VOLKSMUSIK: «Es gehen neue Welten auf»

Die junge Generation hat die Volksmusik wiederentdeckt. Der Musikwissenschaftler Marc-Antoine Camp sagt, wie es dazu kam und wo es hingehen könnte.

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Eine zusammengewürfelte Gruppe formiert sich zu einer Einheit, die Volksmusik macht. (Bild Florian Arnold)

Eine zusammengewürfelte Gruppe formiert sich zu einer Einheit, die Volksmusik macht. (Bild Florian Arnold)

Interview Florian Arnold

Heute startet das Festival Alpentöne: Gezeigt wird dabei viel Neue Volksmusik. Der Musikwissenschaftler Marc-Antoine Camp von der Hochschule Luzern sagt, was die Musik ausmacht und wie sie untersucht wird.

Marc-Antoine Camp, «Volksmusik ist in» – stimmt diese Behauptung?
Marc-Antoine Camp:
Auf alle Fälle. Lange hatte die Volksmusik ein verstaubtes Image. Jetzt gibt es wieder viele Junge, die sie hören.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Camp:
Das hat mit dem Gegentrend zur Globalisierung zu tun. Swissness zieht. Es ist wieder wichtig, dass man an einem Ort zu Hause ist.

Hat die Volksmusik das Image, politisch rechts zu stehen, abgelegt?
Camp:
Die Volksmusik an sich hatte nie diesen Anstrich. Sie wurde nur von politischen Lagern benutzt. Das hat sich meiner Ansicht nach gelöst.

Der «Musikantenstadl» versteht unter der Stilrichtung etwas anderes als etwa das «Haus der Volksmusik». Wie lautet die wissenschaftliche Definition?
Camp:
Musikalisch kann man Volksmusik nicht auf einen Nenner bringen, da die Szene sehr Unterschiedliches macht. Der Begriff wurde fürs Publikum geschaffen, das sich für diese Musik interessiert.

Wer darf sich Volksmusikant nennen?
Camp:
Dani Häusler, der an unserer Hochschule für die Ausbildung Volksmusik zuständig ist, hat es so formuliert: Volksmusiker sollten immer die Tradition kennen. Man soll verwurzelt sein.

Ein Schwyzerörgeler muss also einmal Rees Gwerder gespielt haben?
Camp:
Man muss einfach versuchen, in den Groove hineinzukommen. Und das ist gar nicht so einfach. Leute, die von der Klassik oder dem Jazz kommen, müssen sich erst zurechtfinden. Es braucht mehr, als nur ein Notenblatt mit einem urchigen Tanz.

Um die Volksmusik als Kunstform anzuerkennen, brauchte die Hochschule lange. Vor 20 Jahren hat man noch die Nase gerümpft, wenn ein Volksmusikant antanzte.
Camp:
Es hat seine Zeit gebraucht. Weltweit haben die Hochschulen ein Kulturerbe gepflegt, das aus der klassischen Musik kommt. Heute merkt man, dass dies nicht alles ist, sondern dass man mit Volksmusik sehr viel machen kann, und dass es ein Bedürfnis ist, diese weiterzubringen. Die Hochschule Luzern hat dies vor einigen Jahren erkannt und einen Volksmusikstudiengang eingerichtet.

Sie selber kommen von der Klassik und vom Jazz. Wann haben Sie die Volksmusik entdeckt?
Camp:
In den 1990er-Jahren. Ich bin ein Kind des Films «Ur-Musig». Gleichzeitig war ich auch im Ausland, und mir wurde bewusst, dass ich die Schweiz selber gar nicht recht kenne. Später kamen Pareglish und dann die Hujässler auf, die neue Türen auftaten.

Die Türen zur Neuen Volksmusik. Was macht diese im Vergleich zur «gewöhnlichen» Volksmusik?
Camp: Früher war Volksmusik ausschliesslich Tanzmusik. Die Neue Volksmusik ist primär konzertant. Wenn man etwa an Blasmusiker Balthasar Streiff denkt, geht es in die Richtung von Musiktheater und Performance. Es gehen also neue Welten auf.

Frische Musik ist entstanden. Wie geht man musikwissenschaftlich vor?
Camp:
Es ist nicht unser Ziel, die Theorie der Neuen Volksmusik zu schreiben. Wir wollen von den Leuten wissen, warum sie was machen, warum sie etwas interessiert. Wir versuchen, die Szene zu verstehen. In einem Buch von Dieter Ringli und Johannes Rühl, das demnächst im Chronos-Verlag erscheint, soll dies festgehalten werden. Basis bieten Interviews mit Musikern. Sie versuchen, die Herkunft zu ergründen, ästhetische Vorstellungen aufzuzeigen und Zusammenhänge zur Tradition zu verstehen.

