Was zwischen Menschen passiert

«Fine Lines» von den Choreografen Cayetano Soto und Felix Landerer ist aufregend. Der Tanzabend im Luzerner Theater bezeugt auch ein persönliches Pech.

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Ihsan Rustem und Salome Martins in Felix Landerers Tanzstück «Drop of Doubt». (Bild: Luzerner Theater / Ida Zenna)

Ihsan Rustem und Salome Martins in Felix Landerers Tanzstück «Drop of Doubt». (Bild: Luzerner Theater / Ida Zenna)

Denn die Anfänge von Sotos neuester Arbeit liegen in einer leidvollen Erfahrung: Wegen einer gerissenen Achillessehne musste der erfolgreiche Choreograf unlängst seine Arbeit unterbrechen. So ist «Yet to Tell», welches den Abend eröffnet, eine Studie über den Verlust der Unversehrtheit geworden. Und zwar eine sehr formale. Auf einer langgezogenen weissen Rampe tauchen in Lichtbahnen Tänzerinnen und Tänzer auf, die sich in Pas de deux verwickeln, sich heben und schieben, wobei sich die Bewegungen ständig abrupt zersetzen.

Die Frauen in einem Hauch von Kostüm, die Männer lediglich in schwarze Hosen gekleidet, wechseln zwischen perfektem körperlichem Ausdruck und dem akuten Moment, in dem alles in der Schwebe und in Gefahr ist. Die Körper sprechen im faszinierenden, technisch anspruchsvollen Stück eine extrem präzise Bewegungssprache. Dieser sind getragene Musikstücke von Max Richter und Jóhann Jóhannsson entgegengesetzt, die einen langsamen Pulsschlag suggerieren und dem Stück als Komposition mit offenem Ausgang eine zuversichtliche Note verleihen.

Beziehungsdrama mit Ironie

In grossem Kontrast zu Cayetanos Formalismus bricht nach der Pause Felix Landerers preisgekrönte Miniatur «Suits» in ausladende Körpersprache aus. Da sind zwei, die sich lieben, in einen gehörigen Konflikt geraten! Das Duo Rachel Lawrence und Luca Signoretti erzählen in der Schweizer Erstaufführung diese Geschichte frisch und direkt. Innerhalb von nur zehn Minuten sehen wir alles: die verletzte Intimität eines Liebespaares, das nicht voneinander lassen kann, obwohl keine Aussicht auf ein Happy End besteht. Es ist ein dichtes Kunststück, das diverse gestische und tänzerische Ausdrücke effizient einzusetzen weiss. Synchron getanzte Passagen lösen sich schnell wieder in Soli auf oder vermengen sich zum Geklüngel am Boden; das Ringen ist hart. Nur gut, geschieht es hier und dort mit einem Augenzwinkern.

Faszinierend unheimlich

Mit der zweiten Uraufführung, Felix Landerers «Drop of Doubt», versammelt sich zum Höhepunkt des Abends endlich das ganze Ensemble auf der Bühne. In bunten Strassenkleidern wabert das Kollektiv durch einen schwarzen Saal. Angeleuchtet von Scheinwerfern am Bühnenrand, die manchmal an- und ausgehen und mitzuschauen scheinen. Das Stück ist faszinierend unheimlich. Das liegt auch an der Komposition von Christof Littman, die aus präparierten Alltagsgeräuschen eine anonyme Autorität kreiert, welche das Agieren des Kollektivs bestimmt. «Drop of Doubt» reflektiert Mechanismen, die bei Gruppenbildungen spielen: Jede Formation produziert ihre Ausgestossenen, und so ist das Ensemble in unentwegter Bewegung; drängt zusammen, öffnet sich, spuckt aus, verleibt ein.

Landerer weiss sein Thema vielschichtig zu erzählen. Die Inszenierung entwickelt punktuell eine grandiose Kraft und zeigt bestechend schöne Szenen, nur leider kommt der Schluss früh. Aber das ist kein grosser Mangel an diesem gelungenen Tanzabend, für den das Publikum die sichtbar zufriedenen Akteure mit begeistertem Applaus feiert.

Stefanie Herzberg

HINWEIS
«Tanz 9: Fine Lines», Luzerner Theater. Weitere Aufführungen: 18. 4., 19. 4., 6. 5., 11. 5., 17. 5., 2. 6., 3. 6., 6. 6., 7. 6.