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Interview

Lenny Kravitz: «Bin weit entfernt von einem Sexsymbol»

«Raise Vibration», das neue Studioalbum von Lenny Kravitz, ist sein stärkstes seit langem. Ein Gespräch über das Meeresrauschen, den Glauben an das Gute und die Umarmung von Johnny Cash.
Interview: Steffen Rüth
Lenny Kravitz . (Bild: Christian Augustin/Getty, 6. September 2018, Hamburg

Lenny Kravitz . (Bild: Christian Augustin/Getty, 6. September 2018, Hamburg

«Raise Vibration» ist ein Album, auf dem jeder Song anders klingt: Trockener Funk, zärtliche Lieder, epische Balladen. Lenny Kravitz tönt so frisch und ungestüm, so einfallsreich und zugleich so vertraut wie seit langer Zeit nicht mehr. Inhaltlich ist es ein Bekenntnis zum Hippietum. Wir trafen den 54-Jährigen an seinem Sommersitz in Paris – im Winter wohnt er auf den Bahamas.

Lenny Kravitz, im Song «Always Be Inside Your Soul» hört man das Meeresrauschen. Ist das echt?

Nein, das ist ein alter Moog-Synthesizer, der genauso klingt wie der Ozean. Dieses «Whooosshh» ist herrlich, vielleicht mein Lieblingssound überhaupt. Und in der Tat höre ich das Meer von meinem Bett aus. Ich lebe am Strand und bin in ein paar Schritten vom Schlafzimmer im Wasser. Um kreativ zu sein, gibt es für mich keinen besseren Ort als den Ozean.

Lenny Kravitz, es heisst, Sie haben Ihr neues Album ­«Raise Vibration» gewissermassen im Traum komponiert. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich höre meine Songs im Traum. Das passiert ohne mein Zutun. Es ist fast magisch. Neben dem Bett liegen ein Zettel und ein Aufnahmegerät, manchmal raffe ich mich auch auf und gehe direkt ins Studio nebenan.

Haben Sie sich verändert in den letzten Jahren?

Ich verändere mich immerzu. Ich bin ein Mensch, der sich sehr für andere interessiert, der sich involviert und kümmert. Momentan mache ich mir grössere Sorgen als sonst, unser Frieden ist fragil, unsere Freiheiten in Gefahr. Ich bin sehr besorgt über all die Störfeuer, die es in letzter Zeit gegeben hat und die gar nicht mehr aufzuhören scheinen.

Die Welt ist verrückt, viele Menschen sind verrückt, und darauf reagiere ich.

Das muss ein krasser Kontrast sein – die Welt da draussen und Sie auf Ihrer Karibikinsel, Musik träumend.

Ja, da haben Sie recht. Ich bekomme mit, was vor sich geht, und doch ist es mein Wunsch, in meinen Liedern die Schönheit des Lebens und den Optimismus hoch zu halten. Ich glaube an die guten Werte. Von «Let Love Rule», meinem ersten Album vor 29 Jahren, bis zu «Raise Vibration» bin ich meiner Sicht auf die Welt treu geblieben.

Das Leben ist endlich. Motiviert Sie das?

Das Leben ist kurz. Zu kurz. Ich habe schon so viele Menschen verloren – meine Mutter, meinen Vater, meine Grosseltern. Auch junge Menschen. Gerade in den letzten Jahren sind viele meiner Freunde gegangen, das hat mich wirklich erschüttert und wach gerüttelt. Besonders der Tod von Prince war ein monumentaler Schock für mich. Er hat mich veranlasst, noch härter zu arbeiten, noch mehr zu geben, noch bewusster zu leben und zu denken.

Waren Sie befreundet?

Ja, wir standen uns nah. Seine Präsenz war eine ganz besondere. Prince ist gegenwärtig auf diesem Album, so wie auch Michael Jackson, dessen Gesangssample ich in «Low» einsetze.

Woher kommt das Sample?

Es stammt von einer früheren Zusammenarbeit. Ich hatte es noch nicht genutzt.

An Prince erinnert das Funkstück «Who Really Are The Monsters?» Sie hören sich wütend an in dem Song. Worum geht es da?

Um Krieg und Frieden. Wenn ich schon diese Militärparaden im Fernsehen sehe, einfach nur ekelhaft. So nach dem Motto «Ich habe die grössten Bomben». Mein Gott, was ist denn das für ein lächerlicher Schwanzvergleich? Kann sein, dass Hippies seit Jahren belächelt wurden, aber ich bin überzeugt: Sie erleben jetzt eine Renaissance. Die Weltanschauung der 68er war lange nicht mehr so relevant und wichtig wie momentan.

