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Vom Startenor zum alten König

Plácido Domingo sang in Zürich Verdis «Nabucco». Live – aber irgendwie doch nicht ganz anwesend.
Anna Kardos
Plácido Domingo tritt heute weniger in Opern als in Konzerten auf (auf dem Bild am Peralada ’s Festival 2018).

Plácido Domingo tritt heute weniger in Opern als in Konzerten auf (auf dem Bild am Peralada ’s Festival 2018).

Da stand er und sang. Der Held meiner Kindheit, den ich als Mädchen am Fernsehen bewundert hatte: Plácido Domingo, von den «Three Tenors» mir der liebste (José Carreras’ Stimme wirkte damals zu gellend auf mich, und an Luciano Pavarotti mochte ich die Figur und den Bart nicht – als Kind hat man eben seine Vorstellungen). Nur Plácido Domingo erschien mir genauso strahlend wie seine Stimme. Dass ihm dennoch der Schalk in den Augenwinkeln blitzte, nahm mich vollends für ihn ein.

Und da stand er nun knapp 30 Jahre später und sang, am Sonntagabend auf der Bühne des Zürcher Opernhauses: Plácido Domingo in Fleisch und Blut. Er sang die Rolle des alternden Nabucco. Das passte. Umso mehr, als die Rolle des Königs, dessen Kräfte schwinden und dessen Tochter ihm die Macht entreisst, auch ein wenig von ihm selbst zu handeln schien – damit sind nicht die Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gemeint, um die es hier nicht gehen soll.

Sondern der einst strahlende Herrscher über die hohen Töne, der sich nun, 78-jährig, in einem Opern-Ensemble wiederfindet – oder eben doch nicht ganz.

Domingo bewegt sich in einem Panzer aus Ruhm

Denn auf der Bühne des Opernhauses scheint sein Ruhm Domingo wie eine Art strahlender Panzer zu umgeben. Seltsam unberührbar schreitet er durchs Bühnen-Geschehen. Vorbei am Volk (das den berühmten Gefangenen-Chor mit wunderbarer Zartheit singt), vorbei auch an seinen Töchtern (Oksana Dyka, Veronica Simeoni), die er mehrfach umarmen darf – aber dennoch kaum in Kontakt mit ihnen tritt.

Vielleicht liegt das schlicht am Konzept, einen Stargast für einen einzigen Abend einzufliegen. Da dieser die Probephase nicht miterlebt, wird er nie Teil des Ensembles werden – weder spieltechnisch noch zwischenmenschlich. Vielleicht liegt es aber auch an der anderen Ära, aus der Domingo kommt. Einer Ära, in der für Tenöre die Regieanweisung «Standbein-Spielbein-Arme-Verwerfen» das höchste der Gefühle war und Operninszenierungen sich nach den Kehlen der Sänger zu richten hatten.

Plácido Domingo stammt aus einer Zeit, wo «Standbein-Spielbein-Arme- Verwerfen» das höchste der Gefühle war.

So gesehen wächst Domingo in der Zürcher Inszenierung (Andreas Homoki) über sich selbst hinaus, wenn er mit seinen 78 Jahren rund zehnmal zu Boden sinkt (das schwache Herz des Königs!) und sich wieder aufrappelt. Andererseits schmettern seine Mitsänger mit einer Phonstärke, dass man sich nicht wunderte, wenn die Stuckdecke des Opernhauses Risse bekäme – etwa der Hohepriester Zaccaria (Vitalij Kowaljow) und allen voran die Königstochter Abigaille (Oksana Dyka). Und mitten drin: Plácido Domingo.

Ein alternder König in mehrerlei Hinsicht. Denn obwohl seine Stimme hinsichtlich Lautstärke nicht mehr gegen die der jungen Sänger ankommt, ist in seinem Gesang die einstige Grösse zu spüren, wenn er in die langgezogenen Töne Verzierungen einflicht oder rhythmische Details mit stupender Selbstverständlichkeit schärft. Dann scheint in diesem Reichtum an Ausdrucksebenen die Grösse von Domingos ganzer Kunst auf.

Und man denkt: Es ist gut, dass er da stand und sang – und dass man dabei war.

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