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Wald statt Rasen im Fussballstadion

Der Basler Klaus Littmann realisiert mit «For Forest» im Klagenfurter Stadion ein Kunstprojekt. Brennend aktuell und doch daneben.
Sabine Altorfer aus Klagenfurt
Urtümliche Kraft: Für zwei Monate steht der Wald im Wörthersee-Stadion Klagenfurt. Bild: Unimo, E. Fradin, APA/Enea,

Urtümliche Kraft: Für zwei Monate steht der Wald im Wörthersee-Stadion Klagenfurt. Bild: Unimo, E. Fradin, APA/Enea,

Spinne ich, wegen eines künstlich aufgebauten Walds in einem Stadion nach Klagenfurt zu fliegen? Beim Blick auf die bewaldeten Berge und Hügel von Kärnten und angesichts der üppigen Vegetation am Wörthersee kommt einem das Herankarren von Bäumen quer durch Europa vor, wie wenn man mit PET-Flaschen Wasser in den Rhein trüge. Oder ist das Kunstprojekt «For Forest. Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur» des Baslers Klaus Littmann eine sinnstiftende Aktion in der Debatte um brennende Wälder und um das Klima?

Am Donnerstagmorgen ist Pressekonferenz für die aus ganz Europa eingeflogene Journalistenschar, zuoberst im Stadion, hinter verhüllten Fenstern … und dann, endlich. Hinaus!

Da steht er also, dieser Wald. Vom Licht der Sonne durchflutet, grün in all seinen Facetten. Ein starkes Bild. Dieser Wald ist wirklich ein Wald. Er füllt das für 30 000 Zuschauer angelegte Stadion, die Ränge mit den roten Stühlen fassen ihn ein, aber erdrücken ihn nicht. Tribüne auf und ab, umrunde ich das Stadion, mal auf Augenhöhe mit den Stämmen, mal über den Wipfeln. Ich nehme die Vielfalt der Bäume wahr: dunkle Tannen, helle Birken, silbrig glänzende Weiden, sattgrüne Eichen. Schön. Eine kleine Lichtung und Unterholz für Waldstimmung.

30 Jahre lang ein unbenutztes Stadion gesucht

Klaus Littmann, 68, kennt man als Initianten von Kunstprojekten, die meist ausserhalb der üblichen Kunststrukturen stattfinden, aber oft populäre Themen aufgreifen – Fussball beispielsweise. Wie ist er auf die verrückte Idee für «For Forest» gekommen? Durch die Zeichnung «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur» von Max Peintner, erklärt er. Der Tiroler Künstler hat sich um 1970, als Waldsterben das Thema der Stunde war, vorgestellt, dass, wenn der Wald total wegstirbt, man wohl ein Stadion um das letzte Waldstück bauen würde, «um es vorzuführen wie ein wildes Tier im Zirkus».

«Nur wenn dieses Bild in den Köpfen der Menschen hängen bleibt, hat das Projekt Erfolg.»

Klaus Littmann

Klaus Littmann Vermittler zeitgenössischer Kunst

Klaus Littmann
Vermittler zeitgenössischer Kunst

Dreissig Jahre nach seiner ersten Begegnung mit diesem Bild setzt Klaus Littmann es in die Wirklichkeit um. Als Symbol, als Aufruf. «For Forest» müsste nicht unbedingt in Klagenfurt stattfinden, gibt er zu. «Aber ein ungenutztes Stadion zu finden, ist schwierig.» Die Klagenfurter Bürgermeisterin Marie-Luise Mathiaschitz fand, «For Forest» passe zum Wörthersee-Stadion. Es war für 100 Millionen Euro Steuergeld für die Europameisterschaften 2008 gebaut worden, gepuscht vom rechtskonservative Landeshauptmann Jörg Haider. Heute steht es meist leer. Das Projekt kommt für sie gelegen, es ist für sie aber auch «ein Aufschrei der Kunst in einem Moment, wo der Urwald brennt». Und die Bürgermeisterin betont: «Für ‹For Forest› ist kein Euro Steuergeld eingesetzt worden.» Trotzdem gab es Polemik und Angriffe von rechts: «Öl’ und putz’ deine Motorsäge» rief ein Politiker der BZÖ in einem Video auf Facebook.

