Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Der Film «Shoplifters» zeigt, was Familie ausmacht

Die Filme des Japaners Hirokazu Kore-eda sind getränkt mit Alltagspoesie. Im Cannes-Gewinner ­«Shoplifters» lässt er gesellschaftliche Aussenseiter leuchten, dass einem das Herz aufgeht.
Regina Grüter
Juri (Mitte) erfährt Nähe und Zuneigung von einer unkonventionellen Familie (Sakura Andô als Nobuyo, Lily Franky als Osamu). (Bild: Cineworx)

Juri (Mitte) erfährt Nähe und Zuneigung von einer unkonventionellen Familie (Sakura Andô als Nobuyo, Lily Franky als Osamu). (Bild: Cineworx)

Das sieht alles ganz spielerisch aus, wenn Osamu und Shota sich im Supermarkt auf Diebestour begeben. Zuvor geben sie sich die Faust wie Kumpel, auf dass das gemeinsame Abenteuer abermals gelingen möge. Lebensmittel, Toilettenartikel, was es eben so braucht für das alltägliche Leben. Sie verständigen sich per Zeichensprache. Ein eingespieltes Vater-Sohn-Duo, so scheint es, das sich nach getaner Arbeit auf dem Nachhauseweg Kroketten kauft. Die Musik, die dieser Szene unterlegt ist, ist hell und leicht, beinahe fröhlich, und sehr dezent. «Shoplifters» heisst Hirokazu Kore-edas neuer Film, Ladendiebe, doch nein, kriminell erscheinen einem seine Helden nun wirklich nicht.

Sie verhalten sich weder unverantwortlich noch rücksichtslos. Das kleine Mädchen, das bei klirrender Kälte allein auf dem Balkon spielt, nehmen Osamu und Shota kurzerhand mit zu sich. Dort haben Grossmutter, Nobuyo und Aki die Nudeln schon vorbereitet. Jetzt wird erst mal gegessen. So die erste Begegnung mit Kore-edas neuer Filmfamilie, die die Herzen der Zuschauer schon für sich gewonnen hat, bevor der Film überhaupt richtig begonnen hat.

Sie schauen ­ nicht weg

Die Fünf leben zusammen auf engstem Raum in Grossmutters Einzimmerwohnung, obwohl die verwandtschaftlichen Verhältnisse nicht so sind, wie man anfangs meint. Und die fünfjährige Juri wird schnell zum sechsten Familienmitglied, als man merkt, dass niemand sie vermisst. Zu Grossmutters Pension trägt jeder das seine bei. Osamu arbeitet als Tagelöhner auf dem Bau, Nobuyo in einer Wäscherei, und Aki zeigt ihre Brüste, eine dicke Scheibe zwischen ihr und dem Freier. Und doch ist es mehr als eine Schicksals- oder Zweckgemeinschaft.

Hirokazu Kore-eda hat sich in «Nobody Knows», «Our Little Sister» oder «After The Storm» mit familiären Gefügen auseinandergesetzt. In «Shoplifters» stellt er die Familie in Beziehung zur Gesellschaft und wirft wie in «Like Father, Like Son» die Frage auf: Was macht Familie aus, die genetische Zugehörigkeit oder die Liebe und Zuneigung, die aus dem konkreten Zusammenleben erwächst? Der 56-jährige Japaner vermisst das Mitgefühl in einer Gesellschaft mit vielen alten Menschen und hoher Arbeitslosigkeit.

Die Gesellschaft verändert sich, nicht aber die Vorstellung von Familie. Pflegefamilien seien in Japan tabu, sagte ­Kore-eda im Interview mit der «NZZ am Sonntag», das Zusammenleben in einer Patchworkfamilie eigentlich eine Utopie. Seine Protagonisten schauen nicht weg. Sie helfen einander, auch bei der Arbeit. Und auch wenn sich in ihrem Alltag notgedrungen vieles ums Geld dreht, sind sie bereit, das wenige, das sie haben, zu teilen. Etwas besitzen sie dafür im Übermass, und das ist menschliche Wärme.

Ein Märchen, das in der Realität spielt

Tönt nach Sozialkitsch? Wäre es vielleicht, aber Kore-edas Figuren sind keine Lämmer. Sie sind gewitzt und neigen zu kleinen Betrügereien. In den vielen Alltagsepisoden steckt so viel Zauber, dass einem das Herz aufgeht. Und wenn sie alle gemeinsam ­einen Tag am Meer verbringen, würde niemand sagen, dass sie keine Familie sind.

Es ist kein Sozialdrama à la Dardenne-Brüder, sondern lange ein Märchen, das in der Realität spielt: Die Familie lebt versteckt vor der Gesellschaft in einer Blase, bis Kore-eda die Blase platzen lässt. In Cannes hat «Shoplifters» überraschend die Goldene Palme gewonnen. «Das Ende hat uns aus dem Kino geblasen», sagte Jury-Präsidentin Cate Blanchett.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.