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Bei einer Hilfsaktion des Lucerne Festival wird Beethoven auch mit Zahnbürste und Nasenflöten gespielt

Die von Lucerne Festival initiierte Hilfsaktion #SolidarityForMusic schloss mit einem Sammelbeitrag von 284'616 Franken. Das Geld kommt Musikern in Corona-Not zugute. Intendant Michael Haefliger sieht die 374 Videos zu Beethovens «Ode an die Freude» auch als «Türöffner».

Urs Mattenberger
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So schön wie in diesem Video wurde man diesen Sommer wohl selten von der Coronapandemie abgelenkt. Da versinkt die Saxofonistin Valentine Michaud im Sonnenuntergang fast im Wasser und lässt darüber Beethovens Melodie «Freude schöner Götterfunken» kreisen.

Michaud ist eine von vielen bekannten Musikern, die sich mit einem Video an der von Lucerne Festival initiierten Hilfsaktion #SolidarityForMusic beteiligten. Stefanie Heinzmann schlurft mit angeschliffenen Tönen durch die Melodie, der Gitarrist Christy Doran lässt sie virtuos aufbäumen, bevor er ihr den Blues verpasst.

Cecilia Bartoli macht daraus einen entschwebenden Gruss an die Zuhörer, Patricia Kopatchinskaja klöppelt den Hymnus fragil auf die Saiten ihrer Violine.

Sie alle und viele Laienmusiker aus der Schweiz und dem Ausland trugen dazu bei, dass auf der Kampagnen-Website solidarityformusic.ch 374 Videos mit allen möglichen Variationen zum berühmten Freudenhymnus versammelt sind. Damit hat die am Freitag abgeschlossene Kampagne insgesamt 284'616 Franken gesammelt. Das Geld kommt über den Verband Sonart freischaffenden Musikerinnen und Musikern aller Genres in der Schweiz zugute, von der Klassik bis hin zu Jazz sowie Rock und Pop. Die gesammelte Geldsumme setzt sich aus Spenden der Projekt-Partner, privaten Grossspenden und Direktspenden auf der Kampagnenwebsite zusammen. Bei Sonart werden zurzeit 175 Gesuche geprüft, die von betroffenen Künstlern eingereicht worden sind.

Laien und Profis aus der Schweiz und aller Welt

Mit der Hilfsaktion hatte Lucerne Festival gemeinsam mit seinen Hauptsponsoren die Initiative ergriffen, um auf die wirtschaftliche Not der Musiker aufgrund der Coronapandemie aufmerksam zu machen und zu helfen. Alle, Laien und Profis, Ensembles, Chöre, Orchester und Einzelpersonen, waren aufgerufen, sich oder Andere beim Interpretieren von Beethovens «Ode an die Freude (Freude schöner Götterfunken)» zu filmen. Mitgemacht haben insgesamt 1710 Personen.

Für Intendant Michael Haefliger liegt der Erfolg der Hilfsaktion nicht nur darin, dass mit dem gesammelten Betrag «etliche Musiker mit namhaften Beiträgen» unterstützt werden können: «Dieses Projekt war auch etwas ganz Besonderes, weil wir uns als grösster Klassikveranstalter der Schweiz erstmals für alle musikalischen Genres geöffnet haben. Die Video-Arbeiten wurden zu einem kleinen Festival im Festival, das in die Zukunft weist: Die Art, wie hier auch Jugendliche und Laien mitgemacht haben, entspricht den Plänen, die wir mit unserer Music For Future im Rahmen des Sommerfestivals verfolgen.» Eine Art «Türöffner» sei #SolidarityForMusic aber auch, «weil Musiker aus allen Sparten mitmachten und damit als Community in Erscheinung traten.»

Prominente beteiligten sich ebenso wie Musikschüler, Chöre und Orchester, Büroteams und Schulklassen, sowie zahlreiche Einzelkünstler. Die Videos zur Aktion kamen vor allem von Teilnehmern aus der Schweiz, aber es wurden auch Beiträge aus Dresden, Dublin, Malta, New York, Peking, São Paulo, Sardinien, Sydney, Tromsø oder Wien hochgeladen. Die «Ode an die Freude» wurde gesungen, gepfiffen, gejodelt und musiziert wurde auf klassischen Instrumenten, aber auch auf E-Gitarren, Nasenflöten, Wassergläsern, Glocken, Spieldosen, Synthesizern und mit 3D-Druckern.

Neben dem Lucerne Festival Orchestra und seiner Musiker machte unter anderem ein Ensemble aus Lucerne Festival Alumni mit, das Beethoven mit Wisch- und Schabgeräuschen zu Neuer Musik macht. Aus der Region beteiligten sich das Luzerner Sinfonieorchester, die Festival Strings Lucerne, die Luzerner Kantorei oder Musikschulen aus Ennetbürgen, Entlebuch, Nidwalden und Obwalden. Internationale Gäste sind das Opernstudio der Wiener Staatsoper oder das Orchestra Mozart.

Unterhaltsam breites Spektrum

Das Spektrum der eingereichten Videos ist breit und sehr unterhaltsam. Wie spielerisch selbst ein klassisches Sinfonieorchester das Thema umsetzen kann, zeigt jenes aus Biel Solothurn, das Fragmente der Melodie aufgesplittert auf alle möglichen Solisten vom Kuscheltier über singende Gläser bis zur Lagerfeuergitarre verteilt.

Andere Hantieren mit Kochgeschirr, lassen Kinder in einem Schrank wie in einem Adventskalender musizieren oder benutzen gar eine elektrische Zahnbürste, in deren Brummen man den Götterfunken erahnen kann.

Die Guggenmusik Borggeischter aus Rothenburg wendet den revolutinären Geist von Beethovens Musik ins Anarchische, wenn sie das «rüüdig verreckte» Stück schräg trommeln und schränzen lässt.

Zum Erfolg der Kampagne trug bei, dass sich nicht nur renommierte Musiker der Klassik-Branche beteiligten – darunter auch der Pianist Igor Levit oder der Luzerner Tenor Mauro Peter. Darüber hinaus setzten sich bekannte Schweizer Künstler aus allen Sparten mit eigenen Video-Beiträgen für die Solidaritätsaktion ein – von Francine Jordi über Pepe Lienhard bis zu Erika Stucky. Und wie man den Freudenhymus auch auf ungewohnte Weise als solchen interpretieren kann, zeigt Nicola Senn, der die Melodie am Hackbrett wohlig erzittern und aufrauschen lässt, als wäre dies das Original.

Hinweis: Hier sind die Videos zu finden.

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