Vom Lebewesen zum roten Pigment: Eine Laus ist der Star einer Ausstellung in Luzern

Einst kleidete eine Laus Kardinäle ein. Heute versüsst sie Kunstgenuss. Das Duo Badel/Sarbach lädt zu «Planty of Love» in die Kunsthalle.

Pirmin Bossart
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Opuntien sind Kakteengewächse, die in Mexico und Südamerika vorkommen. Auf diesen Pflanzen – und nur dort – leben die Cochenille-Schildläuse, aus denen der rote Farbstoff Karmin gewonnen wird. Diesen winzigen Tierchen, sechs bis sieben Millimeter lang, hat das Künstlerduo Badel/Sarbach seine Ausstellung in der Kunsthalle Luzern gewidmet. Sie ist informativ und witzig. Und verspricht süssen Genuss: An der gestrigen Vernissage wurde nicht nur Weisswein getrunken. Es wurden auch rote Lollipops geleckt.

Flurina Badel und Jérémie Sarbach inmitten ihrer Kakteen. Und hinten links: die Laus.

Flurina Badel und Jérémie Sarbach inmitten ihrer Kakteen. Und hinten links: die Laus.

Bild: Boris Bürgisser (13. August 2020)

Der Ausstellungsraum ist bedeckt von einer kleinen Kakteen-Plantage. Die Pflanzen sind als skulpturale Objekte modelliert, die mit Mikroglasperlen beschichtet wurden. Aus ihren Blättern ragen rote Lollipops, die gepflückt und gegessen werden dürfen. Im hinteren Bereich des Raumes steht ein Bildschirm. Dort hat eine grossdimensionierte Laus ihren Auftritt. Sie wurde in vielen Arbeitsstunden von Laura M. Weber und Rosemarie E. Benson (Rob & Law) wunderbar animiert. Schnell schliesst man die Laus ins Herz. Nicht nur, weil sie mit einem Lollipop auf Trip geht, sondern auch fluchen, sich ärgern oder geistreich dozieren kann.

Die Laus flucht und singt

Die animierte Laus fungiert als Aufsicht der Ausstellung und ist integrativer Teil der Installation. Manchmal ist sie frustriert und klagt an, was angesichts ihrer potenziellen Pulverisierung zu Pigment nicht wundert. Manchmal wendet sie sich ans Publikum, spricht über das Verhältnis von Natur und Kultur, gibt Hinweise zur Ausstellungskonzeption oder animiert die Besuchenden, sich einen Lollipop zu schnappen. Sie selber hat auch einen probiert und singt über dieses Erlebnis ein Lied (Musik von Andrina Bollinger).

Wir begegnen der Cochenille-Laus auch im Kabinett, im unteren Stockwerk der Kunsthalle. Dort hängt eine Serie von Good-Shape-Wackelbildern, die das Insekt in diversen Gymnastik-Positionen zeigt. Man sieht die Bewegungsabläufe in jeweils zwei Stellungen, verrenkt ein wenig den Kopf dazu und freut sich, dass sich die Laus nach jahrhundertelanger Ausbeutung nicht geschlagen gibt, sondern fleissig zu trainieren scheint, um mit den wechselnden menschlichen Präferenzen einen Umgang finden zu können.

Die Aufsicht der Ausstellung: Die singende Laus.

Die Aufsicht der Ausstellung: Die singende Laus.

Bild: Boris Bürgisser (13. August 2020)

Politische und kulturelle Zusammenhänge

Schon in präkolumbischer Zeit wurde aus der Cochenille-­Schildlaus der rote Farbstoff Karmin gewonnen. Die ältesten Funde des Farbstoffs gehen über 2000 Jahre zurück. Die roten Pigmente, die leuchtstark und lichtecht sind, wurden ab dem 16. Jahrhundert in Europa sehr begehrt. Cochenille war nach Silber die wichtigste Exportware aus den spanischen Kolonien in Südamerika und teuer. Mit dem Farbstoff wurden die edlen Gewänder der Adligen und der Kardinäle eingefärbt. «Das Karmin wurde zum Unterscheidungsmerkmal zwischen den sozialen Schichten», sagt Sarbach.

Das ist nur einer von mehreren kulturhistorischen Bezügen, die Flurina Badel und Jérémie Sarbach mit ihrer Ausstellung in Luzern aufleuchten lassen. Das junge Künstler-Duo hat mit «Planty of Love» seine Laus- und Karmin-Recherchen auf ein vielfältiges Assoziationsfeld von geschichtlichen, politischen und kulturellen Zusammenhängen verdichtet, die dieses Millimeter-Lebewesen generieren kann. In Bezug auf den industrialisierten Umgang des Menschen mit Pflanzen und Tieren kommen auch ethische Aspekte ins Spiel.

Die Tatsache, dass aus der Laus ein Farbstoff gewonnen wird, vergleicht Flurina Badel mit dem Prozess der Abstraktion: der menschlichen Fähigkeit, Dinge und Sachverhalte voneinander isolieren und damit neue Produkte oder Bedeutungsebenen herstellen zu können. Auch Transformationsprozesse werden anschaulich gemacht: Die grüne Pflanze wird zur Skulptur, die Laus wird zum Lollipop. Denn der rote Farbstoff, der den Lollipop zum Leuchten bringt, ist nichts anderes als E120 – echtes Karmin.

Die Bündnerin Flurina Badel und der Walliser Jérémie Sarbach haben sich an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel kennen gelernt und arbeiten seit 2014 als Künstler-Duo. Badel sagt:

«Wir sind beide begeisterungsfähig und lieben das Machen.»

Auch könnten sie sich gegenseitig inspirieren und positiv herausfordern. Mit ihrer Kunst reflektieren sie Kreisläufe, Wechselwirkungen, Beziehungen. «Es geht uns immer wieder darum, wie sich der Mensch in der Umwelt positioniert, und was der Faktor Zeit mit ihm macht», sagt Jérémie Sarbach.

Bild: Boris Bürgisser (13. August 2020)

Mit Schweizer Literaturpreis geehrt

Die beiden haben sich mit ihren Arbeiten an Gruppen- und Einzelausstellungen einen Namen gemacht. 2019 wurde das Duo mit dem Manor Kunstpreis ausgezeichnet und letzten Herbst waren Badel/Sarbach für den Medienkunstpreis Basel-Stadt/Basel-Land nominiert. Flurina Badel ist letztes Jahr für ihren Gedichtband «tinnitus tropic» mit dem Schweizer Literaturpreis geehrt worden. In Luzern stiessen Badel/Sarbach 2019 im Sic! Raum für Kunst (Elephant House) mit der Ausstellung «Paravent» auf viel Echo. Jetzt realisieren sie in der Kunsthalle ihre erste grössere Ausstellung in der Zentralschweiz.

Ausstellung «Planty of Love» ist bis 19.September in der Kunsthalle Luzern zu sehen. An der Finissage am 19.September (14–19Uhr) gibt es um 17Uhr einen Talk mit Badel/Sarbach und Laura M. Weber & Rosemarie E. Benson (Film & Animation).