Rückblick Kultur: Was die Moral in der Literatur verloren hat

Der Nobelpreis für Peter Handke sorgte wegen Texten zum Bosnienkrieg für Proteste.

Hansruedi Kugler
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Der Schriftsteller Peter Handke bei der Nobelpreisfeier.

Der Schriftsteller Peter Handke bei der Nobelpreisfeier.

Bild: ap

Oft genug wurde in der Vergangenheit beklagt, «richtige» politische Gesinnung werde bei der Vergabe des Literaturnobelpreises höher gewichtet als literarische Qualität. Selten aber wurde der Streit darüber so intensiv und mit verkehrten Vorzeichen geführt wie 2019. Peter Handkes poetische Wanderungen im Nachkriegsbosnien der 1990er- Jahre hat damals wegen seiner proserbischen Schlagseite und Blindheit gegenüber Massenmord und Vertreibung viele empört. Als er 2014 in Norwegen den Ibsen-Preis bekam, begrüssten ihn Flüchtlinge mit «Genozid-Leugner»-Schildern. Am 10. Dezember nun, dem Tag der Nobelpreisfeier, forderten bosnische Flüchtlinge in der Stockholmer Innenstadt von Handke eine Entschuldigung.

Humanismus gehört zur DNA der Nobelpreise

Rationales Denken, Humanismus und die Zusammenarbeit über Grenzen seien die Grundpfeiler des Nobelpreises, sagte Akademiepräsident Carl-Henrik Heldin bei der Nobelpreisfeier. Idealismus steht als Ziel in den Statuten des Nobelpreises, Humanismus gehört zu seiner DNA. Die Frage, ob Peter Handke trotzdem ein würdiger Nobelpreisträger sei, hat zumindest einen guten Nebeneffekt: Was Moral in der Kunst verloren hat, wird nicht mehr nur im Feuilleton, sondern breit diskutiert.