Was wir sehen wollen: die selektive Wahrnehmung des Betrachters 

15 Kunstschaffende wurden für den Luzerner Werkbeitrag nominiert. Ihre Arbeiten sind im akku Emmen zu sehen.

Giulia Bernardi
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Wir werden täglich mit dutzenden Daten konfrontiert: der morgendliche News-Feed oder der schnellste Weg zum Meeting. Dies sind Informationen, die eine Entscheidung von uns fordern: Was davon ist heute wichtig? Ein paar Schritte laufen oder doch den Bus nehmen?

Entsprechend steigt das Bedürfnis, visuelle Systeme zu schaffen, an denen wir uns orientieren können, die uns Wissen schnell und einfach vermitteln. Solche Systeme erarbeitet das Studio «C2F» von Cybu Richli und Fabienne Burri. Einige ihrer Arbeiten sind nun im akku Emmen zu sehen, wofür Richli für den Werkbeitrag im Bereich angewandte Kunst nominiert wurde. Darunter etwa die Weltkarte «Deformation der Distanzen», die für das Schweizer Magazin «Hémisphères» gestaltet wurde. Die Darstellung ist verzerrt: Dort, wo die Flugfrequenz am höchsten ist, sind auch die Länder näher beieinander. So wird verdeutlicht, wie Distanzen durch die zunehmende Mobilität verringert werden.

Utopie und Dystopie

Dass auch digitale Visualisierungen oder virtuelle Realitäten das Weltgeschehen veranschaulichen können, thematisiert das Künstlerduo Johnson/Kingston, ebenfalls für den Werkbeitrag in angewandter Kunst nominiert. Die Installation «Europa/Eu-topia» besteht aus verschiedenen Videos und Gameszenarien und zeigt, wie beispielsweise durch computergenerierte Bilder weit entfernte Orte erlebbar gemacht werden.

Dass es solche narrative Formen braucht, ist nicht nur eine Frage des rationalen Verständnisses, sondern auch eine der Empathie. Denn nur, wenn uns das Ausmass bestimmter Ereignisse vor Augen geführt wird, und nur, wenn eine uns fremde Perspektive zugänglich gemacht wird, können wir auch mitfühlen.

«Um zu versuchen, die Erfahrung des anderen zu verstehen, ist es notwendig, die Welt aus der Sicht des eigenen Platzes in ihr zu zerlegen und sie aus der Sicht des anderen wieder zusammenzusetzen»,

sagte der britische Kunsthistoriker John Berger, dessen Zitat nun in einer der Videosequenzen eingeblendet wird.

Doch vermögen uns diese Bilder zu berühren, beeinflussen sie sogleich auch unsere Wahrnehmung. Dies wird in «Europa/Eu-topia» am Beispiel der Geschichte der Europäischen Union aufgezeigt. Dabei wird Video-Footage aus ­ den 1950er-Jahren aktuellem gegenübergestellt: Während damals für die Vereinigten Staaten von Europa demonstriert wurde, hält heute Boris Johnson eine Rede am G7. «Was ist geblieben von der Utopie eines vereinigten Europas?», fragt Johnson/Kingston. Bilder können eine Utopie erschaffen, die Hoffnung verleiht, oder eine Dystopie, die diese schwinden lässt.

Ich, ich, ich

Dass wir uns unangenehmen Szenarien und pessimistischen Zukunftsvisionen gerne entziehen, gerne negieren, dass sie uns etwas angehen, thematisiert Anita Zumbühl in ihrer Installation «Nature is a tricky word». Wir gestalten und eignen uns die Natur an, externalisieren sie aber wieder, wenn es mal schwierig wird, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Dieses ambivalente Verhältnis greift Zumbühl auf inhaltlicher und formaler Ebene auf. Ihre grossformatigen Stoffbahnen legt sie mit Farbpigmenten im Freien aus; die darauf sichtbaren Farbmuster entstehen durch Regen und Sonneneinstrahlung. So lassen wir die Natur für uns malen, appropriieren das Ergebnis und nutzen es zu unserem Vergnügen – bis wir es nicht mehr brauchen.

Wie schwierig es uns fällt, aus der eigenen Ich-Perspektive herauszutreten, verdeutlicht auch Tatjana Erpen in ihrer Diaprojektion «Construction for a first world perspective». Erpen wurde, gemeinsam mit Anita Zumbühl, für den Werkbeitrag in freier Kunst nominiert. Die Projektion zeigt eine Aussichtsplattform, die für Touristinnen und Touristen an der Küste in Tansania gebaut wurde. Die Architektur macht die Landschaft für das fremde Auge überschaubar, betont aber gleichzeitig die Aus­sensicht, die man beim Betreten der Plattform einnimmt: Unsere «first world perspective», aus der wir die Welt unweigerlich wahrnehmen.

Ausstellung im akku Emmen bis 24. November. Gerliswilstrasse 23, Emmenbrücke. Übergabefeier am 22. November um 17:30 Uhr im KKLB Beromünster. Landessender 1-3, Beromünster.