Lucerne Blues Festival: Von der Cocktailparty in die Südstaatenspelunke

Wie politisch wird der Auftritt von Sänger und Aktivist Reverend Sekou?, fragte man sich im Vorfeld. Manchen war es ­ zu viel. Der Konzertabend zeigte, kerniger, einfacher Blues passt besser zu diesem Anlass.

Regina Grüter
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Annie Mack singt über ihre schwierige Kindheit im Ghetto von Minneapolis, Minnesota. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 15. November 2018))

Annie Mack singt über ihre schwierige Kindheit im Ghetto von Minneapolis, Minnesota. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 15. November 2018))

«The Blues lives in the juke joint.» Fragende Gesichter im Publikum. Also erklärt Reverend Osagyefo Sekou noch schnell, was eine Juke Joint ist, bevor er fragt: «So can we go to the juke joint?!» Gern, doch der Casino-Panoramasaal erinnert schwerlich an eine dieser Spelunken im ländlichen Südosten der USA, wo Afroamerikaner sich trafen, um den Blues zu hören, zu trinken, zu tanzen und ihren Lastern zu frönen. Es ist gegen Mitternacht an diesem Donnerstagabend am Lucerne Blues Festival, und Annie Mack, die ihren Auftritt schon hatte, geht voll mit ihren schwarzen Landsleuten mit. Denn Rev. Sekou und seine Freedom Fighters haben eine Botschaft, und die transportieren sie durch die Musik, die mit einer solchen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit aus ihnen herausströmt, dass einem der Mund offensteht. Gospel, Soul, Reggae – Halleluja. Aber auch Ferguson, «shot in the head», eine Mutter weint um ihren 12-jährigen Sohn, getötet von einem weissen Polizisten.

Weniger Gesangskapriolen, mehr Galgenhumor

Nicht alle versammelten Bluesfans goutieren das. Politik habe am Blues Festival nichts verloren, meinen sie. Aber verkennt man damit nicht die Wurzeln dieser Musik? Im Blues spiegelt sich das Politische immer im Privaten. Annie Mack jedenfalls singt von ihrer schwierigen Kindheit. Der Song, mit dem sie ihre Geschichte erzählt, kommt schon fast heiter, als ironisches Ganovenstück daher. Man hätte sich etwas mehr von diesem Galgenhumor und weniger Gesangskapriolen gewünscht. Danach sorgen The James Hunter Six aus England mit ihrem geschliffenen Soul für Tanzstimmung wie an einer Cocktailparty in einem Audrey-Hepburn-Film. Auf uneingeschränkte Begeisterung stösst der kernige Blues, wie ihn Curtis Salgado zum Auftakt spielte. «Erst nur eine Blues Harp, eine gute Stimme, dann eine hervorragende Gitarre, ein Schlagzeug … Einfach, aber nie langweilig», so ein Gast.

Jetzt ist es schon fast eins, und Rev. Sekou will immer noch nicht aufhören. Der Panoramasaal ist fast leer – Hardcore-Blues-Fans sind längst ins charmantere Casineum rübergepilgert, wo mit Urgestein Johnny Tucker gleich die letzte Show des Abends beginnt. Und zu fortgeschrittener Stunde kommt dann doch noch so etwas wie Juke-Joint-Atmosphäre auf.

Bis 18. 11.; www.bluesfestival.ch.