut der Kommissär ins Elsass ab, müde von den Toten, die ihm immerzu vor die Füsse fallen. Schneider macht daraus einen melancholischen, literarischen Krimi, und zeichnet Hunkelers Seelenbild.

In Ihrem neuen Krimi sitzt Hunkeler an einem sonnigen Sonntag im Juni im Strassencafé. Das macht einem jetzt gerade wehmütig.

Hansjörg Schneider: Das stimmt. Jeden Morgen gehe ich in ein Strassencafé, trinke Milchkaffee, esse Gipfeli, lese Zeitungen und treffe Leute. Das ist für mich sehr wichtig. Danach gehe ich eine Stunde lang im Kannenfeldpark spazieren. Nun ist diese Café geschlossen. Ich vermisse das sehr.

Wie gehen Sie damit um?

Meiner Meinung nach muss der Bundesrat ein Ausgehverbot vor allem für über 70-Jährige beschliessen. Auch wenn das Eingesperrtsein für mich schwierig auszuhalten ist.

Beim zehnten Hunkeler hätte man vermuten können, es könnte ein Abschiedskrimi sein. Aber nein, am Ende fährt Hunkeler mit seiner Hedwig nach Italien in die Ferien. Also nicht der letzte Hunkeler?

Ich werde 82 Jahre alt. Auch wenn das Resultat einfach wirkt, braucht die Schreiberei viel Kraft. Vielleicht kommt mir noch einer in den Sinn, vielleicht habe ich noch die Kraft dazu.

Wird der Hunkeler einmal in einem Krimi sterben?

Nein, ich habe kein Bedürfnis, den Hunkeler sterben zu lassen.

Sie sagen oft, Schreiben sei das Schönste. Woran sind Sie gerade?

Als dieser Coronavirus aufgetaucht ist, dachte ich, darauf müsste ich reagieren. Ich könne das nur ertragen, wenn ich ihm etwas entgegensetze. Aber ich bin vorsichtig mit den Anfängen. Der Anfang muss stimmen, sonst kann man eine Geschichte kaputtschreiben. Wer weiss, vielleicht wird daraus ja ein weiterer Hunkeler.

Vom Stil her ist der neue Hunkeler impressionistisch, mit auffälliger Liebe in den Naturbeschreibungen. Woher kennen Sie die vielen Vögel?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, wo es von Vögeln wimmelte. Als Kinder legten wir geschälte Haselnüsse auf die Fenstersimse. Wenn wir die Fenster geöffnet haben und die Nüsse auf der Hand rausstreckten, kam garantiert eine Meise und setzte sich auf die Hand. Sogar die Jungen kamen ohne Angst zu uns und setzten sich auf unsere Schultern und auf den Kopf. Ich kenne eigentlich alle Vögel, den wunderschönen Gartenrotschwanz oder auch den Pirol, der wahnsinnig schön flötet.

Haben Sie im Elsass auch mal einen verwilderten Hund wie den Kaspar im neuen Hunkeler aufgenommen?

Der Hund markiert den Ausbruch der Wildnis – das Romanthema. Einen Hund hatte ich nie, nur Katzen, die mir zugelaufen sind. Diesen Hund hatte ich im Roman gar nicht geplant. Es ist der erste Hunkelerroman, den ich angefangen habe, ohne zu wissen, wohin der Roman führen würde. Einmal geht der Hunkeler zu einer Kollegin, die Angst vor Wölfen hat. Erst an dieser Stelle kam mir die Idee für den verwilderten Hund. Als Autor merkte ich dann schon, dass dieser Hund wichtig werden könnte. Das Unheimliche, Wilde gehört zum Menschen genauso wie Vernunft und Nächstenliebe. Gerade jetzt erleben wir ja hautnah, wie etwas Unheimliches, Gefährliches in die Welt hereinbricht.

Kam erst durch diesen Zufallshund die Wildnis in den Roman?

Ich wusste, dass ich diese Gegend im Elsass, die ich sehr gut kenne, noch einmal richtig beschreiben und aufleuchten lassen will. Da gibt es Dörfer, in denen es nichts mehr gibt, ausser alte Bauernhäuser mit leeren Ställen, neue Häuschen der Grenzgänger und einen Wald, ein richtiger Urwald. Es geht mir aber eher um die Wildnis im Menschen. In meiner Schreiberei, besonders in der Theaterarbeit, hatte ich oft das Thema, dass unter der Oberfläche immer etwas Abgründiges liegt. Das ist meine Meinung über Menschen. Menschen sind notdürftig domestizierte Tiere.

Deshalb die vielen Verdächtigen, die Motive haben für einen Mord am Theaterkritiker und Frauenheld Schmidinger. Unter bestimmten Umständen sind alle Menschen zu einem Mord fähig?

