WAGNER: Ein Romantiker bleibt unbequem aktuell

Der Unternehmer Stefan Gallati und der Musiker Raphael Staubli bewahren selbst als Wagnerianer im Jubiläumsjahr einen kühlen Kopf. Und das, obwohl Wagner so schwierige Fragen provoziert.

Urs Mattenberger
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Raphael Staubli (links) und Stefan Gallati mit der Büste von Richard Wagner vor dem Wagner-Haus auf Tribschen in Luzern. (Bild Eveline Beerkircher)

Raphael Staubli (links) und Stefan Gallati mit der Büste von Richard Wagner vor dem Wagner-Haus auf Tribschen in Luzern. (Bild Eveline Beerkircher)

Richard Wagner, der am 22. Mai vor 200 Jahren geboren wurde, könnte man zum Jubiläum durchaus positiv würdigen. Den Revolutionär etwa, der auch im «Ring des Nibelungen» der Macht des Geldes die Utopie einer freien Liebe gegenüberstellte. Oder den Opernvisionär, der der Moderne mit der freischweifenden Harmonik des «Tristan» urromantische Sehnsüchte einimpfte.

Aber die meisten Beiträge zum 200. Geburtsjubiläum des Komponisten, der sich in Bayreuth ein Denkmal setzte, holen ihn lieber «vom Podest» herunter, wie das Schweizer Fernsehen zu seinem Wagner-Schwerpunkt schreibt. Wagner der Frauenverachter und Antisemit, wie sein Urenkel Gottfried Wagner in seinem neuen Buch schreibt: Wie gehen Wagner-Verehrer mit solcher Kritik um?

Neuanfang in Tribschen

Die Frage stellt sich gerade in Luzern, wo Wagner auf Tribschen 1866 bis 1872 sechs wichtige Jahre seines Lebens verbracht hat. Wir fragten zwei «Wagnerianer», die fest auf dem Boden der Realität stehen. Stefan Gallati (61) führt ein Haustechnik-Unternehmen mit 68 Mitarbeitern und ist Präsident der Richard-Wagner-Gesellschaft Schweiz. Mit ihm in deren Vorstand sitzt Raphael Staubli (53). Er ist Musiker und Dozent an der Musikhochschule Luzern – und fand als Skeptiker zu Wagners Musik.

«Die Richard-Wagner-Gesellschaftwurde genau aus diesem Grund 1946 in Luzern gegründet, um nach Hitlers Wagner-Kult auf neutralem Boden einen Neuanfang zu ermöglichen – mit Tribschen als zweiter, unbelasteter Wagner-Gedenkstätte neben Bayreuth», erzählt Gallati. Klar, die antisemitischen Elemente in Wagners Schriften, die auch «mit dem damaligen gesellschaftlichen Klima» zusammenhängen, leugnet er nicht. Aber er bedauert, dass dieser Fokus die Auseinandersetzung mit dem Werk in den Hintergrund rückt.

«Dieses Problemfeld muss man mit grösstem Respekt vor dem Hintergrund des Holocaust und vor Wagner behandeln», meint auch Staubli: «Die Hakenkreuzfahne zusammen mit Wagners Konterfei auf die Frontpages von Zeitschriften zu setzen, ist publikumswirksam, einer ernsthaften Auseinandersetzung aber hinderlich. Seine Schrift ‹Das Judentum in der Musik› enthält neben seinen peinlichsten Diffamierungen auch ein ästhetisches Programm, das im Widerspruch steht zum deutschen Idealismus der Goethe- und Schiller-Zeit. Hier müsste man ansetzen, um die entscheidende Frage beantworten zu können, ob Wagners Hass gegen jüdische Künstler in seinem Werk präsent ist oder nicht.»

Die goldene Kiste von Karajan

Staubli wie Gallati wollen also nichts schönreden – aber viel lieber reden sie von Wagners Musik und Werken. Wie also wird ein Unternehmer zum Wagnerianer? «Ich war sechzehn, als ich die goldene Kiste mit Karajans Ring-Aufnahme im Schaufenster sah», erzählt er. Als er sie erstanden hatte, zog er sie «in einem Guss» rein: «Von da an war ich Wagners Musik verfallen. Ich habe zwar nie Drogen genommen. Aber genau so muss das wohl sein», lacht er.

Obwohl Gallati alle mögliche Musik zwischen Klassik und Jazz hört, ist die Faszination für Wagner geblieben. So reist er zu Aufführungen und auch nach Bayreuth: «Wenn man da den Anfang des ‹Rheingold› aus dem Untergrund auftauchen hört, geht einem das an die Seele.» Wallfahrtsstätte oder gar Religionsersatz ist ihm Wagner aber überhaupt nicht. Im Gegenteil, das «Pausengeschwätz» über Fragen der Interpretation etwa belustigt Gallati eher. Und auch die bombastische Seite Wagners – noch ein Klischee – ist ihm nicht wichtig: «Mich interessieren die Details und Dialoge wie die Ehegespräche zwischen Wotan und Fricka.»

