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Das Melodrama «Amin» erzählt von zwei Herzen in einer Brust

Philippe Faucon schildert in seinem feinfühligen Migrationsdrama «Amin» die Einsamkeit in der Fremde ebenso wie die Lücke, die ein Mann – Gatte und Vater – in seiner Heimat zurücklässt.
Irene Genhart
Amin (Mustapha Mbengue) und Gabrielle (Emmanuelle Devos) beginnen eine Affäre. (Bild: PD)

Amin (Mustapha Mbengue) und Gabrielle (Emmanuelle Devos) beginnen eine Affäre. (Bild: PD)

Amin – er wird einnehmend charismatisch gespielt vom Mustapha Mbengue – ist vor neun Jahren aus Senegal nach Frankreich emigriert, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Er arbeitet auf dem Bau und gilt als zuverlässig; er ist bei seinen Arbeitskollegen so beliebt, wie bei den mehrheitlich aus Afrika stammenden Immigranten im Heim, in dem er wohnt.

Er leidet unter der Trennung von seiner Frau Aïcha (Marème N’Diaye) und seinen drei Kindern. Reist alle paar Monate in die Heimat, wo er von seiner Familie sehnsüchtig erwartet wird, sich aber auch mit massiven Erwartungen des ganzen Clans konfrontiert sieht: Man lebt von seinem Geld. Nicht nur dem offiziell überwiesenen, sondern auch dem illegal eingeschmuggelten.

Intensive, manchmal verlorene Blicke

So hat Amin keine Wahl, als jedes Mal zurückzukehren ins Heim und auf die Baustellen in Frankreich – gedreht hat man im Grossraum zwischen Lyon und Paris. Und vielleicht gibt es tatsächlich kein Wort, sondern nur diese intensiven, manchmal verlorenen Blicke von Mustapha Mbengue, die den tiefen Zwiespalt, den ohnmächtigen innerlichen Clinch beschreiben, in dem Amin sich befindet zwischen Heimweh, Sehnsucht und dem redlichen Pflichtbewusstsein, mit dem er sich in der Fremde bisher sämtliche Freuden verbot. Doch dann begegnet er Gabrielle (Emmanuelle Devos).

Sie lässt in ihrem Haus einiges renovieren, ist geschieden, hat eine Tochter. Obwohl Amins Chef sie vor den Bauarbeitern warnt, behandelt sie diese freundlich und fährt Amin, als er eines Abends länger arbeitet, nach Hause. Er reagiert schüchtern, sie ist zurückhaltend, verunsichert scheinen beide.

Nicht nur Einsamkeit macht zu schaffen

Philippe Faucon, 1958 in Marokko geboren und heute in Frankreich zu Hause, stellt mit «Amin» keine himmelhochjauchzend-stürmisch kulturelle und soziale Gräben überbrückende Romanze vor, sondern ein feinfühlig aus Sicht aller Beteiligten erzähltes Melodrama.

Als vierte Figur – sozusagen als mögliches Alter Ego von Amin – stellt er Abdelaziz vor: einen Marokkaner, der seiner Familie zwar Geld schickt, in Frankreich aber längst eine zweite Familie gegründet hat. Es ist nicht nur die Einsamkeit, die den Männern zu schaffen macht, sondern auch die «sexuelle Not», die in diesem Film – und das macht «Amin» so einmalig – viel mehr ist als ein schnöder Akt: körperliche Nähe, Zärtlichkeit. Miteinander reden, einander zuhören. Merken, dass der andere fremd, aber trotzdem attraktiv ist. Auch das Wissen darum, dass, wenn zwei Menschen miteinander ins Bett gehen, auch andere davon betroffen sind.

Vieles bleibt unausgesprochen

Philippe Faucon, zusammen mit Yasmina Nini-Faucon auch fürs Drehbuch verantwortlich, zeigt das alles sehr authentisch, in ungeschminkter Selbstverständlichkeit, einer dem Alltag verschuldeten Beiläufigkeit. Die auf dem Bau krampfenden ­Männer. Ihr Zusammenleben im Heim, ihre Gespräche, oft geprägt von pragmatischen Überlebensfragen und dem schweigenden Wissen um des anderen Seelenzustand, das einander Beistehen in der Fremde.

Auch die Frauen kommen in «Amin» nicht zu kurz: Aïcha, die ihren Schwiegereltern untersteht, sich im Laufe der Jahre jedoch emanzipiert hat und als eigenständige Frau zu beweisen weiss; Gabrielle, die sich entgegen aller Ratschläge auf Amin einlässt.

Vieles in «Amin» hängt in der Luft, bleibt unausgesprochen, geschieht ausserhalb der Leinwand, ausserhalb des Erzählten. Was diesen Film nicht schmälert, sondern über seine Ränder hinaus weitet. Auf das, was Migration in der globalisierten Welt von heute bedeutet, und um das zu beschreiben wir vielleicht tatsächlich (noch) keine Worte kennen.

«Amin» läut im Stattkino (Luzern) und am 22. Mai im Cinema Leuzinger (Altdorf).

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