VOLKSMUSIK: «Ländler war früher peinlich»

Sie spielte Ländler, als das viele noch belächelten. Heute ist Claudia Muff (42) eine gefragte und bekannte Akkordeonistin. Auch nach Tausenden von Konzerten hat die Ruswilerin immer noch Lampenfieber.

Interview Robert Bossart
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Claudia Muff verrät beim Fotoshooting in Ruswil, dass sie als Kind sehr schüchtern war: «Manchmal wundert es mich selber, dass ich mit Auftritten vor Leuten meinen Lebensunterhalt verdiene.» (Bild Manuela Jans)

Claudia Muff verrät beim Fotoshooting in Ruswil, dass sie als Kind sehr schüchtern war: «Manchmal wundert es mich selber, dass ich mit Auftritten vor Leuten meinen Lebensunterhalt verdiene.» (Bild Manuela Jans)

Was mich immer wieder verblüfft bei guten Akkordeonspielern: Wie schaffen Sie es, all die Knöpfe in diesem rasenden Tempo zu erwischen?

Claudia Muff: Wahrscheinlich kommt es nicht so drauf an, welches Instrument man lernt, jedes hat seine Schwierigkeiten. Bei der Handorgel ist es vor allem die Unabhängigkeit der Hände. Aber ansonsten ist es einfach eine technische Sache, und es heisst: üben, üben, üben.

Was haben Sie für ein Verhältnis zu Ihrem Instrument? Gab es auch schon Momente, in denen Sie es am liebsten in eine Ecke geschmissen hätten?

Muff: In die Ecke werfen wollte ich es wirklich noch nie. Das Akkordeon hat mir seit meiner Kindheit so viel gegeben – es ist ja ein Instrument, das man nahe am Körper hat. Es ist schön, die Schwingungen zu spüren, wenn man spielt.

Spielen Sie immer gern?

Muff: Spielen tue ich stets gern, üben dagegen nicht immer (lacht). Immer wieder muss ich mich auf neue musikalische Projekte vorbereiten, was manchmal knallharte Arbeit bedeutet.

Sie haben letztes Jahr 30 000 Franken Werkbeitrag erhalten. Haben Sie das Geld schon ausgegeben?

Muff: Natürlich nicht! Im Herbst wird es eine erste Konzertreihe geben mit dem Projekt «Ländlermusik im Dorf», das ich mit diesen Unterstützungsgeldern realisiere. Wir werden in alten Sälen spielen, die früher rege genutzt wurden. Heute hat sich das in die Mehrzweckhallen verlegt. Dabei sind diese Säle sehr stimmungsvoll.

Preisgekrönte Musikerin

Zur Person Claudia Muff (geboren am 6. Juli 1971) wuchs zusammen mit ihren Eltern und Brüdern auf einem abgelegenen Bauernhof in Menznau LU auf. Nachdem bereits ihr Vater und Grossvater Volksmusik spielten, trat Claudia Muff in dessen Fussstapfen und liess sich zur Akkordeonistin und Akkordeonlehrerin ausbilden. Seit 1987 spielt Muff in verschiedenen Formationen, so ist sie auch Mitglied der Volksmusikkapelle ihres Vaters Hans Muff.

2008 gründete sie ihre Band Quartett Claudia Muff, wo sie zusammen mit den Jazzmusikern Julian Dillier, Peter Gossweiler und Felix Brühwiler europäische Volksmusik und Eigenkompositionen spielt. Seit kurzem besteht auch die Luzerner Ländler-Band mit Josef Fischer und Sepp Huber. Muff hatte in ihrer bisherigen Karriere zahlreiche CD-Aufnahmen realisiert, und sie hatte Auftritte in Radio und Fernsehen.

Claudia Muff ist heute eine der wichtigsten Frauenfiguren in der zeitgenössischen Volksmusik. Letztes Jahr erhielt sie als erste Musikerin in der Sparte Volksmusik den Werkbeitrag der Stadt und des Kantons Luzern. Sie lebt zusammen mit ihrem Partner in Ruswil.

www.claudiamuff.ch; www.kapelle-muff.ch

Sind Sie stolz auf die Auszeichnung? Schliesslich war es das erste Mal, dass so ein Betrag in die Sparte Volksmusik floss.

Muff: Für mich ist es eine Wertschätzung für etwas, das ich seit 20 Jahren mache.

Sie unterrichten ja auch Kinder und Jugendliche. Wie kommt diese Musik bei den Jungen an?

Muff: Wieder viel besser als früher. Vor etwa 15 Jahren haben sich die Schüler zum Teil geniert, mit einer Handorgel rumzulaufen. Ländler war irgendwie schon fast peinlich. Heute ist das ganz anders, die Jungen gehen ganz offen mit dem um. Es wird niemand mehr gemieden, wenn er Ländlermusik macht, im Gegenteil: Manche finden das sogar cool.

Wurden Sie früher belächelt?

