Wegen Corona-Epidemie: Jetzt sind Schweizer Sommerfestivals gefährdet

Nach der Absage des Pop-Festivals im britischen Glastonbury wächst die Unsicherheit. Die Branche befürchtet eine Kettenreaktion.

Stefan Künzli
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Das Greenfield-­Festival in Interlaken sollte Mitte Juni über die Bühne gehen. Ob es stattfinden wird, ist ungewisser denn je.

Das Greenfield-­Festival in Interlaken sollte Mitte Juni über die Bühne gehen. Ob es stattfinden wird, ist ungewisser denn je. 

Bild: Keystone

Die Festivalbranche war bisher eigentlich noch recht zuversichtlich, dass die Corona-Krise die Saison der grossen Sommerfestivals verschonen würde. Die Absage des britischen Festivals in Glastonbury diese Woche wirkte aber wie ein Schock. Nicht nur, weil das Festival im Südwesten Englands zu den grössten und bedeutendsten Festivals Europas gehört, sondern auch, weil es erst Ende Juni hätte beginnen sollen. Ausgerechnet Glastonbury, das in diesem Jahr zusammen mit Mega-Stars wie Paul McCartney, Taylor Swift, Lana Del Rey und über 200 000 Besucherinnen und Besuchern sein 50. Jubiläum feiern wollte, hat kapituliert.

Die Veranstalter seien zuerst auch optimistisch gewesen. Angesichts der Ausbreitung der Pandemie seien sie aber zur Erkenntnis gelangt, dass es keine andere Option gäbe. Glastonbury begründet seine Absage in erster Linie mit dem Aufbau der Infrastruktur auf dem Gelände und der damit verbundenen Planungsunsicherheit.

Die Zeit drängt für die Juni-Festivals

Auch wenn Schweizer Festivals nicht ganz die Dimension von Glastonbury haben. Die Zeit drängt auch hier. Gefährdet sind zuerst die grossen Festivals im Juni, also das Greenfield Festival in Interlaken (11.–13. Juni), das Open Air St.Gallen (25.–28. Juni), das Argovia Fäscht am 5./6. Juni und sogar das Montreux Jazzfestival, das am 3. Juli beginnen sollte. «Der Aufbau in Montreux beginnt Anfang Juni», sagt Festivalleiter Mathieu Jaton, «Ende Mai müssen wir also definitiv entscheiden können.»

«Aktuell gehen wir nach wie vor davon aus, dass das Argovia Fäscht stattfindet»

, sagt dazu Marco Kugel, der Leiter Events bei CH Media, «wir beginnen erst rund 15 Tage vor dem Fäscht mit dem Aufbau der Infrastruktur. Der Ticketvorverkauf läuft weiter und ist sogar besser als in den Vorjahren. Bei der Entscheidung spielen aber auch die Lieferanten und Partner eine Rolle. «Spätestens Anfang Mai müssen wir über die definitive Durchführung entscheiden», sagt Kugel.

Act Entertainment, der Veranstalter des Greenfield Festivals hat auf die Fragen nicht geantwortet, der Zeitplan dürfte aber im ähnlichen Rahmen sein. Das heisst: Wird der Lockdown über den 19. April verlängert, dann wird es eng.

Alle Festivals sitzen im gleichen Boot

«Die aktuelle Situation ist eine grosse Herausforderung für unsere Branche. Sowohl in operativer wie finanzieller Hinsicht und auch in der Verantwortung gegenüber unseren Besucherinnen und Besucher», schreibt Nora Fuchs vom Open Air St.Gallen aus ihrem Homeoffice. Die Stimmung im Team sei gut. «Wir verfolgen die aktuelle Lage sehr genau. Wir gehen heute davon aus, dass unsere Festivals im Sommer planmässig durchgeführt werden.»

Die Statements der Veranstalter klingen wie Durchhalteparolen, doch die Verunsicherung wächst. Denn ob die Festivals durchgeführt werden können, ist nicht nur eine Frage der Zeit.

«Entscheidend ist nicht nur die Dauer des Lockdowns. Hauptsorge sind die Tourneen der internationalen Künstler»

, sagt Mathieu Jaton. Bis jetzt hat noch kein gebuchter Künstler für Montreux abgesagt, auch für das Open Air in St. Gallen nicht. «Aber niemand weiss wirklich, ob die Tourneen durchgeführt werden können,» sagt Jaton weiter.

Schon die Verschiebung der beiden grossen amerikanischen Festivals Coachella in Kalifornien und das New Orleans Jazz & Heritage Festival in den Herbst hat den Tourkalender der Stars arg durcheinander gewirbelt. So mussten die Grunge-Könige von Pearl Jam ihre Nordamerika-Tour verschieben und Madonna zwei Konzerte in Paris absagen.

Nach der Absage in Glastonbury befürchtet man in der Branche auch eine Kettenreaktion in Europa. «Alle sitzen im selben Boot», schreibt das Magazin «Tonspion». Die europäischen Festivals sind alle irgendwie miteinander verhängt. Fallen Festivals weg, könnten vor allem amerikanische Stars ihre gesamte Festivaltour absagen. Auf die Absage von Glastonbury könnten also weitere Absagen folgen. US-Rapper Kendrick Lamar ist zum Beispiel Headliner am Open Air in Frauenfeld und der britische Shooting Star Sam Fender ist in St. Gallen gebucht.

«Niemand kann voraussagen, was in den kommenden Monaten passieren wird», sagt Jaton, «heute ist alles in Frage gestellt. Jedes Festival ist auf seine Art bedroht. Wir in Montreux ziehen alle Möglichkeiten in Betracht.»

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