VOLLGAS: «Bis jetzt sind alle nett zu mir»

Das Luzerner Unterhaltungsgenie Dominic Deville hat bald eine eigene Late-Night-Show im Schweizer Fernsehen. Wir haben mit dem Kindergärtner auf seine Karriere zurückgeblickt – obwohl er lieber nach vorne schaut.

Julia Stephan
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Dominic Deville in seiner alten Heimat Luzern. Braucht er für einen ruhigen, ungestörten Spaziergang bald eine Sonnenbrille? (Bilder Nadia Schärli)

Dominic Deville in seiner alten Heimat Luzern. Braucht er für einen ruhigen, ungestörten Spaziergang bald eine Sonnenbrille? (Bilder Nadia Schärli)

Interview Julia Stephan

Etwas Teuflisches steckt in der Wahl der Location: Wir treffen den Luzerner Unterhalter und Kindergärtner Dominic Deville (40) ausgerechnet im mondänen Café de Ville am Luzerner Schwanenplatz. Dort sieht der Mann, der mit dem Ostschweizer Manuel Stahlberger ab April im Schweizer Fernsehen eine Late-Night-Show moderiert, weniger wie ein vertrauenerweckender Kindergärtner aus, sondern wie ein Punk, der sich in der Adresse geirrt hat.

Dominic Deville, wir sitzen hier im Café de Ville. Bis auf den Namen dieses französischen Cafés hat dieser Ort nicht viel mit Ihnen gemein. Wo fühlen Sie sich wohl?

Dominic Deville: Das kommt darauf an. Wenn etwas mit Überzeugung piekfein gemacht wird, fühle ich mich dort ebenso wohl wie in einem dieser abgefuckten Konzertschuppen, in denen ich als Musiker früher aufgetreten bin. Hauptsache, der Ort und seine Betreiber sind authentisch. Das ist mir auch bei meiner Arbeit wichtig.

Ihr Leben ist nie einem roten Faden gefolgt. Sie waren Kindergärtner, Punkmusiker, Spiele-Erfinder, Event-Kreierer, Bühnenautor, Bühnenkünstler und haben bald eine eigene Fernsehshow auf SRF 1. Erstaunt?

Deville: Ich mache tatsächlich keine Pläne. Hatte ich mal welche, sind sie nie aufgegangen. Mir ist wichtig, dass mir etwas Spass macht. Und das sind verschiedene Dinge. In der Routine wird mir schnell langweilig. Deshalb reizt mich auch der Auftritt auf Kleinkunstbühnen. Du hast immer wieder andere Menschen vor dir, da kannst du dich nie auf eine Routine einlassen. Das ist zwar anstrengend, aber ich habe das gern.

Dann wollten Sie vermutlich auch nie zum Fernsehen?

Deville: Viele Leute, die mein Tun schon länger verfolgen, halten das für einen logischen Schritt. Mich persönlich hat das Fernsehen nie gereizt. Das ist mir alles zu professionell gewesen. Ich hatte immer gedacht: Für so einen wie mich gibts in dieser Fernsehbranche keinen Platz. Bei dem Fernsehformat, das ich fürs SRF geschrieben habe, hatte ich mich ursprünglich als Konzepter vorgesehen. Jetzt bin ich trotzdem vor die Kamera gerutscht.

Was sind Ihre Vorstellungen von einer Late-Night-Show? Wie sieht es Ihr künftiger Bühnenpartner Manuel Stahlberger?

Deville: Wir wollen die Menschen unterhalten, nicht belehren. Wer eine politische Satiresendung erwartet, wird enttäuscht. Manuel Stahlberger und ich machen kein zweites «Giacobbo/Müller». Wir lassen uns von dem leiten, was wir selbst lustig finden.

Konzepte machen liegt Ihnen im Blut. 2010 erfanden Sie für Ihre Event­agentur den «Evil Birthday Clown», der auf Bestellung erwachsenen Geburtstagskindern innerhalb von sieben Tagen eine Geburtstagstorte ins Gesicht warf. Ihre Idee provozierte weltweit mediale Aufmerksamkeit. Sogar in amerikanischen Talkshows hat man sich darüber unterhalten. Stolpern Sie manchmal immer noch über Zeitungsberichte im Internet?