Muff: Das ist so, das hat sich heute klar geändert. Früher konnte man dieses Instrument an der Musikhochschule nicht studieren. Und als Akkordeonlehrerin waren wir vor 20 Jahren an den Sitzungen – ja, sagen wir mal: knapp akzeptiert, mehr nicht. Unsere Musik hatte ein Image von Hudigäggeler, von einfacher Unterhaltungsmusik, die minderwertig ist.

Dieses Bild wurde – zum Glück – korrigiert. Aber dennoch: Die so genannten Hudigäggeler sind doch eher einfach gestrickt. Was macht den Reiz aus, so etwas zu spielen als Profimusikerin?

Muff: Es gibt verschiedene Arten von Schweizer Ländlermusik. Es gibt den konzertanten Stil, es gibt die eher tanzbaren Stücke – und dann gibt es vielleicht die Musik, welche eher in einer raueren Umgebung gespielt wird, dort, wo der Kafi Schnaps in Strömen fliesst (lacht). Da wird dann «gholeijet» dazu und solche Sachen. Aber das hat nichts zu tun mit dem, was ich mache.

Aber zwischendurch mal so einen richtig rassig-einfachen Ländler, das macht Ihnen schon auch Spass?

Muff: Auf jeden Fall, man kann eigentlich aus jedem einfachen Liedchen etwas Schlaues machen. Das macht schon Spass.

Was macht Ihnen sonst noch Spass im Leben?

Muff: Die Natur vor allem, ich habe einen Garten, den ich ziemlich fleissig beackere. Es gibt für mich nichts Besseres zum Abschalten, als in der Erde rumzugrübeln. Ich habe Freude daran, dass mein Partner und ich, zumindest was das Gemüse betrifft, fast Selbstversorger sind. Zudem wandern wir sehr gerne.

Sie leben in einem Bauernhaus auf dem Land. Gibt es auch urbane Interessen?

Muff: Ich gehe gerne an Konzerte, aber in Kinos oder im Theater bin ich weniger anzutreffen.

Warum?

Muff: Es fehlt auch an Zeit. Ich bin an den Abenden am Wochenende oftmals selber am Auftreten und bin darum froh, einfach mal zu Hause zu bleiben, wenn ich nichts los habe.

Sie haben pro Jahr rund 100 Auftritte. Ist das nicht etwas viel?

Muff: Doch, im Moment sind es noch etwa 80, ich habe etwas reduziert. Es war einfach zu viel.

Sie stehen seit 20 Jahren auf der Bühne, da wird Nervosität wohl kein Thema mehr sein ...

Muff: Doch. Immer wieder.

Ist das nicht eine Qual?

Muff: Es geht, aber vielleicht ist es auch gut, dass man das hat.

Warum?

Muff: Weil es weckt und weil es hilft, noch konzentrierter zu sein. Mit der Ländlerkapelle mit meinem Vater habe ich das nicht, da spielen wir oftmals in einer Beiz, in der die Leute ein wenig plaudern und ein wenig Musik hören. Da ist man weniger ausgesetzt, es ist lockerer, als wenn wir konzertant spielen.

Sie stehen – oder sitzen – oft vor Menschen und machen Musik. Da hilft es, wenn man eine «Rampensau» ist. Sind Sie das?

Muff: (lacht) Ich bin alles andere als das. Manchmal wundert es mich selber, dass ich mit Auftritten vor Leuten meinen Lebensunterhalt verdiene.

Stehen Sie nicht gerne auf der Bühne?

Muff: Ich präsentiere sehr gerne meine Musik, aber weniger gerne meine Person. Die Musik soll im Mittelpunkt stehen, nicht ich.

Waren Sie als Kind eher scheu?

Muff: Eher? Ich war sehr scheu.

Hat Sie das bezüglich Ihrer Musik behindert?

Muff: Im Gegenteil: Die Musik hat mir geholfen, mich zu öffnen. Dank ihr kann ich heute eher auf Menschen zugehen.

Sie haben in Ihrer Karriere bereits Tausende von Auftritten gehabt. Ist es Ihnen auch schon mal langweilig geworden?

Muff: Ganz selten. Wenn man engagiert wird, und man spielt dann in irgendeiner Ecke, und keiner hört zu – solche Engagements mache ich heute nicht mehr, da verzichte ich lieber auf die Gage, als da den Löli spielen zu müssen.

Viele Volksmusikformationen spielen ihre Stücke jahrelang immer gleich. Das ist bei Ihnen anders, Sie suchen immer wieder Neues. Sind Sie eine Volksmusik-Revoluzzerin?

Muff: Nein. Es hat früher schon immer Volksmusiker gegeben, die sehr offen waren, ein Ueli Moser etwa oder ein Markus Flückiger. Aber das war auch schon vor 100 Jahren so. Heut gibt es einen riesen Hype um die so genannte Neue Volksmusik. Ich denke immer: Was ist denn da neu daran? Die Musik, die wir mit dem Quartett machen, Musette, irische Musik etc., ist zwar heute beliebt, aber die ist nicht neu, nur beeinflusst von anderen Stilen.

