Interview
Neuer LSO-Chefdirigent im Interview: «Vom Orchester bis zum KKL stimmt alles»

Mit saftigem Repertoire in die erste Liga: Michael Sanderling über seine Pläne als künftiger Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters.

Urs Mattenberger
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Zuständig für den Aufstieg des Orchesters: Stiftungspräsident Pierre Peyer, der künftige Chefdirigent Michael Sanderling, Intendant Numa Bischof.Bild: Boris Bürgisser

Zuständig für den Aufstieg des Orchesters: Stiftungspräsident Pierre Peyer, der künftige Chefdirigent Michael Sanderling, Intendant Numa Bischof.Bild: Boris Bürgisser

Das Luzerner Sinfonieorchester will erklärtermassen in die erste Liga der internationalen Orchester. Wie realistisch ist dieses Ziel, das jetzt Ihnen anvertraut wurde?

Michael Sanderling: Natürlich sehe ich diese Möglichkeit! Andernfalls wäre es für mich mit meinem bisherigen Werdegang, zuletzt als Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, keine Option gewesen, nach Luzern zu kommen. Ich habe ja das Orchester als Gast erstmals 2010 und seither wiederholt dirigiert. Und habe festgestellt, dass es sich auf diesem Weg in eine höhere Liga unter James Gaffigan schon sehr weit entwickelt hat.

Was sind denn die Qualitäten des mit 70 Musikern mittelgrossen Luzerner Orchesters?

Zunächst hat Grösse allein ja noch nichts mit Qualität zu tun. Ein erster Vorteil des Luzerner Sinfonieorchesters liegt gerade darin, dass es aus einer kammersinfonischen Tradition herkommt. Von daher gibt es eine intensive Kommunikation unter den Musikern, die ja nicht aufhören darf, nur weil vorne ein Dirigent steht. Im Gegenteil. Der Dirigent muss diesen Austausch begleiten, fördern und provozieren. Trotz der Vergrösserungen des Luzerner Sinfonieorchesters ist dieser Kontakt unter den Musikern geblieben. Das habe ich bei allen Engagements hier immer geschätzt Und es wird wichtig sein, das zu erhalten, wenn wir vermehrt in grösseren Besetzungen ­spielen.

Und der zweite Vorteil?

Es gibt im Orchester viele herausragende Einzelmusiker. Offenbar hat hier James Gaffigan eine sehr fruchtbare Personalpolitik verfolgt.

Was sind die ersten Schritte für den Aufstieg in eine erste Liga?

Generell ist für dieses anspruchsvolle Ziel wichtig, dass alle Fakten daraufhin eingestellt sind. Auch da stimmt in Luzern alles. Es gibt eine Bürgerschaft und Mäzene, die das Orchester tragen und unterstützen. Es gibt das KKL mit einem der besten Konzertsäle der Welt. Und es gibt das Management unter Intendant Numa Bischof, das sich durch ein Maximum an Flexibilität auszeichnet. Und ich meine keine Flexibilität, die mit Chaos zu tun hat, was es ja auch gibt (lacht), sondern mit Kreativität. Für das Orchester selber ist zunächst die Klangpflege entscheidend.

Sie wurden als «Sinfoniker» geholt, der die Repertoireausweitung hin zur gross besetzten Spätromantik weiterführt. Was sind dahin die ersten Schritte?

Entscheidend ist beim Orchester die Klangpflege. Weil man da bei Haydn oder Mozart in Sachen Intonation, Phrasierung oder Artikulation nichts verstecken kann, gehören diese Komponisten weiterhin zum Kernrepertoire – mit Beethoven, bei dem man bereits vieles unter einem heroischen Gestus verstecken könnte. (lacht) Die Klangpflege mit solchen Werken der Wiener Klassik ist auch eine wichtige Grundlage für den geplanten Ausbau eines «saftigen», klanglich opulenten Repertoires. Da wird sich irgendwann die Frage stellen, wie das Orchester personell noch verstärkt werden könnte. Ein erster Schritt könnte die stärkere Zusammenarbeit mit der Nachwuchsförderung der Musikhochschule sein.

Im nächsten Jahr eröffnet das Luzerner Sinfonieorchester sein eigenes Probenhaus, das auch für Vermittlungsprojekte gedacht ist. Welche Vorstellungen bringen Sie diesbezüglich nach Luzern mit?

Wir haben uns in unseren Gesprächen gefragt, ob in zwei Jahren, wenn ich in Luzern anfange, überhaupt noch jemand CDs hört oder alle Musik über Streaming-Abos hören. Ich finde es enorm wichtig, dass wir uns mit solchen Entwicklungen auseinandersetzen. Aber was ich ablehne, ist eine Schnipp­selästhetik, bei der man Musik nur noch in kurzen Häppchen konsumiert. Die Begeisterungsfähigkeit der Jugend ist ja noch immer da. Eine Aufmerksamkeit von 8 Minuten kann man durchaus zumuten, entscheidend ist, was wir in der neunten Minute tun. Ich habe auch schon in Zürich ein TonhalleLATE-­Konzert mit anschliessender Party dirigiert und finde auch Cross-over-Projekte sinnvoll, wenn die Qualität stimmt. Ich werde auch mal in Konzerten zum Publikum sprechen, aber nicht immer. Es gibt Musik, an deren Ausdruck reichen die Worte der deutschen Sprache einfach nicht heran.

Nach drei angelsächsischen Dirigenten – Nott, Axelrod, Gaffigan – hat das Luzerner Sinfonieorchester in Ihnen einen deutschen Dirigenten. Bringen Sie eine deutsche Klangkultur nach Luzern?

Nein! In Dresden beschworen viele den warmen, dunkeln «Dresdner Klang». Und als ich mich für meine aktuelle Beethoven-Einspielung ohne Vibrato davon entfernte, brach eine Revolution aus! Wenn man einmal vom «Luzerner Klang» reden würde, wäre das für mich kein Kompliment. Die historische Aufführungspraxis hat ja zum Glück unseren Sinn für unterschiedlichste Stilrichtungen geschärft. Das Ziel ist, je nach Werk einen ganz spezifischen Klang zu schaffen.

Werden Sie als international gefragter Dirigent ihren Chefdirigenten-Posten in Luzern quasi als Gast ausüben oder hierher ziehen?

Als Chefdirigent kann man nicht zehn Wochen im Jahr Gastdirigent sein, sondern muss in irgendeiner Form vor Ort und Teil der Stadt sein. Ob Familie Sanderling, also ich mit meiner Frau und den zwei Söhnen im Alter von acht und neun, nach Luzern zieht, kann ich zwar noch nicht sagen. Aber ich kann es mir sehr gut vorstellen.