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VOLKSKULTURFEST OBWALD: «Dr Gemsjäger» vereint Wüste und Berge

Trotz einer Neuerung, die manche irritierte: Das Volkskulturfest begeisterte mit Völkerverständigung zwischen Ländlerfröhlichkeit und mongolischer Steppen­melancholie.
Urs Mattenberger
Stimmungsvoller Rahmen für musikalische Völkerverständigung: einheimische Volksmusiker und Gäste aus der Mongolei auf der Bühne in der Lichtung Gsang bei Giswil. (Bild Manuela Jans-Koch)

Stimmungsvoller Rahmen für musikalische Völkerverständigung: einheimische Volksmusiker und Gäste aus der Mongolei auf der Bühne in der Lichtung Gsang bei Giswil. (Bild Manuela Jans-Koch)

Urs Mattenberger

Eine verwunschene Lichtung mitten im Obwaldner Urwald: Schon der Austragungsort für das Volkskulturfest Obwald, das gestern zu Ende ging, ist nicht nur zauberhaft-atmosphärisches Beiwerk. Der Ort steht auch inhaltlich für die Kernidee des Programms, Weltmusik aus gemeinsamen Ursprüngen zusammenzuführen. Denn wenn die von Gestrüpp behängten Laubbäume wie eine «Regenharfe» rauschen, kann man sich bei diesem Wort von Max Frisch schnell mal an subtropische Regenwälder erinnern. Und der Gang zum Toilettenwagen draussen in der Wildnis führt erst recht dahin zurück, woher alle Volksmusik herkommt: zurück zu den Wurzeln und Back to basics.

Volkskulturfest Obwald.
Volkskulturfest Obwald.
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Volkskulturfest Obwald

Gegen die Gleichmacherei

Auf den ersten Blick akzentuieren zwar die ausländischen Gäste die Unterschiede in den multikulturellen Begegnungen zwischen Schweizer Volks- und Weltmusik, die Martin Hess hier seit 11 Jahren ermöglicht. Das galt dieses Jahr ausgeprägt bis zum gestrigen Sonntag, der von der Sonne so herausputzt wurde wie die Trachten auf der Bühne. Denn die internationalen Gäste stammten aus der Mongolei. Und der Pferdekopfgeiger Batzorig Vaanchig etwa freute sich als «Mann aus der endlos weiten Wüste» auf die Obwaldner «Berge, auf die schönen grünen Landschaften und auf den ‹Juiz›» (Ausgabe vom Samstag).

Damit ist die Programmidee von Obwald auch paradox. Sie will zwar in der Vielfalt volksmusikalischer Formen den Gemeinsamkeiten nachspüren, die sie verbinden. Zugleich will das Festival der «Gleichschaltung der Kultur» entgegentreten, die die Globalisierung auch bedeutet, wie Martin Hess gegenüber unserer Zeitung sagte.

Wo also liegt der Unterschied zwischen ursprünglicher Einheit und nachträglicher Gleichmacherei? Das diesjährige Festival gab darauf neue Antworten, weil erstmals mit Michael Fehr ein Literat mit auf der Bühne stand – und das äusserst prominent. Am Sonntag nämlich bestritt er ein ausgedehntes Set mit dem Luzerner Gitarristen Manuel Troller. Und dieser bewies, dass interkulturelle Einflüsse, wie es sie in der Volksmusik immer schon gab, nicht zu Gleichmacherei führen müssen: Wie Troller den Blues rockig hochpeitschte, hymnisch auflichtete oder in träumerische Melodien hinübergleiten liess, war grosse Klasse. Und in der Reduktion auf elementare Effekte war das sogar dem archaischen Musizieren der Volksmusikgruppen verwandt.

