VIVALDI: Geiger David Garrett begibt sich in barocke «Stürme»

Der «Teufelsgeiger» David Garrett mischt im KKL Luzern das Publikum auf – und das ganz ohne billige Tricks.

Simon Bordier
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Geiger mit Barhocker: David Garrett. (Bild Nadia Schärli)

Geiger mit Barhocker: David Garrett. (Bild Nadia Schärli)

Letztes Jahr bekamen die Festival Strings Lucerne etwas vom Starglamour des Geigenvirtuosen David Garrett ab. Das Orchester begleitete den durch Hallenshows mit Crossover-Musik und Fernsehauftritte populär gewordenen Geiger auf seiner Deutschlandtournee und erreichte so in zehn Konzerten 25 000 Besucher – im klassischen Konzertbetrieb eine ausnehmend hohe Zahl.

Und dieses Jahr? Garrett befindet sich seit Anfang Mai wieder auf einer «Classical Tour» durch deutschsprachige Länder, diesmal aber in Begleitung des Verbier Festival Chamber Orchestra. Am Donnerstag machte er im ausverkauften KKL Luzern Halt.

Dabei gab sich Garrett wie schon letztes Jahr mit den Festival Strings locker. Auch der Barhocker stand wieder auf der Bühne bereit, auf dem er entspannt durch den Abend moderierte. Zugleich war aber ein künstlerischer Ernst zu spüren, der Showelemente zwar nicht ausschloss, aber auf ein Minimum reduzierte.

Jugendlich-verliebt

Klassisch war schon der Auftakt mit der Ouvertüre zur Mozart-Oper «Figaros Hochzeit». Das Verbier Festival Chamber Orchestra unter der Leitung von Christoph Koncz liess aufhorchen: Schlank und transparent im Klang, kurz und akzentstark in der Artikulation, steckten die Musiker das Publikum mit ihrem jugendlich-verliebten Mozart-Fieber an. Die historisch informierte Aufführungspraxis gab dem Stück den letzten Schliff.

Diese spielte auch in den anderen Werken des mit Paganini, Tartini und Vivaldi italienisch geprägten Programms eine Rolle, allerdings nicht immer eine glückliche.

Einen durchzogenen Eindruck hinterliess das Hauptwerk, Vivaldis «Vier Jahreszeiten». Garrett gestaltete die solistischen Passagen musikalisch ansprechend, ging spielerisch mit den barocken Verzierungen um, führte souverän durch die virtuosen Passagen – ohne dabei das barocke Kunstwerk durch Effekthascherei zu verraten. Aber er vermochte das Werk mit dem Verbier Festival Chamber Orchestra nicht vollends zu entfalten.

Während etwa die Cellistin Sol Gabetta letzten Dezember mit ihrem Barockensemble im «Wintersturm» das KKL-Publikum förmlich wegfegte, ging in der Aufführung am Donnerstag einzig das Cembalo im «Sturm» der Streicher unter, wo es doch die turbulenten Sequenzen mit seinem luftig-leichten Klang tragen sollte.

Nebenbei pflegte Garrett im KKL auch sein Image als «Teufelsgeiger». Das lässt sich seit dem gleichnamigen Film, der im vergangenen November mit Garrett in der Rolle von Paganini erschien, auch gar nicht mehr wegdenken. Während sein Schauspieldebüt für viel Kritik und Häme sorgte, überzeugte der Geiger Garrett am Donnerstag musikalisch einmal mehr – mit Giuseppe Tartinis «Teufelstriller-Sonate» und mit der berühmten «Caprice» Nr. 24 von Paganini, dem «Teufelsgeiger», persönlich.

Finesse geopfert

Garrett und sein Begleitorchester kamen dem breiten Publikumsgeschmack auch mit Arrangements von Heinrich Wilhelm Ernsts «Erlkönig» und Mozarts «Rondo alla Turca» entgegen. Letzteres war ganz lustig, aber kaum wiederzuerkennen. Denn für die schmissige Version für Violine und Orchester wurde die Finesse des Klavieroriginals geopfert.

Dieses Opfer passte nicht zur Ästhetik des anspruchsvollen Konzerts, in dem sonst die Kunst im Mittelpunkt stand. Anderes nahm man in Kauf: dass es im ausverkauften Saal ziemlich unruhig zu und her ging. Denn Garrett gehört zu den wenigen klassischen Musikern, die das traditionelle Konzertpublikum und seine eingespielten Regeln aufmischen. Und er scheint es dabei ernst zu meinen.