WELTTHEATER EINSIEDELN: «Werktreue heisst, dem Werk treu sein»

Das «Einsiedler Welttheater» steht in einer langen Tradition: Wie gehen Autor Tim Krohn und Regisseur Beat Fäh damit um?

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Die Proben in Einsiedeln laufen auf Hochtouren: Die neuen Herausforderungen unserer Gesellschaft thematisiert Tim Krohn in seiner dies­jährigen Fassung des Welttheaters. (Bilder Judith Schlosser)

Die Proben in Einsiedeln laufen auf Hochtouren: Die neuen Herausforderungen unserer Gesellschaft thematisiert Tim Krohn in seiner dies­jährigen Fassung des Welttheaters. (Bilder Judith Schlosser)

Als Einsiedler Klosterschüler erlebte der 18-jährige Beat Fäh Erwin Kohlunds «Welttheater»-Inszenierung von 1970: «Ich war von dem Stück schwer enttäuscht. Die Figuren des Spiels standen für mich auf dem grossen Platz still, ich konnte nicht mit ihnen mitgehen, sie berührten mich nicht.»

Panorama des Lebens

Was Beat Fäh, der Regisseur des «Einsiedler Welttheaters 2013» vor 43 Jahren erlebte, wurde in den 80er- und 90er-Jahren zur Krise: Calderón de la Barcas «El gran teatro del mundo» (Das grosse Welttheater), das seit 1924 auf dem Klosterplatz in Einsiedeln gespielt wird, hatte merklich Staub angesetzt, erreichte seine Zuschauer nicht mehr. Das Spiel aus dem Barock, einst ein bildkräftiges Werkzeug der Gegenreformation, zeigt das grosse Panorama des Lebens, spricht von Vorbestimmung, Schuld und Sühne. Ein Schöpfer und Meister verteilt zu Beginn die Rollen: König, Weisheit, Schönheit, Reicher, Bauer und Armer. «Mit der Frage, ob diese Weltsicht noch zeitgemäss sei, stellte sich auch die Frage, ob sie theologisch haltbar ist», sagt Beat Fäh.

Umbrüche

Nicht nur der Inhalt, auch die Theatersprache wurde unzeitgemäss. Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen um 1970 kam das Regietheater auf: Die alten Werke waren nicht länger sakrosankt, sie gaben Stoffe ab, die Fragen der Zeit zu erörtern. Museale Inszenierungen, die an ein Werk nicht rührten, blieben selten.

Die Diskussionen um Werktreue sind nicht verstummt. Ungewohnte Zugänge zu einem überlieferten Stück stossen beim Publikum regelmässig auf Widerstand. Sie provozieren Buhrufe wie jüngst Sebastian Baumgartens Inszenierung von Mozarts «Don Giovanni» am Opernhaus Zürich, bewegen zu Leserbriefen wie Verdis «La Traviata», die Lorenzo Fioroni in der eben beendeten Spielzeit am Luzerner Theater inszenierte.

«Solche Reaktionen kommen immer wieder vor», sagt Luzerns Theaterdirektor Dominique Mentha, «vor allem bei Werken, welche die Leute kennen.» Als Argument würde gern der Vergleich mit Gemälden herangezogen, die sich durch die Zeit nicht verändern und immer gleich aussehen. «Ein Gemälde braucht aber auch eine Interpretation: Sie ist Sache des Betrachters. In der darstellenden Kunst leisten die Interpretation jene, die es aufführen. Das sieht in jeder Generation wieder anders aus. Werktreue heisst für mich, dem Werk treu zu sein und es in der Gegenwart weiter wirken zu lassen.»

Mutiger Schritt nach vorn

In Einsiedeln entschloss sich die Welttheater-Gesellschaft, welche die Aufführungen auf dem Klosterplatz verantwortet, zu einem mutigen Schritt nach vorn. Calderóns Stück sollte nicht nur gekürzt und aktualisiert, sondern neu gefasst werden. Für die Jahre 2000 und 2007 schrieb Thomas Hürlimann auf der barocken Grundlage neue Stücke. Er übernahm Calderóns Figuren, setzte sie aber konsequent in die heutige Zeit hinein. Volker Hesse fand dafür szenische Bilder für die Gegenwart.

Ohne Erneuerung, meint Beat Fäh, hätte die Einsiedler Welttheatertradition wohl nicht überleben können. «Dabei hat uns dieses Welttheater durchaus noch etwas zu sagen. Nur ist anstelle der Gewissheit die Ungewissheit getreten: Die Gesellschaft steht heute vor grossen Herausforderungen. Wir müssen uns fragen, was unsere Werte sind und wer sie bestimmt.»

Gott und die Welt erklären

Als grossartigen Entwurf bezeichnet Tim Krohn, der das diesjährige «Einsiedler Welttheater» geschrieben hat, Calderóns Versuch «Gott und die Welt zu erklären. Diese Höhe, diese Abstraktion hat mich sehr gereizt», sagt Tim Krohn. «Natürlich funktioniert diese Art von Theater, wie sie für Calderón fraglos war, heute nicht mehr. Aber die Grundfragen sind geblieben: Was gibt dem Leben Sinn, sind persönliches Glück und ein sinnvolles Leben zwingend dasselbe?»

Machte den Autor mit Jahrgang 1965 die mächtige Vorgabe des barocken Mysterienspiels unfrei? «Wenn ich Calderón in der wörtlichen Übersetzung lese, ist in dem Stück eine grosse Freiheit. Es treten Kernfiguren auf, die uns noch immer interessieren und Calderón zeigt auch, wie die Menschen das Vorgegebene unterlaufen.»

Auf die Werktreue seines «Einsiedler Welttheaters» gegenüber Calderóns Vorlage angesprochen, sagt Tim Krohn: «Es ist wie mit der Musik von Bach, die uns heute so bestimmt und abgemessen erscheint. Dabei hat Bach seine Musik in einer grossen Geste improvisiert, aufgeschrieben wurde sie erst hinterher.»

Die Welt als Baustelle

Mit dem Stück, das in diesem Jahr auf dem Einsiedler Klosterplatz gespielt wird, improvisiert Tim Krohn frei über der Vorlage von Calderón. Das Spiel wird präzise einstudiert, und doch ist die fest gefügte Ordnung, die noch für die Weltsicht Calderóns galt, gebrochen: «Wir nehmen die Baustelle, die das Dorf zurzeit ist, in die Inszenierung auf», sagt Regisseur Beat Fäh. «Wir zeigen, wie alles im Umbruch ist, wie es gilt, neue Orientierungen zu finden, neu zu bestimmen, was unser Leben sinnvoll macht.»

Das Kloster, das den Platz für das Spiel zur Verfügung stellt, nimmt am «Welttheater» und seinem Entstehen direkten Anteil. Als Klostervertreter ist Pater Urban im Vorstand der Welttheater-Gesellschaft. «Ich habe ihn als einen unglaublich scharf denkenden Philosophen schätzen gelernt», sagt Tim Krohn. «Ich war häufig sehr überrascht über ihn: Er hat mir Denkweisen aufgemacht.»

Lebendige Tradition

Darauf, das Denken zu öffnen, zielt das «Einsiedler Welttheater» von Tim Krohn und Beat Fäh. Die beiden wollen als Autor und Regisseur zeigen, wie man mit der Tradition und einem überlieferten Stoff umgehen kann, ohne sich historisch zu verkleiden – und wie man das Überlieferte gerade so am Leben erhält.

Urs Bugmann