Das galt zwar auch für die Performance des Berners Michael Fehr, der mit aufgerauter Stimme seine absurden Alltagsszenerien halb sprach, halb sang. Aber die deftig-ironische Ästhetik der Texte war doch Welten entfernt vom sakralen Ernst der mongolischen Gesänge und Instrumentalmusik. Regelmässige Obwald-Besucher waren denn auch irritiert, allerdings durchaus wohlwollend. «So etwas würde ich im Kleintheater Luzern erwarten», meinte einer, «aber nicht an diesem Volkskulturfest.»

Literat und Musiker als Sprachrohr

Wie sieht denn die Bilanz von Martin Hess in diesem Punkt aus? Die Abendveranstaltungen von Donnerstag bis Samstag waren zwar wieder gänzlich und der Sonntag weitgehend ausverkauft. Aber versucht Hess, mit solchen Ausweitungen des Programms mit Blick auf die Zukunft vermehrt ein jüngeres Publikum anzusprechen?

Hess verneint und distanziert sich von entsprechenden «Marketing»-Strategien: «Das ist kein Statement für die künftige Programmierung. Die Einladung an Fehr ist so spontan erfolgt, wie ich das ganze Festival programmiere», sagt der ehemalige Manager von Stephan Eicher: In einer Buchhandlung sprang ihn der Titel von Fehrs Buch ‹Simeliberg› an, weil es ihn an Eichers Version des Guggisberglieds erinnerte: «Ich war so begeistert, dass ich ihn unbedingt beim Obwald mit dabei haben wollte.»

Berührungspunkte wie zwischen archaischen Volksmusiken sah zwar auch Hess im Fall von Fehr nicht. «Aber in einem weiteren Sinn passt das durchaus ins Programm», meint er und erzählt eine Anekdote des Jodel-Urgesteins Ruedi Rymann. «Dieser hat sich auf einer Wanderung den Juiz für den Berggipfel aufgespart und meinte, da, in der Natur, sei der Juiz drin und er selber nur eine Art Sprachrohr. Das gilt auch für einen Literaten wie Fehr, der wie ein Seismograf alltägliche Befindlichkeiten von heute zum Ausdruck bringt.»

Magie der Begegnung

Der Einbezug des Literaten steht damit für die Offenheit eines Festivals, das eben seine Qualität auch darin hat, dass es keinen fixen Rahmen kennt und überraschende Begegnungen ermöglicht. Wie offen die Volksmusik selber ist, bestätigte das übrige Programm dieses Obwald-Kulturfests gerade in den letzten Tagen. Zur Kulturbegegnung gehört nämlich, dass die Musiker Backstage bis tief in die Nacht hinein zusammensitzen, die jeweils fremde Musik kennen lernen und gemeinsam musizieren. Hess pusht auch das nicht, aber wenn es sich ergibt, ermuntert er sie doch, «jetzt müssten sie das nur noch gemeinsam auf der Bühne machen».

So bekam das Publikum auch dieses Jahr Einblick in diese ganz konkrete Art der Völker-Kulturverständigung. Mit den Jodelchören jodelten am Samstag mongolische Sänger mit – für Hess der magischste Moment des diesjährigen Festivals. Und am Sonntag standen sich der geerdete und doch glockenhelle Jodel von Patricia Dahinden und der durchdringende und virtuos verzierte Gesang von Bolormaa Enkhataivan nicht nur solistisch gegenüber. Beide vereinten sich vielmehr auch in je einem Schweizer und einem mongolischen Lied zum Unisono-Duett.

Von der Reserviertheit, die dieser ersten Begegnung anhaftete, war bereits nichts mehr zu spüren, als das Pferdekopf-Geigenquartett aus der Mongolei mit der Kapelle Gabriel, Bircher & Barmettler wie schon am Donnerstag gemeinsam und orchestral Rymanns «Dr Gemsjäger» intonierte: Das Jodellied war quasi die Schnittmenge zwischen pfiffiger Ländlerfröhlichkeit und mongolischer Moll-Melancholie. Der aufbrandende Applaus des bei Schweizer und mongolischer Kost gut gelaunten Publikums bestätigte: Am Obwald zeigt sich selbst die Globalisierung von ihrer schönsten Seite.

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