Warum «kleine Babys» die US-Charts dominieren

Lil Baby, Lil Uzi Vert, DaBaby, Juice WRLD: Erfolgreiche Musiker scheinen immer ausgefallenere Namen anzunehmen. Wer kann da noch den Überblick behalten? Und wo kommen die alle her? Eine Namenskunde.

David Hutzler, DPA
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Konzert von Lil Baby am Open Air Frauenfeld 2019.

Konzert von Lil Baby am Open Air Frauenfeld 2019.

Bild: Reto Martin (Frauenfeld, 11. Juli 2019)

Es liest sich wie ein Buchstabensalat: Lil Uzi Vert, Juice WRLD, SAINt JHN, DaBaby, Lil Baby. Doch auf der Tastatur ist hier niemand ausgerutscht - so heissen einige der derzeit erfolgreichsten Musiker in den USA. Ihre Namen dominieren seit Wochen die US-Billboard-Charts. Auch in Deutschland tauchen sie immer wieder in den Hitlisten auf. Fragt sich nur: Wo kommen all die Wort-Ungetüme her?

Zunächst: Alle aufgelisteten Künstler kommen aus dem Hip-Hop. Und der ist in den USA gerade das grosse Ding. Acht der Top-Ten-Singles der letzten Juli-Woche kamen aus dem Genre. In den Albumcharts sieht es nicht viel anders aus. Und damit ist klar: Wer hinter die Fassade der komischen Namen blicken will, muss sich mit Hip-Hop beschäftigen.

Dass sich Rapper Künstlernamen zulegen, hat eine lange Tradition, wie der Hip-Hop-Experte Jeffrey Ogbar von der University of Connecticut erklärt. Schon der Pionier Grandmaster Flash sei in den 1970er Jahren unter Pseudonym aufgetreten. Teilweise seien solche Namen mit Charakteristiken der Rapper verbunden gewesen. Bei Twista etwa, dessen wirbelwindiger Name zu seinem sehr schnellen Rap-Stil passte.

Bei den aktuellen Künstlern ist das teilweise ähnlich. Lil Uzi Vert etwa wurde zu Beginn seiner Karriere oft auf seine Geschwindigkeit angesprochen, wie er dem US-Magazin Vibe erzählte. «Du rappst wie ein Maschinengewehr», hätten die Leute zu ihm gesagt. So kam die «Uzi», eine Maschinenpistole, in den Namen des Mannes, der von der «New York Times» als «der prägende Rap-Star der letzten Jahre» bezeichnet wird.

Aber was hat es denn nun mit all den «Lils» auf sich? Immerhin über 8000 «Lil»-Künstler hat der Streaminganbieter Spotify bereits 2018 auf seiner Plattform gezählt. Die Hip-Hop-Forscherin Sina Nitzsche erklärt: «Das "Lil" ist ein Begriff aus dem afroamerikanischen Englisch und steht für "klein" (little).» Im Hip-Hop werde viel mit Sprache, Hierarchie und Identität gespielt. Auf der einen Seite ist da der «OG», der «Original Gangster». Der Begriff kommt aus der Gangkultur. Er bezeichnet jemanden, der als Eminenz in der Szene gilt. Nitzsche zählt Künstler wie Dr. Dre, Snoop Dogg oder Ice-T dazu.

Und dann gibt es die aufstrebenden Künstler. Die werden teils von «ihrem OG» gefördert - oder sie verehren die Rapper der älteren Generation und stellen sich in deren Tradition. Das spiegelt sich auch in den Namen wider, wie Nitzsche anmerkt. Der Rapper Lil Nas X habe sich beispielsweise nach seinem Idol Nas benannt. Eine Sicht, die US-Experte Ogbar teilt. Insbesondere durch den Erfolg von Lil Wayne in den 2000ern hätten «die infantilen Namen» Hochkonjunktur, meint er. Nitzsche führt noch einen weiteren Grund für all die «Lils» und «Babys» an: «Viele Künstler sind einfach sehr jung.» Die Hip-Hop-Kultur sei schon über 45 Jahre alt. Viele heutige Künstlerinnen und Künstler wollten sich durch ihre Namen von den Älteren abgrenzen und zeigen, dass sie «ihr eigenes Ding» machen.

Das zeigt sich auch in der Musik. Momentan wabert zum Beispiel die Trap-Welle durch die Szene. Der Sound wird dunkler, basslastiger. Die Texte sind reduzierter, die Stimmverzerrung durch Autotune wird zum elementaren Stilmittel. Nitzsche erklärt, dass Künstler und Fans der älteren Hip-Hop-Generation den Jüngeren oft vorwerfen, sie hätten keine politische Botschaft mehr. Auch US-Experte Ogbar sieht die neue Generation meilenweit von der Tradition des politischen Raps früherer Generationen entfernt. Das Vorgehen der Polizei gegenüber Schwarzen in den USA werde von den Künstlern kaum thematisiert, sagt er. Stattdessen gehe es oft um Drogen, Gewalt und Frauenfeindlichkeit.

Auch eine Verbindung zur aktuellen Anti-Rassismus-Bewegung kann er nicht erkennen - obwohl der Grossteil der chartdominierenden Künstler schwarz ist. Das Gegenbeispiel bietet der Rapper Lil Baby: Erst Ende Juni veröffentlichte er einen Song samt Video, der «Black Lives Matter» in den Vordergrund stellte und bei YouTube bereits über 50 Millionen mal aufgerufen wurde. Und noch eine Entwicklung prägt den derzeitigen US-Hip-Hop: Er wird melancholischer. Im Emo-Rap zeigen Künstler wie Lil Peep, XXXTentacion oder Juice WRLD ihre zerbrechliche Seite. Sie alle eint ihre Jugend - und ihr tragisches Schicksal: Keiner von ihnen wurde älter als 21 Jahre. Ihre jeweiligen Songs und Alben gingen posthum in die Charts.

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