Ich finde es auch gut, dass die jungen Leute wieder aufstehen, protestieren und sagen «Genug mit dieser Scheisse».

Ihre Locken sind wieder gewachsen. Warum hatten Sie die Haare abgeschnitten?

Wegen der «Hunger Games»-Filme, in denen ich mitspielte. Ich glaubte danach, dass mir die kurzen Haare mehr Möglichkeiten für weitere Filmrollen geben würden. Aber ich spürte, dass ich die Dreadlocks wieder brauche.

Wofür?

Für meine Vibrationen. Mit den langen Haaren fühle ich mich frei und glücklich.

«Johnny Cash» ist eine schöne, melancholische Ballade. Was verbindet Sie mit ihm?

Meine Mutter starb vor 22 Jahren. Zu der Zeit lebte ich im Haus des Produzenten Rick Rubin in Malibu, und so oft es ging, verbrachte ich den Tag im Spital bei meiner Mutter, die gegen den Krebs kämpfte. Einmal war ich bei Rick, ich kam gerade aus der Dusche, als jemand rief: «Das Spital hat angerufen. Deine Mutter ist gestorben.» Ich wusste, sie würde sterben, aber ich rechnete nicht an diesem Tag damit. Ich kam die Treppe runter, und dort standen Johnny Cash und seine Frau June Carter, die damals ein Album mit Rick aufnahmen. Beide kamen und hielten mich fest und sagten tröstende Dinge zu mir. Wir kannten uns nicht gut, aber das war ein schöner Moment.

Geht es in «Johnny Cash» um dieses Erlebnis?

Nein, es geht um eine zerbrechende Beziehung, die ich vor einigen Jahren durchlebte. Ich war mit einer Frau zusammen und sage ihr in dem Lied «Bitte halte mich wie Johnny Cash, als ich meine Mutter verlor». Es geht um dieses Gefühl, das reine und irgendwo wunderbare Gefühl, tieftraurig zu sein und doch Geborgenheit zu spüren.

Auch in «Low» singen Sie darüber, einer Frau näherzukommen.

Ich sage «Vergiss alles, was du über mich denkst. Vergiss mein Image. Hier bin ich. Ich bin ein offenes Buch.» Viele Menschen, die mich kennen lernen, haben ihre vorgefertigten Meinungen über mich. Sie kennen mich aus den Medien, sie kennen den Rock-’n’-Roll-Lenny, aber sie wissen nicht, wie erdig und verwurzelt in der Realität ich bin.

Bereitet Ihnen das Image Probleme?

Immer wieder. Ich gehe zum Beispiel mit einer Frau aus, und sie sagt: «Ich dachte, du wärst ganz anders.» Wie oft ich diesen Spruch schon gehört habe. (lacht) Die Leute denken, dass ich ein Idiot bin.

Aber den Rockstar spiele ich nur auf der Bühne, im Alltagsleben stelle ich den ab.

Ich habe da so eine Art Schalter. Mein ruhiges und einfaches Leben bedeutet mir sehr viel.

Sie singen in «Low» die Zeile «Is My Sexuality Creating Such A Tragedy?». Was ist das Problem mit Ihrer Sexualität?

Dass alle glauben, ich wäre dieses Sexsymbol. In meinem Kopf könnte ich nicht weiter davon entfernt sein.

Eine Menge Frauen würden spontan widersprechen.

Kann sein, und wenn schon. Die sehen in mir etwas, das ich selbst nicht sehe. Dass auch ehrlich gesagt nicht da ist.

Ich glaube gar nicht, dass ich besonders cool und sexy bin.

Ich fände es ganz widerlich, nackt vor dem Spiegel zu stehen, mich zu streicheln und zu denken «Wow, was bin ich für ein heisser Kerl».

Anfang des Jahres sagten Sie, Sie seien Single, aber auf der Suche nach einer Seelenpartnerin und Ehefrau. Ist das noch der aktuelle Stand?

Ja. Ich warte und suche noch immer. Ich hoffe, ich werde bereit sein, wenn ich sie finde.

Es ist nicht leicht für mich, eine Partnerin zu finden und zu halten, gar nicht leicht.

Ich lebe ja ein sehr freies, selbstbestimmtes Leben, ich stecke so viel Energie in meine Arbeit, in Musik, Design, Kunst, Fotografie, Schauspiel, das Reisen. Wenn ich an einem Album arbeite, kann ich mir die Zeit ganz gut einteilen, aber wenn erst einmal die Tournee los geht, bin ich praktisch zwei Jahre lang ausgebucht. Es klappt nur selten, dass ich sagen kann: «Oh, ich habe dieses tolle Mädchen kennen gelernt, und ich verbringe nun einen Monat nur mit ihr.»

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