Deville: Ich hatte die Aktion fünf- oder sechsmal durchgeführt, ursprünglich als Geburtstagsgeschenk für einen Freund. Aber die 24-Stunden-Beschattung war zu aufwendig, irgendwann hats mir gereicht. Ich bekomme aber immer noch Anfragen, vor allem aus den USA, gerade erst wieder aus Japan.

Waren Sie ein Klassenclown?

Deville: In der Primarschule wurde ich mehr gehänselt, als dass ich lustig sein konnte. Ich musste deswegen sogar die Schule wechseln. Heute würde man von Mobbing sprechen. Erst in der 5. oder 6. Klasse erkannte ich meine Qualitäten als Unterhalter.

Humor funktioniert für Sie also nur mit einem Gegenüber?

Deville: Genau! Trotzdem war ich nie einer, der sich in den Vordergrund gedrängt hat. Das ist einfach passiert. Und es klappt auch nicht immer. Gerade erst musste ich eine Geburtstagsrede auf meinen Vater halten. Es war eigenartig. Wenn du vor 300 fremden Leuten auftrittst, kannst du dir eine Maske aufsetzen. Vor deinem Vater funktioniert das nicht. Ich hatte Hemmungen, fühlte mich beobachtet und komisch.

Ihr Vater ist der ehemalige Luzerner Stadtarchitekt Jean-Pierre Deville, Ihre Mutter ist Deutsche und ehemalige Autorennfahrerin. Haben Sie das Temperament von ihr geerbt?

Deville: Mein Vater kann sich zwar auch vors Publikum stellen, aber er tut das kontrolliert und vorausschauend. Meine Mutter ist diejenige, die immer über die Stränge geschlagen hat, überall drübergestolpert ist. Ich bin wohl tatsächlich eine Mischung aus beiden. Auch wenn gewisse Aktionen bei mir unkontrolliert erscheinen mögen, sind die doch vielfach überlegt. Ich versuche schon sehr zu spüren, was ich meinem Publikum zumuten kann. Meine Mutter kann das weniger. (lacht)

Sie haben mal eine Weile in Berlin gelebt. Berlin ist eine grossartige Stadt, um zu versumpfen. Sind Sies?

Deville: Grossartig versumpft bin ich dort! Das war klassisches Hörnerabstossen. Ich hatte in der Schweiz drei Jahre eine super Anstellung als Kindergärtner gehabt und dachte mit 23: So darf es nicht weitergehen. Also bin ich ohne Plan nach Berlin, blieb dort zwei Jahre hängen, habe eine Punk-Band aufgebaut und war Kindergärtner aus Geldnot. Ich habe viel Blödsinn gemacht, mal als Plakatkleber, mal als Skiverkäufer gearbeitet oder auch mal gar nichts.

Und dann kam der schwere Bühnenunfall, der Sie von Berlin in die Schweiz zurückkatapultierte ...

Deville: Ja, dieser Unfall war das Ergebnis einer meiner übertriebenen Bühnenaktivitäten. Ich wollte bei einem unserer Konzerte von einem Boxenturm einen Salto machen. Das hat nicht ganz funktioniert. Heute sage ich, der Unfall war sehr wichtig in meiner Biografie. Ich weiss nicht, wo das geendet hätte in Berlin. Da kam nichts Schlaues mehr zu Stande.

War das eine existenzielle Erfahrung?

Deville: Viel denke ich über den Sinn des Lebens normalerweise nicht nach. Trotzdem denke ich heute: Es hat einfach passieren müssen. Ich kam dann zurück in die Schweiz, ganz unten, mit vielen Schulden, da ich nicht unfallversichert war, und musste komplett neu anfangen. Das hatte auch sein Gutes. Es war, wie wenn man auf einen Reset-Knopf drückt. Ich konnte nicht mehr laufen, war auf Hilfe angewiesen und mehrere Wochen arbeitsunfähig.

