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Performances in Giswil: Von der Gladiatorin über Boxershorts bis zur Muskelstarre

Rund 20 Performerinnen und Performer zwischen 6 und 86 Jahren entfalteten in der prächtigen Turbinenhalle Giswil ihre Wirkung.
Edith Arnold
Sehr auffällig, nicht nur wegen der nackten Haut: Die Engländerin Catherine Hoffmann gehörte zu den Highlights des Performance Festivals. (Bilder: Boris Bürgisser, 14. September 2019).

Sehr auffällig, nicht nur wegen der nackten Haut: Die Engländerin Catherine Hoffmann gehörte zu den Highlights des Performance Festivals. (Bilder: Boris Bürgisser, 14. September 2019).

Der grosse Auftritt erfolgt im kleinen Streitwagen. Wie eine Gladiatorin lässt sich Catherine Hoffmann aus dem englischen Folkestone in die Giswiler Turbinenhalle ziehen. Sie trägt einen royalblauen Stoff, der den Körper mehr enthüllt als verhüllt. Darüber leuchten ihre lockigen Haare feuerrot wie ein «Lava-Strom». So schrieb es jedenfalls die englische Zeitung The Guardian. Hoffmann setzt an zu «6 Songs For Broken Times». 30 Minuten Stimmung, Haut, Behauptung, Komik irgendwo zwischen Monty Python und Boris Johnson: Die Performance wird zu einem Highlight.

Acht unterschiedliche Stücke werden am Samstag zwischen 14 und 21 Uhr an der International Performance Art Giswil 2019 dargeboten. Erst am Vorabend steht der Programmablauf fest. Denn vieles entwickelt sich vor Ort. Auch inhaltlich: Den Karren entdeckt Catherine Hoffmann auf dem Turbinenareal. Als sie keinen Mann findet, der sich im Frauenkleid davor spannen lässt, stellt sich ein mitgereister Kollege zur Verfügung. Wobei der Kahlrasierte im Gewand wie ein Buddha aussieht.

Sie geht bewusst das Risiko des Scheiterns ein

Ihre Performances seien nie perfekt, immer «messy», sagt Catherine Hoffmann später kokett. Es laufe immer etwas schief. Ernsthaft. Allerdings gehe sie bewusst das Risiko des Scheiterns ein. Das halte lebendig, erzeuge Spannung in ihr. Und diese ist in der Halle des Elektrizitätswerks so hoch, dass alles stimmig scheint. Denn ob zwei- oder dreimal Klatschen auf die nackte Po-Backe, um den Klang zu loopen und in der Weite hallen zu lassen, spielt keine Rolle. Hauptsache die Message ist verstanden: «Aufwachen, vieles fällt auseinander, nicht nur in Grossbritannien!»

Die Kinder waren sogar besser als einige erwachsene Performer.

Die Kinder waren sogar besser als einige erwachsene Performer.

Performance ist eine flüchtige Kunstform. Je intensiver der Moment erlebt wird, desto länger wirkt er nach. Die 90 Meter lange, 12 Meter hohe und 12 Meter breite Turbinenhalle in der Aaried-Ebene ist wie geschaffen dafür. Ein kleiner Stein kann die grösste Wirkung erzeugen: Dem sind sich zumindest seit Samstag auch sechs Primarschulkinder bewusst, welche den Event eröffnet haben. Sie nehmen Raum ein, indem sie mit Kreide einen Kreis auf den Boden zeichnen. Dann bringen sie Steine ins Rollen, welche Echos zur Folge haben. Mit Besteck an Heugabeln klingeln sie sich in alle Zuhörer hinein. Das ist deutlich geschmacks-, vielleicht auch kunstvoller als der Auftritt von Stuart Brisley aus London.

Warum zieht er sich auch noch die Hosen aus?

Der 86-jährige Performer spuckt geschlucktes Wasser aus. Auf der Plastikblache produziert er noch mehr seltsame Geräusche. Weshalb er dann auch noch die Hosen auszieht, um in Boxershorts dazustehen? Unnötige Provokation oder alte Perfomance-Schule?

Von 6 bis 86 Jahren, von Stein bis Steinway, von alten bis modernsten Darstellungsformen: Andrea Saemann, seit 2014 künstlerische Leiterin des Festivals, zeigt ein vielfältiges Programm. Während 2018 noch die Landschaft einbezogen worden ist, konzentriert sich diesmal alles auf die Turbine.

Anne Rochat aus Lausanne nutzt die Möglichkeiten des Ortes eindrücklich und hochästhetisch. Den muskulösen Körper nur mit ein paar Tattoos bedeckt, schreitet die Performancekünstlerin bis zur Mitte des langen Raumes, wo sie vor den Zuschauern niederkniet und wie im japanischen Tanztheater in einer Butoh-Position verharrt. Immerhin hört man ihren Atem, auch die Vibrationen des Körpers.

Aus der Verharrung locken

In der Verlängerung entwickelt Sarah Anthony am DJ-Pult aus einem Ton immer mehr Variationen. Dazu bringt sie ihre Stimme ins Spiel: Mit allen Mitteln versucht sie, ihre Partnerin zu verwirren und aus der Haltung zu locken. Nach 20 Minuten steht diese auf – und schreitet zum Hallenausgang. «Pluteus», der Name des Stücks, steht für mobile Schutzwand in der Antike. Heute gehe es darum, eine Blase zu bilden, um in der lauten Welt gut überleben zu können, erklärt Anne Rochat danach.

Der schwarze Steinway imponiert bis zum Schluss. Hans Witschi hat ihn am Nachmittag zum Klingen gebracht. Die Improvisationen des in New York lebenden Luzerners reichen von Barock bis Jazz. 40 Minuten lang bildet er einen Klangrahmen für Bruno Jakob, der mit Kamera und Pinsel sogenannte Luftbilder malt. Dieb hätte man verkürzen können – und dafür den betörenden Steinway in die Vollmondnacht hinaus verlängern.

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