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Piano-Festival: Von einsamen Cowboys an ihrem Flügel

Der Solist am Klavier ist oft ein Einzelkämpfer. Das Piano-Festival, das gestern zu Ende ging, gestattet noch einmal einen Überblick, vom Erfinder zum dienstbaren Geist bis hin zum Besessenen.
Roman Kühne
Andreas Haefliger und das Tonhalle-Orchester Zürich am Sonntag im KKL-Konzertsaal. (Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival)

Andreas Haefliger und das Tonhalle-Orchester Zürich am Sonntag im KKL-Konzertsaal. (Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival)

Im Rock ist der Archetypus der Mann mit der Gitarre. In der Klassik ist es der Solist und sein Klavier. Wohl bei keinem anderen Instrument wird diese tiefe – oft männliche – Verbundenheit sichtbarer als beim schwarzen Tastengiganten. Der einsame Cowboy und sein Pferd. Und kaum je wird dies deutlicher vor Augen geführt als an einem Anlass wie dem diesjährigen Piano-Festival.

Eine einzige Frau, Varvara, spielte da im Konzertsaal. Eine einzige Frau, Julia Siedl, mischte sich unter die Jazzspezialisten. Das Klavier ist und bleibt das typische Instrument der Einzelgänger, die man eher unter Männern vermutet.

Der Steppenwolf unter den Pianisten

Das extremste Beispiel bildete in dieser Woche das Konzert des Monolithen Grigory Sokolov vom Donnerstag. Der Steppenwolf geht seit Jahren konsequent oder stur – je nach Ansicht – seinen Weg. Er spielt nicht mit Orchestern, nur selten tauscht er sich mit Künstlerkollegen aus. Wenn er auf die Bühne tritt, gibt es nur ihn und das Klavier. Das Licht ist stark abgedunkelt. Schon im hinteren Drittel des Parketts ist der Solist, sind seine Bewegungen nur vage zu sehen. Aber wie sagt er so schön in einem seiner raren Interviews: Alles andere sei für den Interpreten und den Flügel «einfach zu heiss».

Der Künstler und seine Musik: ein Fokus, der keine Unstimmigkeit verträgt. Ein Auftritt, der gerade wegen dieser Reduziertheit, wegen des Fehlens jeglicher Show zu einem Schauspiel wird. Heute würde man von einer gelungenen Selbstoptimierung sprechen, einem Alleinstellungsmerkmal, das viele «Likes» generiert. Bei Sokolov geht es nicht darum. Erst im Jahr 2014 war er willens, einen Plattenvertrag mit der Deutschen Grammophon einzugehen.

Der Solist als Teamplayer

Auf der anderen Seite, quasi konträr zum Einzelkämpfer, stand am Samstag der Pianist Andreas Haefliger. Er ist ein ausgesprochener Teamplayer. Er liebt die kammermusikalische Begegnung, den Kontakt und Austausch mit dem Orchester. Diesen kann er im Konzert mit dem Tonhalle Orchester Zürich unter der Leitung von Donald Runnicles im Klavierkonzert in c-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart voll ausspielen.

Zwar ist hier der Orchesterapparat der grösste, den Mozart je in einem Konzert verwendete. Trotzdem entwickelt Andreas Haefliger eine intime Lesart. Er unterstreicht weniger das Dämonische und Resignierte der Komposition, sondern entfaltet eine fast zärtliche Nachdenklichkeit. Schattenhaft und zerbrechlich. Mit singendem Ton, einer perfekten Tiefe, weich und voll horcht er in die Töne hinein. Sein Spiel ist elegant und farbig. Die von Haefliger geschriebene Kadenz zerfliesst, hinein, zur Leere hin. Ein Sterben, das aus dem Nichts den Schwung wieder findet und sich, brillant gespielt, in einer fulminanten Steigerung dem Orchester übergibt.

Im Gegensatz zu Sokolov sind dem Musiker Andreas Haefliger auch die Verbindungen zwischen den Stücken wichtig, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung sagte (Ausgabe vom 18. November). So folgt nach der Pause das jubilierende Klavierkonzert «für die linke Hand» von Maurice Ravel. Ein Werk, in dem dennoch ähnlich dunkle Schatten durch die Noten huschen wie in Mozarts Konzert.

Spitzenorchester aus Zürich

Düster beginnt das Kontrafagott. Es folgt eine grosse Steigerung. Ein Wal, der aus dem Wasser steigt und sich in spritzendem Farbenzauber wieder fallen lässt. Der Solist spielt wie verwandelt, wuchtig und ausladend. Mit impressionistischer Bilderkraft türmen sich die Akkordgebirge. Das Tonhalle-Orchester Zürich agiert in beiden Stücken flexibel, mit Eleganz und Einfall.

Im gleichen Geist interpretiert das Orchester die beiden anderen spektakulären Stücke des Abends. In «Till Eulenspiegels lustige Streiche» (Richard Strauss) und «In the South» (Edward Elgar) lässt das Orchester seine ganze Klang- und Strahlkraft blühen. Herrlich werden die Farben entworfen, perfekt – bis auf die mastigen letzten zwei Minuten – ist der Klangausgleich. Unter der Leitung von Donald Runnicles zeichnen die Musiker mit Lust und Energie die vielen Finessen und Bewegungen. In dieser Form wird es noch ein Weilchen dauern, bis ein anderes Schweizer Orchester die Tonhalle Zürich in ihrem Spitzenplatz bedrängen kann.

Der Sucher der Gegenwart

Eher wieder ein «einsamer Cowboy» ist Nicolas Hodges. Der Spezialist für neue Musik bringt am Samstagnachmittag in der Lukaskirche im Rahmen des Christoph-Delz-Kompositionswettbewerbs drei Uraufführungen zum Klingen. Fast schon verbissen krallt er sich in die teils horrend schwierigen Stücke. Mit Erfindergeist, Akribie, deutlicher Führung trägt er viel zum Verständnis dieser Musik bei.

Da ist zum Beispiel «Four Stripes» des Italieners Francesco ­Ciurlo, wo sich entfaltende Musikgeflechte die Entwicklung von Pflanzen bespielen. Oder «Rack and Pinion» des Finnen Sebastian Hilli: ein raffiniertes Maschinenspiel, das die Musik wie Zahnräder ineinandergreifen lässt.

Die Gewinnerin aus über 60 Kompositionen ist die Japanerin Eiko Tsukamoto mit «Zickenzone», deren Stück laut Jury «am originellsten ist, weil es sich nicht scheut, die normalen Piano-Pfade zu verlassen». Wenigstens hier ist es eine Frau, die am Festival den pianistischen Kollegen ihren Weg diktiert.

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