In solchen Dialogen rechnet Wagners «Ring» ab mit der Welt des Geldes und der Verträge, wie sie Gallati als Unternehmer täglich abschliesst. «Das hat miteinander nichts zu tun», lacht er: Wagners Musik baut eine eigene Welt auf, die keine Parallelen zu meiner Arbeit als Unternehmer hat. Sie ist eine faszinierende Erweiterung.» Gallati nimmt diese Welt gefühlsmässig, «mit dem Bauch» auf: «Wagners Werke handeln von elementaren Gefühlen wie Macht, Neid, Sexualität, Liebe.» Ein Beispiel? Er nennt den dritten Akt von «Tristan und Isolde», in dem Isolde sich mit dem sterbenden Geliebten im Tod vereint: «Das macht einen fast kaputt und rührt unbewusste Schichten an.»

Ganz persönliche Fragen

Aber Wagner rückt bekanntlich auch solche Emotionen in weite Götter- und Mythenferne. Die grosse Liebe? Der «Tristan» handelt von der Sehnsucht nach ihr, aber auch davon, dass sie in dieser Welt nicht gelebt werden kann. Ewig unerfüllte Sehnsüchte also – widerspricht nicht auch das der Realität und Lebenserfahrung eines beruflich erfolgreichen, dreifachen Vaters?

Gallati atmet tief durch, sieht sich bestätigt: «Wenn man von Wagner spricht, kommen persönliche Fragen auf den Tisch.» Und er, der nicht mehr in seiner einstigen Ehe, sondern in einer Lebenspartnerschaft lebt, hat darauf eine kluge Antwort: «Wenn im Leben eine Geschichte, eine Beziehung zu Ende geht oder ein Plan sich nicht erfüllt, bleibt ein Rest ungelebten Lebens zurück. Vielleicht ist es das, woran Wagners Sehnsuchtsthema in uns rührt.»

Die Frage, wodurch Wagners Musik uns berührt, stellte sich bei Raphael Staubli ganz anders. Ihn berührte nämlich diese Musik zunächst gar nicht. Als Student war er aus einer Aufführung des «Parsifals» sogar «rausgelaufen». Er hätte es sich bequem machen und Wagner einfach «in der Nazi-Ecke» ad acta legen können. Aber er wollte herausfinden, was das Geheimnis der «Entzücktheit» ist, die diese Musik hervorruft. Als er nach dem Studium der Partitur wieder einen «Parsifal» besuchte, begannen ihn die immer wiederkehrenden Leitmotive gar zu langweilen: «Ist das Strickmuster einmal erkannt, kann auch die Faszination erlöschen.»

Aber die Faszination jener Frage blieb, den «Tristan» etwa bewundert er ohne Einschränkung als «absolute Musik». Staubli widmete ihr, unter anderem mit Gallati, in Luzern die Veranstaltungsreihe «Wagnerzeit». Sie war der Grund, weshalb beide in den Vorstand der Schweizerischen Richard-Wagner-Gesellschaft berufen wurden.

Theater-Vision für Luzern?

Eine Motivation dafür war die Vision, Luzern als zweitwichtigsten Wagner-Ort aufzuwerten. Aber reicht dafür das Haus in Tribschen? «Die Bedeutung der Zentralschweiz für Wagner geht darüber hinaus», schwärmt Gallati: «In Luzern hat Wagner an wichtigen Werken gearbeitet, und sie sind voller Bezüge zur Landschaft, die er durchwanderte. Wenn man von Brunnen aus in die Berge schaut, weiss man: Irgendwo dort hinten liegt Walhall, selbst wenn Wagner das Motiv dazu auf dem Julierpass einfiel.»

In Brunnen träumte Wagner einst sogar von Freiluftfestspielen. Bräuchte Luzern nicht ähnlich Ambitioniertes, um als Wagner-Stadt vermehrt wahrgenommen zu werden? Da bleibt Gallati realistisch, auch weil die Politik die touristische Bedeutung einer Wagner-Stätte noch nicht erkannt habe. «Aber vielleicht muss man selbst Visionen, die unrealistisch scheinen, im Auge behalten», sagt er mit Blick auf die aktuelle Diskussion um ein neues Theater in Luzern, wo endlich auch Wagner aufgeführt werden könnte: «Was daraus entstehen kann, hat gerade Wagner mit Bayreuth gezeigt!»