Sie behaupten in einem Ihrer Bühnenprogramme, Kindergartenkinder verstünden weder schwarzen Humor noch Satire. Muss man für schwarzen Humor erst 1000-mal auf die Schnauze gefallen sein?

Deville: Man darf nicht verallgemeinern. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass kleine Kinder nicht unterscheiden können, ob man etwas ernst meint oder nicht. Wenn ein vierjähriges Kind sich den Kopf anschlägt, dann ist immer noch der Tisch schuld. Alle Dinge sind beseelt. Das ist noch dieses magische Alter, in dem auch Märchen noch ganz wichtig sind. Eine prägende Zeit, gerade was Bilder angeht. Wenn in dieser Phase etwas Einschneidendes passiert, setzt sich das in einem fest.

Wann ist diese Phase denn vorbei?

Deville: Mit sechs oder sieben. Böse gesagt, fangen die Kinder dann an, diese blöden Eigenheiten der Erwachsenen zu übernehmen. Sie beginnen, sich selbst wahrzunehmen und ihre Selbstwirkung zu beobachten. Solche Kinder zu unterrichten, liegt mir weniger.

Sind heutige Kindergartenkinder noch genauso unschuldig wie früher? Auch wenn sie bereits durch Youtube-­Kanäle surfen?

Deville: Egal, wie viel Computerspiele sie spielen, wie viel sie bei den Eltern aufs Handy schauen oder wie weit sie schon mit dem Flugzeug geflogen sind: Du kannst jedes Kind mit einer einfachen Geschichte zu dir zurückholen. Und Kinder haben heute immer noch dieselbe Sehnsucht, mit den Händen zu arbeiten. Ein Computerspiel ist nach 15 Minuten langweilig. Mit groben Bauklötzen oder mit Wasserfarben können sie sich ein ganzes Jahr beschäftigen. Das fasziniert mich.

Sie haben Ende der 1980er-Jahre in der Punkszene verbracht. Wie war die Stimmung damals? Hat sich die Jugendkultur seither gewandelt?

Deville: Punk wird es immer geben. Die Punkszene hat sich aber nicht gross weiterentwickelt, was ich schade finde. Im Gegensatz zur Hip-Hop-Szene, wo es mehr darauf ankommt, dass du etwas kannst, gehts im Punk darum, dass du etwas willst. Und das setzt du dann um, notfalls auch selbst gebastelt. Egal, ob das Ergebnis furchtbar aussieht oder niemanden anspricht. Hauptsache, du hasts getan. Du lernst draus und gehst weiter zum nächsten Projekt.

Diese Do-it-yourself-Mentalität haben Sie beibehalten?

Deville: Ja, wobei ich unterdessen gelernt habe, dass es bei gewissen Dingen – etwa beim Ausfüllen einer Steuererklärung – schlauer ist, wenn ich das anderen überlasse.(lacht)

Was fehlt Ihnen denn an der heutigen Jugendkultur?

Deville: Die Jugend bekommt mehr vorgesetzt: perfekte Festivals, vorgefertigte Outfits. Das Selbermachen findet zwar noch am Computer statt, wo man Flyer, Blogs und Hip-Hop-Beats bastelt. Mir aber fehlt dieses Dreckige, Rohe, in das man sich reinwerfen kann. Das Punk-Becken hat oft auch Loser aufgefangen. So eine Bewegung, die auch solche Menschen ermutigt, sich einzubringen, sehe ich heute weniger. Wenn dich das ganze Smartphone- und McDonald’s-Essen nervt, passt du immer noch am ehesten in die Punkbewegung.

Sie haben vor zwei Jahren ein Theaterstück über die Dadaistin Emmy Hennings geschrieben. War es die Punkgeste, die sie an den Dadaisten gelockt hat?

Deville: Dada ist die Urform des Punk! Ich wollte immer mal ein Stück über eine Dadaistin schreiben. Die deutsche Künstlerin Emmy Hennings ist eine sehr spannende, eine sehr tragische Figur. Die hat wahnsinnig viel gewagt und sich in Sachen reingeschmissen in einer Zeit, in der so was wirklich noch hardcore war. Zwei Kinder zurückzulassen, um als Sängerin in verruchten Tanzlokalen aufzutreten, braucht wirklich Mut. Dass ich das Stück zwei Jahre vor dem Dada-Jubiläum geschrieben hatte, ist wieder mal typisch für mich. Ich hätte ja noch zuwarten können. Aber ich hatte halt gerade Lust darauf.

