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Der Schweizer Beitrag am Filmfestival Locarno enttäuscht

Das Inzestdrama «Glaubenberg» des Zürcher Regisseurs Thomas Imbach feierte gestern Weltpremiere am Filmfestival von Locarno. Vom einzigen Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb hätte man mehr erwartet.
Regina Grüter

Schwungvoll kommt er an die Pressekonferenz, mit langem wehendem Haar. Locker beantwortet er die Fragen, überlegt und klar. Noch drei Stunden bis zur Premiere von Thomas Imbachs «Glaubenberg». Der 1962 in Luzern geborene Regisseur wurde schon zweimal nach Locarno eingeladen – 2001 mit «Happiness Is A Warm Gun» und 2013 mit «Mary Queen Of Scots». «Glaubenberg» ist der einzige Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb.

Man ist es von Imbach gewohnt, dass er Risiken eingeht, einfach sein Ding durchzieht.

Im Dokumentarfilm «Day Is Done» (2011) blickt er durch die Kamera aus seinem Atelierfenster und fängt den scheinbar belanglosen Alltag ein; «Mary Queen Of Scots» ist ein grösstenteils in der Schweiz gedrehter Kostümfilm um das Innenleben von Maria Stuart und ihre Beziehung zu ­Elizabeth I, der tatsächlich – auch dank Hauptdarstellerin Camille Rutherford – mit internationalen Produktionen mithalten kann.

Persönliche Erinnerungen hervorgerufen

Was dort funktioniert hat, tut es hier nicht, man muss es leider sagen. In «Glaubenberg» heisst die Hauptfigur Lena, ein noch nicht einmal 18-jähriges Mädchen, das in den wenig älteren Bruder Noah verliebt ist. Imbach konzentriert sich ganz auf diese Lena, und der Zuschauer merkt schnell, dass die Bilder der Leidenschaft zwischen den Geschwistern sich nur in deren Träumen abspielen.

Thomas Imbach erzählt eine sehr persönliche Geschichte. Er habe sie erlebt, sagt er, und gleichzeitig sei der Film seine Interpretation davon. Er lässt es so stehen. Der Film «beruht auf wahren Figuren», heisst es am Anfang, «inspiriert von einer Legende». Der Mythos ist der von Byblis und Kaunos in den «Metamorphosen» von Ovid; die ero­tische Liebe der Schwester zum Bruder auf sechs Seiten ver­dichtet.

Die Geschwister Noah und Lena, gespielt von Francis Meier und Zsofia Körös.

Die Geschwister Noah und Lena, gespielt von Francis Meier und Zsofia Körös.

Die Erinnerungen kamen zurück beim Dreh zu «Mary Queen Of Scots», hervorgerufen durch ein Wort – Glaubenberg. Dort habe der Vater Militärdienst geleistet, und er habe als Bub Militärbiscuits geschnorrt. Später sei er nie mehr auf dem Glaubenberg gewesen. Die Szenerie um den Pass zwischen den Kantonen Obwalden und Luzern taucht gleich zu Beginn auf, eingehüllt in ­Nebelschwaden, die sie mystisch erscheinen lassen. Später dann sieht man die Geschwister als Kinder in der Berglandschaft spielen.

Lena und Noah sind in einer ganz normalen Zürcher Familie aufgewachsen. Die Eltern (Milan Peschel und Bettina Stucky) sind aufgeschlossen. Auf der Maturafeier ihres Bruders driftet Lena erstmals in einen Tagtraum ab. Dabei hält die Kamera ganz nah auf ihr Gesicht – und das bleibt so, fast den ganzen Film hindurch. Zsofia Körös hat ein sehr schönes Gesicht, das man gerne und lange anschaut. Aber 115 Minuten lang?

Noahs Perspektive tut dem Film gut

Das ist das erste grundlegende Problem von «Glaubenberg». Körös spielt zwar gut – Imbach hat sie frisch von der Schule weggeholt und ein Jahr lang auf die Rolle vorbereitet –, vor allem wenn sie nur tiefgründig schauen und nicht viel reden muss. Aber man muss auch sagen, dass die Dialoge teilweise grenzwertig sind. Etwa wenn sich die Mutter auf die Frage, was denn mit ihr los sei, von Lena mit den Worten abspeisen lässt: «Es esch min Körper und mis Läbe!» Denn als Noah für archäologische Forschungen in Izmir weilt, treibt Lena ein bizarres Spiel mit dessen Freund Enis.

Wirklich gut ist Francis Meier in der Rolle von Noah. Es tut dem Film gut, dass auch er zur Iden­tifikationsfigur wird und auch ­seine Perspektive einfliesst. Aber vieles an diesem Film ist nicht glaubwürdig, frei von Klischees ist er auch nicht. Das Publikum an der Weltpremiere gestern Nachmittag hat an Stellen ­gelacht, an denen es nicht hätte lachen sollen. Am schlimmsten aber ist, dass er nicht wirklich ­berührt. Der einzige Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb von Locarno ist nicht eine totale, aber eine Enttäuschung. Mutig ist er auf jeden Fall.

Der Film startet am 22. November in den Deutschschweizer Kinos.

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