Sie hatten jahrelang eine Familienkapelle zusammen mit Ihrem Vater und Ihrem Bruder. Geht man sich da nicht auf den Wecker?

Muff: Wir haben etwa sechs Jahre zusammen gespielt. Es lief gut – bis es, wie in anderen Familienformationen auch, musikalisch wieder auseinanderging.

Warum?

Muff: Krach hatten wir nicht, aber bei uns Jungen haben sich halt die Prioritäten verändert. Und dann war es dann plötzlich nicht mehr so «cool», mit dem Vater zu spielen. Jahre später, als bei meinem Vater ein Akkordeonist gesucht wurde, spielten wir dann wieder zusammen. Heute sind wir keine Familienkapelle mehr, aber wir machen gerne miteinander Musik.

Sie sind ganz weit abgelegen auf einem Bauernhof in Menznau aufgewachsen und wohnen heute wieder auf einem Hof in Ruswil. Wie stark sind Sie mit dem «Luzerner Boden» verwachsen?

Muff: Ich habe auch schon in Stadtnähe gewohnt. Mir hat damals einfach das Dorf gefehlt, die Nähe zu den Menschen, die Verbundenheit zueinander. Ich bin zwar nicht die, welche am Abend auf ein Feierabendbier in der Dorfbeiz sitzt. Aber wenn man hier auf der Strasse ist, wird man gegrüsst, man kennt einander. Und gleichzeitig ist ein gewisser Abstand da, man ist nicht zu nahe aufeinander.

Sie haben mal in den USA vor ausgewanderten Schweizern gespielt. Und hatten Mitleid mit ihnen – warum denn das?

Muff: Die haben geweint, als wir die Schweizer Volksmusik spielten. Nicht alle haben drüben ihr grosses Glück gefunden. Und die Musik hat viele längst vergessen geglaubte Gefühle hervorgeholt.

Was bedeutet Ihnen der Begriff «Heimat»?

Muff: Er hat schon eine Bedeutung. Wo immer ich auch wohnte – immer hatte ich Heimweh nach dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, dem Heimetli in Menznau. Das hat erst aufgehört, als ich hierher nach Ruswil gezogen bin. Jetzt sehe ich Richtung Napf und bin in Sichtdistanz zu meiner Geburtsstätte. Da ist mir einfach wohl (lacht).

Sind Volksmusiker per se konservative Menschen?

Muff: Auf mich bezogen stimmt das gar nicht. Obwohl ich ländlich lebe und mit der Heimat verbunden bin, bin ich vom Denken her sehr weltoffen und vielseitig interessiert. Ich habe durch die Konzerte im Ausland viele Länder kennen gelernt und Erfahrungen gesammelt.

Machen Sie auch Ferien im Ausland?

Muff: Uh, nein.

Die Antwort kam aber rasch.

Muff: Wenn ich nur nicht in einen Flieger muss … ich weiss, das tönt alles sehr konservativ. Es ist ja nicht so, dass mich das nicht interessiert, ich beschäftige mich zum Beispiel ausführlich mit Geografie, habe viele Atlanten zu Hause und lese viel über andere Länder.

Das tönt auch nach einem Menschen, der nicht das Oberflächliche sucht.

Muff: Vielleicht, auf jeden Fall wüsste ich nicht, was ich in Hawaii oder anderswo machen sollte. Hier weiss ich es.

Sie spielen im Quartett mit Jazzmusikern zusammen. Geht das?

Muff: Das geht sogar sehr gut, die haben ein grosses Können, und wir ergänzen uns wunderbar. Zudem sind es tolle Kollegen, das ist wichtig für den Zusammenhalt in der Formation.

Und wie steht es mit Improvisieren?

Muff: Die Jazzer üben das jahrelang, wir nicht. Aber in gewisser Weise improvisiere auch ich. In der Volksmusik wird viel variiert, und man spielt etwas mal so, mal so. Das ist gar nicht so weit entfernt von der jazzigen Improvisation.

War Musik eigentlich schon als Kind Ihr Traumberuf?

Muff: Nein, als Kind wollte ich Bäuerin werden, dann Gärtnerin und Floristin. Später wollte ich dann immer weniger schmutzige Hände bekommen, und die Musik wurde immer wichtiger.

Und heute? Gibt es noch Träume, die Sie verwirklichen möchten?

Muff: Tja, was soll ich sagen. Musikalisch gibt es sicher noch das eine oder andere, das ich machen will. Aber privat bin ich rundum glücklich. Zudem bin ich nicht der Typ, der sein Leben auf Träume aufbaut.

Wie meinen Sie das?

Muff: Ich lebe tagsüber in der Realität, nur nachts in den Träumen.

Sie wirken ruhig und ausgeglichen. Gibt es nichts, das Sie in Rage versetzt?

Muff: Es stimmt: Es braucht viel, bis ich die Nerven verliere, das gibts eigentlich fast nie.