Ensemble Corund: Weihnacht berührt auch in Englisch

Ensemble Corund und Kammerphilharmonie Graubünden liessen Weihnacht mit englischen Carols ausklingen.

Roman Kühne
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Stephen Smith dirigiert in KKL das Ensemble Corund und die Kammerphilharmonie Graubünden.

Stephen Smith dirigiert in KKL das Ensemble Corund und die Kammerphilharmonie Graubünden.

Bild: Philipp Schmidli (26. Dezember 2019)

Dies ist Weihnachtsmusik vom Feinsten! Schmelz, Schmiss, etwas Glockenklang und grosse Akkorde. Schon vor hundert Jahren wusste man genau, wie die Leute verführt werden wollen.

Was heute Mariah Carey, ­Elton John oder letzthin auch Robbie Williams bringen – fette Streichersätze, etwas Glockenspiel und viel Schmelz – das können die klassischen Komponisten schon lange. Zumindest diejenigen aus England. Zum Glück ist das Niveau ein anderes. Gustav Holst oder John Rutter sind weit über dem flächentauglichen Allerweltsbrei, den finanzbesorgte Produzenten der Neuzeit zurechtgeschliffen haben.

Vom Sündenfall bis zur Erlösung

Das Konzert des Luzerner Ensemble Corund an diesem Stephanstag im KKL bringt eine stimmige Auswahl dieser englischen Carols in den Saal. Charakterstücke, die den Stil ihrer Komponisten widerspiegeln.

Da ist zum Beispiel die grosse «Fantasia on Christmas Carols» von Ralph Vaughan Williams. Ein weiter Bogen spannt sich von der Erschaffung der Menschen, über den Sündenfall, bis hin zur weihnächtlichen Erlösung. Eine musikalische Reise, die in mystischem Tonfall die Anfänge zeichnet, um am Schluss jubelnd und mit dem Klang von Röhrenglocken die Rettung zu feiern. Der Bariton Gerhard Nennemann erzählt mit tragender Stimme diese farbige Geschichte. Der Chor zeichnet intensiv die Stimmungsbilder und Seelenfelder.

Es ist klar: Diese Musik liegt dem Dirigenten Stephen Smith am Herzen. Zwar ist der Leiter des Ensemble Corund Amerikaner. Kulturell findet er sich wohl eher in der englischen Chortradition. Dies zeigt sich einerseits bei seiner Matthäus Kantorei in Luzern, wo regelmässig anglikanische Musik auf dem Programm steht. Andererseits leitet er seit bald zehn Jahren jeden Sommer Kurse in englischen Kathedralen; Musiktreffen für Berufsdirigenten, Organisten und Sänger.

Ob sehnsüchtig im «Nativity Carol» von John Rutter oder fröhlich, jubilierend und festlich in «Tomorrow Shall Be My Dancing Day» (John Gardner) – das Ensemble Corund singt die festliche Musik mit relaxter Klanggebung, lebendiger Gestaltung und hervorragender Artikulation, die das Textbüchlein praktisch überflüssig macht.

Bei der Zugabe wird gefühlsmässig ein Bogen in die heutige Zeit gespannt. Fast wähnt man sich in einem Spielfilm. Es erklingt «Shepherd’s Pipe Carol», mit dem John Rutter sich in den 60er-Jahren einem breiten Publikum bekannt machte. Ein schöner Abschluss dieser Festtage.

Eine Premiere im KKL

Vor der Pause ist die Musik hingegen sehr weltlich unterwegs. Beethovens zweite Sinfonie steht auf dem Programm. Es spielt, erstmals im KKL, die Kammerphilharmonie Graubünden, die auch in den Carols den Sängern eine sensible Begleitung bot.

Bereits vor 30 Jahren wurde die Formation von Einheimischen gegründet. Was damals als Kammerorchester und mit lokalen Berufsmusikern begann, hat sich längst zum kleinen Sinfonieorchester mit halb-internationaler Besetzung gewandelt. Ihren Platz behaupten sie sich mit interessanten und speziellen Programmen, die über den klassischen Grenzen schnuppern. So spielt die Kammerphilharmonie regelmässig mit Salonmusik zum Tanz auf. Oder es gibt musikalische Führungen durch das Naturmuseum, Familienkonzerte, Klassikfrühstücke und Cross-­Over-Konzerte mit Schlagern zwischen den 20er- und 50er-­Jahren.

Smith nimmt diese zweite Sinfonie kantig und akzentreich, betont etwa im «Allegro» des ersten Satzes Schroffheit und Spannung. Das Orchester interpretiert angriffig und kompakt. Während die beiden mittleren Sätze nicht ganz diese Stringenz entwickeln und punkto Intonation und Homogenität etwas abfallen, funktioniert dieser lebendige, teils etwas überspitzte und harte Beethoven in den beiden Ecksätzen hervorragend.