Theater: Schauspieler suchen auf riesigem Affenarm nach der Zeit

René Polleschs «Ich weiss nicht, was ein Ort ist» am Zürcher Pfauen setzt Spitzenschauspieler auf einen Affenarm und spielt absurd-intelligent mit Täuschungen.

Valeria Heintges
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Kathrin Angerer in der riesigen schwarzen Affenhand, welche die Bühne im Zürcher Pfauen dominiert. (Bild: Lenore Blievernicht)

Kathrin Angerer in der riesigen schwarzen Affenhand, welche die Bühne im Zürcher Pfauen dominiert. (Bild: Lenore Blievernicht)

«Ich weiss nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)» heisst das neueste Werk von René Pollesch, das seit Freitagabend im Zürcher Pfauen zu sehen ist. Doch im Laufe ihrer Studien, welche die Herren Pollesch und Martin Wuttke im Berliner Restaurant «Manzini» betrieben haben, verschob sich ihr Fokus weg vom Ort, hin zur Zeit. Die Zeit aber, die spinnt. Nur eines ist sicher: Das Leben ist ein Prozess des Niedergangs, und es hat einen Knacks. Aber wo kommt der her? Und kann man nach einem Knacks wieder von vorne anfangen?

Ein absurd-intelligenter Text

René Pollesch, Autor und Regisseur seiner eigenen Stücke, hat einen absurd-intelligenten Text gebastelt, über Zeit und Leben, Tod und Niedergang, Einmaligkeit und Wiederholung, und über die zwei Möglichkeiten, die einem bleiben, und die dann oft keine Alternativen sind und manchmal auch nicht zwei. Pollesch hat sich von F. Scott Fitzgeralds Text «Der Knacks. Porzellan und Vulkan» inspirieren lassen, dazu die Philosophin und Feministin Donna Haraway gerührt, deren «Manifest für Gefährten» bei Pollesch vom Hund auf den Affen gekommen ist, und das Ganze mit der Idee der Anschlussfehler gemixt, wenn in einer Filmszene eine Zigarette fast aufgeraucht, in der nächsten aber in ganzer Länge zu sehen ist. Da tritt Martin Wuttke mal mit blonder Perücke auf, mal mit Glatze und fusseligem Vollbart, und die beiden Damen bekommen in Sekundenschnelle Schnauzbärte.

Alles ist Täuschung und Ent-Täuschung

So ist der Abend auch einer über Täuschungen (und Ent-Täuschungen) und die Bühne selbst eine Täuschung. Die schwarz-weissen Streifen des Vorhangs lassen die Augen flimmern und legen als Leinwand ihre Gitter-struktur auf eine Videosequenz. Der Lichtbogen, der die Bühne umrahmt, weckt falsche Erwartungen, und der Wasserfall dahinter rauscht auf einem Fotovorhang.

Und dann ist da dieser riesige, schwebende, schwarze Affenarm, ein «Partialobjekt», das man Kingkong zuschreiben könnte. Doch der Affe heisst nach einem Schimpansen, den Schauspielerin Kathrin Angerer liebevoll-bestimmt herumkommandiert. Sie macht das schwankend zwischen stöckelndem Liebreiz und knallhartem Durchsetzungswillen. Martin Wuttke setzt schlackernde Verwirrtheit und intellektuelle Schlaksigkeit dagegen, die in einer «bequemen» Schlafhaltung zwischen Mittelfinger und Daumen der Affenhand ihren wunderbarsten Ausdruck findet. Marie Rosa Tietjen hat im Trio die grösste Bodenhaftung; das hält sie aber nicht davon ab, mit grösster Bestimmtheit grössten Nonsens zu erzählen, und das höchst intelligent klingen zu lassen.

Alles ein bisschen viel

Das alles ist typisch Pollesch: Gedankenscharf und höchst gescheit, aber wer einmal noch den vorletzten Gedanken wiederkäut, wenn der schon dem übernächsten Platz gemacht hat, verliert bald den Faden. Und ja: Länge hat der Abend auch. Aber er hätte auch gerne noch länger gehen dürfen.