Festival
Lucerne Festival Forward: Wassermusik zum Eintauchen

Das erste Lucerne Festival mit ausschliesslich zeitgenössischer Musik ging im KKL engagiert und verführerisch nah ans Publikum. Schon vor den letzten Konzerten am Sonntagabend stand fest, dass insgesamt gut 1300 Besucher den Erwartungen des Intendanten entsprach.

Urs Mattenberger
Drucken
Teilen
Cellophanfolie als Plastimüll: Ensembles des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) spielt Liza Lims «Extinction Events and Dawn Chorus» am Samstag im Konzertsaal des KKL.


Cellophanfolie als Plastimüll: Ensembles des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) spielt Liza Lims «Extinction Events and Dawn Chorus» am Samstag im Konzertsaal des KKL.

Peter Fischli/Lucerne Festival

Im Konzertsaal des KKL sieht man für einmal, wie viele auf der Flucht sind. Aus der Dunkelheit leuchten all die Strichmännchen heraus, die im Notfall auf Notausgänge verweisen. Jetzt warnen sie davor, was uns später an diesem Samstagabend am Forward Festival erwarten wird.

Aber noch ist es im ersten Konzert nicht so weit, wenn wir in Annea Lockwoods «Water And Memory» eintauchen. Das Klangkontinuum an der Hörgrenze ist eine erste Umarmung durch den Klang, wie sie Dramaturg Mark Sattler versprochen hat (Ausgabe vom Dienstag). Mitglieder des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) sind in den Seitengalerien aufgestellt und hüllen das Publikum im Parkett in einen Summklang ein, der sich behutsam zu sakraler Wirkung steigert.

Die Musiker spielten in allen Werken rund ums Publikum im Parkett.

Die Musiker spielten in allen Werken rund ums Publikum im Parkett.

Peter Fischli/Lucerne Festival

Vom Plastikmüll zu «Black Lifes Matter»

Dazwischen berichten einzelne Musiker – in verschiedenen Sprachen – von der heilenden Kraft des Wassers und fordern das Publikum schliesslich zum Mitsummen ein. Dass wir alle Teil des Klangs werden, der den Raum füllt und doch kaum lauter ist als die Atemgeräusche, geht über eine Umarmung weit hinaus.

Schon in diesem magischen Moment wird klar, dass dieses Kurzfestival mit zeitgenössischer Musik thematisch wie eine zusammenhängende Erzählung gestaltet ist. Denn die Verbindung zwischen den Musikern und dem Publikum zieht sich durch alle Veranstaltungen an diesem Samstag. Nach Lockwoods mysteriöser Wassermusik paaren sich die Musiker in George Lewis’ «Artificial Life» in immer neuen Konstellationen. Dass sie aus vorgegebenen Optionen – sie sollen die Mitspieler etwa imitieren, begleiten oder ignorieren – wählen können, macht aus der Aufführung eine lustvolle Spontanimprovisation.

Den Bezug zu gesellschaftlichen Fragen stellt – ein weiterer roter Faden an diesem Wochenende – Liza Lims «Extinction Events» her. Dieses verhilft dem Plastikmüll in den Ozeanen zwar mit einer Cellophonhaut zu einem theatralen Auftritt, verzettelt sich aber in ökologischen Fragen und löst sie musikalisch nicht ein. Zwingender gelingt das dem jungen Schweizer Komponisten Jessie Cox im Nachtkonzert. Dies knüpft mit archaischen Stimmklängen – suggestiv in Pauline Oliveiros’ «Out Of The Dark» – beim vorangegangenen Konzert an und Cox führt das mit einem «Chorus of Voices» ins Politische weiter.

Politisch engagierte neue Musik: Der Schweizer Komponist Jessie Cox benutzt Glöckchen, mit denen einst der Aufenthalt von Sklaven in den USA kontrolliert wurden.

Politisch engagierte neue Musik: Der Schweizer Komponist Jessie Cox benutzt Glöckchen, mit denen einst der Aufenthalt von Sklaven in den USA kontrolliert wurden.

Priska Ketterer/Lucerne Festival

Er benutzt dazu ein Netzwerk von Glöckchen, die an Musikern und Instrumenten befestigt und über Drähte im Konzertsaal aufgehängt sind. Man muss zwar wissen, dass mit solchen Glöckchen der Aufenthalt von schwarzen Sklaven in den USA kontrolliert wurde, wie Cox in einer Einleitung zu seinem der «Black Lifes Matter»-Bewegung gewidmeten Werk sagt. Aber die Musik selber macht das klar, wenn sie sich aus bedrohlichem Brodeln zu bedrängender, schriller Dramatik steigert und die im Parkett verteilten Solisten rund ums Publikum jagt: eine Hetzjagd ohne Notausgang.

Imitieren oder Ignorieren auch im Museumskonzert

Trotzdem wirkte das, mit rund 200 Besuchern im Parkett, in der Weite des Konzertsaals etwas verloren. Viel näher und mittendrin war man im Kunstmuseum, wo Musiker des LFCO zu Bildern von Vivian Suter improvisierten.

Wo der Klarinettist Tonkaskaden wie eine gewaltige Fontäne in den Himmel steigen liess, war zwar der Bezug zu einem der grossformatigen Bilder auf Anhieb klar. Ansonsten reagierten die Musiker aber vor allem gegenseitig aufeinander und fanden im Wandeln durch die Säle – und wir mit ihnen – zu überraschenden Partnerschaften. Das hohe Niveau der Contemporary-Musiker, die zum Netzwerk der Festival-Akademie gehören, bestätigte sich auch hier in der Improvisation, der man an künftigen Festivals viel Raum wünschen würde.

Imitieren, Begleiten oder Ignorieren? Als Zuhörer selber entscheiden musste man sich in der «One-To-One»-Performance von Winnie Huang. Sass man ihr im dunkeln Clubraum alleine gegenüber, musste man ständig ihre Blicke und Gesten deuten. Hat sie mir jetzt zugelächelt – und wie sollte, wie darf ich auf den Blick in meine Augen reagieren?

Vielleicht lächelt sie schon? «One to One»-Performance mit Winnie Huang.

Vielleicht lächelt sie schon? «One to One»-Performance mit Winnie Huang.

Priska Ketterer/Lucerne Festival

1300 Besucher entsprechen den Erwartungen

Aus der Nähe ergaben sich hier Fragen, wie sie sich im Grunde auch beim Hören von Musik stellen. Allerdings liessen sich darauf an diesem Wochenende – die beiden Konzerte vom Sonntagabend mitgezählt – nur etwas mehr als insgesamt 1300 Besucher ein. Ist das nicht enttäuschend für ein Festival, das im Sommer mit Stars die Säle füllt?

«Nein», sagt Intendant Michael Haefliger in einer ersten Stellungnahme: «Dass wir erstmals ein Festival mit ausschliesslich zeitgenössischer Musik durchführten, ist für Lucerne Festival, aber auch für Luzern ein grosser Schritt.» Die Besucherzahl entspricht den budgetierten Erwartungen: «Wir haben bewusst ein innovatives Konzept gewählt, das nicht auf Stars setzt, sondern auf das Netzwerk unserer Contemporary-Musiker.»

Deshalb sei klar, dass es ein paar Jahre brauche, um ein solches Festival zu etablieren. «Ein innovatives Konzept nimmt zu Beginn ein Risiko in Kauf», sagt Haefliger und fährt mit Blick auf das bekannte Neue-Musik-Festival in Deutschland fort: «Aber vielleicht macht es in ein paar Jahren aus Luzern ein zweites Donaueschingen.

Aktuelle Nachrichten