Interview

Sir Simon Rattle am Lucerne Festival: «Vitamine für die Orchesterwelt»

Simon Rattle ist am Festival eine Schlüsselfigur für die Verbindung von Tradition und Moderne. Er stellt sich als Chefdirigent des London Symphony Orchestra vor und vereint dieses mit der Academy für Stockhausens «Gruppen».

Katharina Thalmann
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Dirigent Sir Simon Rattle (63): «Die Academy vereint hoch interessierte junge Menschen.» (Bild: Jeff Spicer/Getty (London, 17. Januar 2017))

Dirigent Sir Simon Rattle (63): «Die Academy vereint hoch interessierte junge Menschen.» (Bild: Jeff Spicer/Getty (London, 17. Januar 2017))

Simon Rattle, schon vor vier Jahren waren Sie bei der Lucerne Festival Academy zu Gast und dirigierten Luciano Berios «Coro». Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zusammenarbeit?

Das war eine wunderbare Zeit, ich habe viele hoch talentierte Musiker kennen gelernt. Mit der Sopranistin Sophia Burgos beispielsweise arbeite ich noch immer zusammen. Deshalb bin ich hoch erfreut, wieder hier zu sein. Es ist das erste gemeinsame Projekt der Academy und des London Symphony Orchestra (LSO).

Sie führen zweimal Stockhausens «Gruppen» im Luzerner Saal auf und dazwischen im Konzertsaal ein Programm mit Stücken von Luigi Nono und Olivier Messiaen. Was ist der Vorteil an so einem ­anspruchsvollen Konzert­format?

Es ist weniger ein Vorteil als ein Erfordernis. Der Konzertsaal ist komplett ungeeignet für «Gruppen». In Luzern spielt je die halbe Academy bei «Gruppen» mit. Die armen LSO-Mitglieder mussten je zwei Stimmen lernen! Neben diesem gemeinsamen Projekt spielt im Konzertsaal die Academy Nonos «No hay caminos, hay que caminar … Andrej Tarkowskij» und das LSO Messiaens «Et exspecto resurrectionem mortuorum». Das ist zwar viel Musik, aber das ist es, was man hören muss!

Aber wieso spielen Sie «Gruppen» gleich zweimal?

Dieses Stück spielen wir immer zweimal – weil man, je nachdem, wo man sitzt, ein komplett anderes Stück zu hören bekommt. Ich erinnere mich an eine Aufführung in Wien: Im Publikum sassen Pierre Boulez, Friedrich Cerha und György Kurtag. Ich habe dem Publikum empfohlen, für das zweite Mal den Platz zu wechseln. Der arme Boulez musste dann neben dem Orchester am Boden sitzen!

Können Sie uns die «Gruppen» erklären? Die Idee, drei Orchester mit je einem Dirigenten und insgesamt über 100 Musikerinnen und Musikern im Raum zu verteilen, wirkt schon etwas abstrakt ...

Stockhausen wollte eine neue Art von Musik kreieren. Das Wunderschöne daran ist, dass sie trotzdem klingt wie Alban Berg. Und die Partitur ... Die Noten haben die Form der Berge, die er aus seinem Komponierzimmer gesehen hat. Man fühlt die Natur in jeder Note. Es ist geistreich und seltsam zugleich – es ist wunderbar, zu diesem Stück zurückzukehren.

Schon im Juni dieses Jahres haben Sie «Gruppen» mit Duncan Ward und Matthias Pintscher aufgeführt: In der Turbinenhalle der Tate Modern in London. Ist es nicht schwierig, dass der Raum von der Turbinenhalle auf den Luzerner Saal zusammenschrumpft?

Die Tate war so ziemlich der perfekte Ort für dieses massive Stück. Die lauten, spritzigen Stellen waren wunderbar. Aber man vergisst leicht: Weite Teile davon sind sehr ruhig, der Klang wandert durch den ganzen Raum. Die schiere Zartheit geht in einer grossen Halle verloren. Im Luzerner Saal wird der Klang also besser sein, um das kammermusikalische Moment zu schätzen.

Auf Youtube sieht man, wie Sie «Gruppen» mit Ward und Pintscher üben: Sie sitzen am Tisch, vor Ihnen ein Glas Wein, und dirigieren zusammen. Ist es immer so entspannt, mit Simon Rattle zu arbeiten?

Der Wein hilft (lacht)! Es ist ein lustiges Bild, oder? Drei Leute murmeln und dirigieren Stockhausen. Aber so werden wir auch in Luzern üben – vielleicht ohne den Wein. Es gibt einfach so viele gegenläufige Tempi, da muss man sich wirklich vertrauen können. In der Tate benutzten wir weisse Flaggen: Wenn einer von uns wirklich verloren war, hob er sie hoch, damit wir nochmals beginnen konnten. Das Stück ist wirklich ein Abenteuer.

Freuen Sie sich auf die Zusammenarbeit zwischen Ihrem Orchester und der Lucerne Festival Academy?

Und wie! Die Londoner freuen sich auch enorm darauf, die ­Academy zu coachen. David ­Alberman beispielsweise, unser Stimmführer der zweiten Violinen, ist Gründungsmitglied des Arditti-Quartetts, das auf dem Gebiet der Neuen Musik sehr renommiert ist.

Welche Rolle spielt für Sie die Academy innerhalb des Lucerne Festivals?

Sie ist eine typische Boulez-Idee. Und sie ist unheimlich wertvoll. Hier wird eine ganze Generation von Musikerinnen und Musikern ausgebildet. Heutzutage müssen alle wissen, wie man Barockmusik spielt – man lernt die Techniken. Das Gleiche passiert hier mit Musik der Gegenwart. So etwas versorgt die Orchesterwelt mit Vitaminen. Ausserdem vereint die Academy gemäss ihrem Naturell hoch interessierte junge Menschen. Am Festival in Verbier passiert etwas Ähnliches, nur ist das Repertoire dort sehr konservativ. In Luzern wird ein faszinierter und faszinierender Blick in die Zukunft geworfen.

London Symphony Orchestra und Orchester der Lucerne Festival Academy im KKL: Stockhausen («Gruppen»), Sonntag, 9. September 2018, 18.30/21.00, Luzerner Saal), Messiaen und Nono (19.30, Konzertsaal).

London Symphony Orchestra: Montag, 10. September 2018, 19.30, Konzertsaal: Ravel (u. a. die Oper «L’ Enfant et les Sortilèges»), Dienstag, 11. September, 19.30, Konzertsaal: Bernstein, Dvořák, Janacek.