Daran gibt es keinen Zweifel. Den Gedanken könnte ich weiter spinnen. In den letzten Jahrzehnten war vor allem in der Schweiz alles wohlgeordnet. Die Leute haben das als selbstverständlich angesehen, haben sich daran gewöhnt, allen ging es gut. Aber im Grunde ist unser Leben ein ständiger Kampf zwischen der Kultur und der Wildheit.

Wie beim Livius wird im neuen Hunkeler die Besetzung des Elsass durch die Nazis Thema. Fanden Sie in Ihrem Haus im Elsass auch eine SS-Uniform auf dem Estrich?

In unserem Haus nicht. Aber eine Szene gründet auf einem wahren Erlebnis. In Knoeringue gab mir eine alte Wirtin vor Jahren eine Briefkopie eines Verwandten von ihr, der aus Russland einen Brief geschickt hatte. Der wurde von den Nazis eingezogen und desertierte in Russland. Kurz vor seiner Hinrichtung hat er noch einen Abschiedsbrief geschrieben. Das war so himmeltraurig. Diesen Brief wollte ich mal in einem Hunkelerroman verwenden. Und jetzt war die Gelegenheit dazu.

Sind weitere Hunkeler-Verfilmungen in Planung?

Es gibt sieben Hunkeler-Verfilmungen mit Mathias Gnädinger. Er machte das grossartig. Als er während den Vorbereitungen für den achten starb, entschied die Produktionsfirma, die Arbeiten zu stoppen, weil der Hunkeler in der Vorstellung des Publikums halt der Gnädinger war. Ich begreife das, aber es ist schon schade.

Könnten Sie sich einen anderen Hunkeler als Gnädinger vorstellen?

Ein Mitspracherecht habe ich nicht. Die Filmrechte sind beim Verlag und die Produktionsfirma würde mich auslachen. Ich hatte das Recht, die Drehbücher zu lesen. Aber mitgeschrieben habe ich nie.

Hat Sie der Schaffhauser Dialekt von Gnädinger nie gestört?

Doch. Ich bin ja Zofinger und wir hatten auch mal an Mike Müller gedacht. Der kommt aus Olten und ist ein sehr guter Schauspieler. Aber der war damals einfach viel zu jung. Und heute für den pensionierten Hunkeler ist er auch zu jung. Aber das sind bloss Spielereien.

Hunkeler hat wieder viel von Hansjörg Schneider. Hunkeler zitiert aus dem frühen Gedicht «Vom ertrunkenen Mädchen» von Bertolt Brecht. War der ihr Vorbild?

Ich war mit 20 Jahren erst ein Fan von Rilke und Hesse. Dann entdeckte ich Hemingway. Mein grosser Lehrmeister war aber Bertolt Brecht. Im Gymnasium gab es gar keine Möglichkeit, Brecht zu lesen, der galt als Kommunist. Brechts Lyrik und sein Theater mit seiner wunderbaren Sprache war eine Offenbarung. Das Wassermotiv in diesem Gedicht nehme ich übrigens später im Roman bei einem weiteren Mord wieder auf. Manchmal ist das Schreiben rätselhaft. Erst da wurde mir klar, wieso ich dieses Gedicht gewählt hatte.

Interessiert Sie beim Schreiben eher das Gesellschaftsbild oder die Krimi-Mechanik von Mord, Verdacht und Auflösung?

Die Krimi-Mechanik interessiert mich nicht gross. Es sind ja eigentlich Pfahlbauerkrimis, also sehr einfach. Im neuen Hunkeler kommen diese Krimi-Elemente auch nur sporadisch vor. Die Eigenart dieser Romane liegt darin, dass der Hunkeler im Zentrum steht. Alles wird aus seiner Perspektive erzählt. Das Schöne am Krimischreiben ist ja, dass jemand etwas aufdecken will. Ein wunderbares Erzählmodell.

Auffällig sind die kleinen Seitenhiebe, gegen die EU und ihre Landwirtschaftspolitik, gegen plumpe Islamkritik, gegen ‘Genderzeug’. Das macht Ihnen offenbar Spass.

Es gibt so einiges, das mir auf die Nerven geht, aber diese ruppigen Seitenhiebe passen gut in solche Krimis.

Hunkelers Sympathien gehören aber den gescheiterten Idealisten, den verletzlichen Spinnern.

Ja, schon. Hunkeler fragt sich einmal, warum er immer an die Gescheiterten gerät. Die Antwort gibt er sich selbst. Weil diese etwas zu erzählen haben. Es gibt nichts Langweiligeres als ein geglücktes Leben, das immer in der Anpassung gelebt worden ist.

Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis. Diogenes, 224 S.