Sind Sie froh, dass es die Neue Volksmusik gibt?
Camp:
Das ist eine tolle Sache. Die Neue Volksmusik lebt vom Traditionellen, und die Tradition profitiert vom Neuen.

Welche Rolle spielt da die Hochschule Luzern?
Camp:
Sie ist ein ideales Gefäss, um Leute zusammenbringen. Dem Nachwuchs wird die Möglichkeit geboten, dass er später an der Musikschule Volksmusik unterrichten kann.

Es gibt auch Befürchtungen, Volksmusik werde durch die Hochschule etwas Elitäres.
Camp
: Unsere Absolventinnen und Absolventen sind auf dem Boden geblieben. An der Hochschule wird darauf geachtet, dass die Volksmusik nicht elitär wird.

Wie wichtig ist das Festival Alpentöne für die Neue Volksmusik?
Camp:
«Alpentöne» ist ein sehr wichtiger Player. Es gibt aber auch andere Festivals wie «Stubete am See» und «Obwald», die den Volksmusikanten eine Plattform bieten. Ohne diese hätte sich die Musik nicht entwickeln können.

Hält der Trend an?
Camp:
Vorläufig sicher. Es wird sich aber zeigen, ob eine Generation nachkommt. Denn die Szene ist immer noch klein.

Schnattern und Klacken im magischen Kreis

Die Anordnung der Stühle erinnert an eine Selbsthilfegruppe. Doch in diesem Kreis hat niemand Platz genommen, um den anderen sein Leid zu klagen. Hier wird Musik gemacht, Die Instrumente sind bereit, und alle Anwesenden achten auf den Geigenspieler mit den Flipflops. Er zählt ein: «One, two, drüü und vier.» Jetzt setzen alle ein. Hier klacken zwei Hackbretter, dort schnattert ein Dudelsack, Schwyzerörgeli, Harmonium und Sopransaxophon erklingen. Ein wild zusammengewürfelter Haufen, der durch eines gezähmt wird: Volksmusik.

Geballtes musikalisches Können

Die Hochschule Luzern hat zum Workshop nach Altdorf eingeladen. Mit dabei sind Studenten der Sibelius Akatemia in Helsinki, Finnland, und Angehörige der Irish World Academy of Music and Dance Limerick, Irland. Ihnen wird die Möglichkeit geboten, sich mit Schweizer Volksmusikstudenten auszutauschen. Noch schleichen sich ein paar schiefe Töne ein, doch schon bei der ersten Wiederholung sind die meisten falschen Stellen ausgemerzt. Sofort wird klar: In diesem magischen Kreis sitzt geballtes musikalisches Können. Offenbar reicht den meisten Studenten, eine Melodie einmal zu hören, um sie nachzuspielen.

Reise durch Europa

Das Schweizer Volksmusikstück verstummt. Jetzt meldet sich ein Gitarrist zu Wort. Seine grauen Haare ragen wie Federn in die Luft. «Listen to this», sagt er und stimmt eine liebliche Melodie an. Auch wenn das Stück in diesen Breitengraden kaum jemand kennt, muss man nicht lange überlegen: eindeutig finnische Musik! Langsam spielt der Gitarrist die ersten beiden Takte vor. Die Menge wiederholt die Stelle. Und so geht es ein paar Mal hin und her. Das Tempo wird gesteigert. Die Gitarristen breiten ihre Akkorde aus, der Bassist mit den blauen Badehosen würzt sie mit speziellen Tonfärbungen nach. Es groovt.
Länderwechsel. Als die Geigerin mit dem gekrausten blonden Haar in ihre Saiten greift, glaubt man, in einer Aufführung der irischen Stepptanzshow River Dance zu sitzen. Wer das hört, kann gar nicht anders, als im Viervierteltakt auf den Boden zu stampfen. Bald sitzt auch diese Melodie, und die drei Stücke werden zusammengesetzt.
Ohne langes Hin und Her ist eine Reise quer durch Europa entstanden. Auch wenn sich die Teilnehmer bisher kaum kennen, scheinen sie zu einer Familie zusammengewachsen zu sein. Eindrücklicher könnte man nicht zeigen, wie Musik verbindet.
Der Probenbesuch macht Lust auf mehr. Gelegenheit dazu bietet das Musikfestival Alpentöne, das heute startet. Die Workshop-Teilnehmer werden in verschiedenen Konzerten zu hören sein.