Bereuen Sie die mediale Aufmerksamkeit seit Ankündigung Ihrer Fernsehshow eigentlich schon?

Deville: Ich weiss noch nicht genau, worauf ich mich da eingelassen habe. Wichtig ist mir, dass ich mir eine gewisse Haltung bewahre. Das bin ich meiner Punkvergangenheit schuldig. Als mich kürzlich jemand von der «Weltwoche» angerufen hat, habe ich gleich wieder aufgelegt. Bis jetzt sind alle nett zu mir. Aber man hat ja auch noch nichts von meiner Sendung gesehen. Ich mache mir keine Illusionen. Es wird nicht nur positives Feedback geben, wenn die Sendung ausgestrahlt wird.

Wann haben Sie das letzte Mal an sich gezweifelt?

Deville: Vorgestern. Ich habe eine anstrengende Zeit hinter mir und hatte einen Moderationsauftrag, auf den ich im Vorfeld keine Lust hatte, so eine Art Geldjob.

Können Sie denn überhaupt ohne Lustprinzip arbeiten?

Deville: Ich habe im Vorfeld nie auf irgendetwas Lust. Ein Merkmal meines Lampenfiebers. Weil ich mich auf der Bühne richtig verausgabe, muss ich meine Kräfte im Vorfeld sammeln. Auf manche wirke ich dann sehr unsympathisch. Erst fünf Minuten vor einem Auftritt ist das dann kein Thema mehr. Nach der Veranstaltung bin ich ganz gelöst.

Sie sind ein Mann der Extreme. Brauchen Sie auch Menschen mit Extremen um sich herum?

Deville: Im Gegenteil! Viele meiner besten Freunde sind ausgeglichene Wesen. Sie sind wie ein ruhiger Fluss. Sie geben mir Sicherheit. Bei ihnen kann ich jederzeit mit komplett schlechter Laune auftauchen, ohne dass sie gleich eingeschnappt sind. Aber natürlich faszinieren mich auch Persönlichkeiten, welche die selben Hochs und Tiefs und eine ähnlich laute Bühnenpersönlichkeit haben wie ich.

Mit denen kommen Sie klar?

Deville: Ja, aber nur, wenn sie so wie ich neben der Bühne eher zurückhaltend sind. Neben der Bühne gebe ich lauten Menschen sehr gerne den Vortritt. Das ist nicht so meins.

Luzern befindet sich im Fasnachtstaumel. Die Gretchenfrage für Sie: Wie halten Sies mit der Fasnacht?

Deville: Für mich existieren in Luzern zwei Fasnachten. Zum einen die urchige, lärmige und vollmaskierte Fasnacht, für welche ich sehr wohl Sympathien hege. Mit den ganzen aufs Jahr verteilten Bällen sowie den betrunkenen, meist unverkleideten Menschen, welche sonst das Jahr über graue Mäuse sind, kann ich eher weniger anfangen.

Das Energiebündel

Der Sohn des ehemaligen Luzerner Stadtarchitekten Jean-Pierre Deville und einer deutschen Rennfahrerin ist in München geboren und in Luzern aufgewachsen. Deville (40) ist Schlagzeuger der Punkband Failed Teachers, Gründer der Kreativagentur Haus Deville und Mitinhaber des Musiklabels «Berenice Recordings». Deville ist und war aktiv als Bühnenkünstler, Theaterautor und Moderator und lebt mit der Schauspielerin Simone Kern und den gemeinsamen Kindern in Zürich. Mit den Bühnenprogrammen «Kinderschreck» (2012) und «Bühnenschreck» (2015) ist er so erfolgreich, dass er seinen Kindergärtnerberuf nur noch im Stellvertretermodus ausübt. Ab Frühsommer moderiert er wöchentlich mit Manuel Stahlberger probeweise freitagabends zehn Mal auf SRF die Late-Night-Show «Deville».