Über die Kosten spricht niemand. Littmann betont mehr als einmal: «Alles ist privat finanziert.» Zum einen durch anonym bleiben wollende Basler Mäzene («der Löwenanteil»), zum Zweiten durch Baumpatenschaften à je 5000 Euro und zum Dritten durch österreichische Firmen – mit Geld, Material- oder Sachleistungen. Herbert Waldner («Ich habe doch den passenden Namen»), Geschäftsführer der Riedergarten Immobilien, ist in Klagenfurt «der wichtigste Ermöglicher» (so Littmann). Er ist als «Kärntner aus vollem Herzen» begeistert, dass das Bild des Klagenfurter Waldes im Stadion um die Welt gehen werde.

Waldner sagt auch Dinge wie: «Dem Wald ist egal, welche politische Kraft an der Macht ist.» Für Künstler Max Peintner ist die Aktion dagegen politisch: «Wir müssen verhindern, dass ein Verrückter in Brasilien den roten Knopf drückt!» Selbst für Littmann ist «die punktgenaue Aktualität», die seine lang geplante Aktion bekommt, «etwas unheimlich».

Für Gärtner ganz normal

Verantwortlich für das Pflanzen des Waldes ist ein weiterer Schweizer: Enzo Enea. Der weltweit tätige Gartengestalter aus Rapperswil-Jona ist Spezialist für Baum-Migration. Für Nobelhotels und reiche Leute baut er Gartenanlagen mit bereits grossen Bäumen. «Das ist für uns Gärtner normal.» An der diesjährigen Art Basel platzierte er – nicht unumstritten – uralte Olivenbäume in die Messehalle.

Nun also ein Kärtner Mischwald: 299 Bäume, 16 Sorten (siehe Box) zwischen 8 und 14 Meter hoch, insgesamt 750 Tonnen schwer, wurden aus Baumschulen in Belgien und Italien transportiert, ein halbes Jahr akklimatisiert. Im Stadion ist der Boden mit lastenausgleichenden Platten und Holzpodesten bedeckt, die Bäume sind darauf mit verpackten Wurzeln platziert und fixiert. Die CO2-Bilanz der Aktion habe man nicht ausgerechnet, erwidert Enea auf eine Journalistenfrage. Aber er weiss, wie viel Sauerstoff ein Baum dereinst produzieren, wie viel CO2 er binden kann.

«Ich hätte nicht mitgemacht, wenn die Bäume nach der Aktion nicht definitiv eingepflanzt worden wären», sagt er.

Enzo Enea

Enzo Enea Gartengestalter

Enzo Enea
Gartengestalter

Betreten darf man den Wald nicht. «Das verbietet schon die Zeichnung von Max Peintner», sagt Littmann. Ihnen beiden gehe es in der künstlerischen Arbeit um die Wahrnehmung und die Wirkung. «Im metallenen Geviert des Stadions sieht man den Wald genauer. Wenn dieses Bild in den Köpfen der Menschen hängen bleibt, hat das Projekt Erfolg. Nur dann macht es Sinn und ist nachhaltig.»

Also alles gut? Mein Flug nach Klagenfurt keine Spinnerei? Die Unsicherheit bleibt, denn die Klimadebatte der letzten Jahre hat einen sensibilisiert. Irgendwie, so scheint einem, liegt Littmann mit seinem Projekt im Trend – aber in der Art der Umsetzung auch daneben. Oder neben der Zeit. Vor zehn oder zwanzig Jahren hätte man diese Art von Kunstprojekt wohl noch vorbehaltlos anregend und grandios und mutig – und nicht nur gross – gefunden. Aber ich weiss auch, wenn ich am Sonntag, nach dem Rückflug aus Klagenfurt, im Wald spazieren gehe, im echten, wird mich das Bild vom Wald im Stadion wohl verfolgen. Womit Klaus Littmann seinen erhofften Erfolg hätte.

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