Von wegen fesselnd

«Fifty Shades of Grey», der erste Film der Sadomaso-Trilogie, startet heute in den Kinos. Sam Taylor-Johnsons Film ist zwar besser als das Buch. Trotzdem sind weder die Story noch ihre Umsetzung die Aufregung wert.

Andreas Stock
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Zum Einschlafen brave Erotik: Dakota Johnson und Jamie Dornan in «Fifty Shades of Grey». (Bild: pd/Universal)

Zum Einschlafen brave Erotik: Dakota Johnson und Jamie Dornan in «Fifty Shades of Grey». (Bild: pd/Universal)

Die junge Frau kauert auf einem Steinboden, an eine Wand gelehnt. Die Arme unter die Knie geklemmt, den Kopf gesenkt. Sie trägt einen Rock, hat nackte Füsse. Als sie aufschaut, erkennt man verweinte Augen. Mehrmals blickt sie links hoch, als ob da jemand steht, doch die statische Kamera ist nur auf sie gerichtet. Sie schnieft, schaut uns einmal lange an. Sie kämpft dagegen an, gleich wieder zu weinen, doch sie kann es nicht verhindern.

Die verstörende Szene, ohne einen Ton, dauert zehn Minuten. Sie stammt aber nicht aus «Fifty Shades of Grey», sondern aus der Videoarbeit «Breach» von Sam Taylor-Woods, entstanden 2001. Die Engländerin, die mittlerweile Sam Taylor-Johnson heisst, war damals als Fotografin und Videokünstlerin erfolgreich und 1998 für den Turner-Preis nominiert. «Breach» ist eine typische Arbeit von ihr aus jener Zeit. In fixen Einstellungen setzte sich die Künstlerin mit isolierten Individuen auseinander, mit Exhibitionismus und Ängsten. Und dem beunruhigenden Bereich zwischen Freud und Leid, Lachen und Weinen.

Alles ganz brav

Gute Voraussetzungen also, den Bestseller von E. L. James für die Kinoleinwand umzusetzen, in dem es um Lust und Schmerz, Nähe und Distanz, Herrschen und Erdulden geht. «I put a spell on you» – mit dem Song über Unterwerfung und einer Flugaufnahme über Seattle beginnt «Fifty Shades of Grey» – der Song in der Coverversion von Annie Lennox setzt bereits die Tonart des Filmes. Es ist eine jazzig-sanfte Variante des trotzigen Liedes von Screamin' Jay Hawkins. Dazu werden die beiden Hauptfiguren eingeführt: die 21jährige Literaturstudentin Anastasia Steele und der stinkreiche Geschäftsmann Christian Grey, mit assortierter Krawattenschublade und einer Luxusausstattung, die einen unwillkürlich an den New Yorker Patrick Bateman aus «American Psycho» denken lässt. Aber in diesem Film gibt es nicht den Hauch jener sarkastischen Bösartigkeit auf Gier und Konsum. Es bleibt bei einer ironischen Anspielung von Anastasia, als sie Grey im Baumarkt als Kunden bedient: «Kabelbinder, Klebeband, ein Seil – alles, was ein Serienkiller braucht.» Überhaupt ist es Anastasia, der das Drehbuch von Kelly Marcel ironische Sprüche in den Mund legt. Während Christian Grey gar blass bleibt für einen Mann, der eine offensichtlich enorm erfolgreiche Firma hat. Das liegt nicht an Jamie Dornan, der in der britischen Thrillerserie «The Fall» tatsächlich einen beängstigenden Serienkiller spielte.

Enttäuschend uninspiriert

Wer beim Lesen jetzt langsam ungeduldig wird, wann es denn nun endlich zur Sache geht, dem kann versichert werden: Es dauert im Film ebenfalls gut eine Stunde, bei einer sich ziehenden Gesamtlänge von 120 Minuten, bis zur ersten Sexszene. Zudem sind genau diese nicht grosser Rede wert. Das mag jene enttäuschen, welche die detailliert beschriebenen Buchpassagen kennen. Und es wird jene überraschen, die sich vom Marketing der Gerüchte und Spekulationen haben erregen lassen, wie ausschweifend-verrucht es im roten «Spielzimmer» von Mister Grey zu und her geht. Hollywood stösst mit diesem Film keine Grenzen um. Im Gegenteil. Zwar gibt es Sex zu sehen, aber der ist geradezu niedlich und nicht ausgefallener als in anderen Mainstreamfilmen. Adrian Lyne hat solche Spielchen schon 1986 in «91/2 Weeks» nicht weniger stylisch in Szene gesetzt. Frecher und hintergründiger war auch die sadomasochistische Beziehung, die Steven Shainberg in «Secretary» (2002) zwischen einer Sekretärin und ihrem Chef auslotete.

Bei Sam Taylor-Johnson ist die Erotik enttäuschend uninspiriert bebildert – waren vielleicht auch ihr die Hände gebunden? Viel zu sauber und schick ist das, genauso wie die Büros, Wohnungen, Hotelzimmer und Autos, die geschmäcklerisch in Szene gesetzt werden. Die Ästhetik, die an teure Parfum- oder Modewerbung erinnert, geht teils so weit, dass man «Gelb!» rufen möchte – dem Codewort, wenn die Limite beim Sadomaso-Sex erreicht ist.

Mehr lächerlich als dunkel

Sam Taylor-Johnson sagte, der Stoff sei für sie wie ein dunkles Märchen. «Fifty Shades» ist denn auch eine kommerzialisierte Variante vom unschuldig-lieben Mädchen, das auf den reichen, schönen Prinzen trifft. Der beeindruckt sie mit Segelflugzeug und Helikopter, während sie hofft, seine verknorzte Prinzenseele durch ihre Liebe heilen zu können. Kelly Marcel und Sam Taylor-Johnson sparen die Küchenpsychologie von E. L. James zwar meist aus, aber unfreiwillig lächerlich bleibt das alles doch. Zumindest gelingt es, Anastasia nicht nur als Opfer zu zeichnen; sie lassen sie an Selbstbewusstsein wachsen. Und Dakota Johnson bemüht sich, das glaubhaft zu machen. Der Film verschafft ihr einen Abgang, wie er ihr im Buch nicht gegönnt war. Aber wirklich interessieren wollte einen das nicht mehr.