Festival
Zum Abschluss der Swiss Alps Classics Andermatt:Wenn der Opernstar auf der Bühne in Tränen ausbricht

Marisol Montalvo besingt ihr Leben und geht aufs Ganze. Ein Abend zwischen Lachen und auch echtem Schmerz.

Roman Kühne
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Elektrisierend emotional: Marisol Montalvo zum Schluss der Swiss Alps Classics.

Elektrisierend emotional: Marisol Montalvo zum Schluss der Swiss Alps Classics.

Bilder: Valentin Luthiger ( PD

Es gibt diesen Moment, wo bei Marisol Montalvo alle Schranken bersten. Die Stimme schweigt, die Tränen fliessen. Mit voller Wucht kracht der Abend in den Schmerz. Geschichten und Anekdoten auf dem Stachel der Erinnerung. Es ist ein Konzert, ein Theater, das tief geht. «Mad Scene» heisst das Programm, das am Samstagabend die fünften Swiss Alps Classics in der Concert Hall von Andermatt beschliesst. Und «verrückt» ist die Selbstentblössung, mit der die gefeierte Sopranistin Marisol Montalvo darin ihren Lebensgang erzählt.

Dabei beginnt der Abend mit Witz und Charme. Selbstbewusst schildert Montalvo die Anfänge ihrer Opernkarriere. Ohne Gesangsstunde wird sie an ein Musik-College aufgenommen, fliegt wegen der Theorie wieder raus, belegt an der Miss America Wahl 1992 den zweiten Platz, nützt das Geld für Unterricht und schafft mit «Lulu» in Paris den grossen Durchbruch. Sie, die diese «erschöpfende Rolle mit unglaublicher Intensität» besingt – und dann abstürzt.

Cortison-Missbrauch und Fall in die Tonlosigkeit

Schonungslos spricht und singt die Amerikanerin mit puerto-ricanischen Wurzeln über ihren Cortison-Missbrauch, der die Stimme, den «Flow», am Laufen hält. Den Fall in die Tonlosigkeit, die Operation der Stimmbänder, ihre zweite Karriere. Ein wildes Auf und Ab. Eine Erzählung, die musikalisch und schauspielerisch verstärkt wird von «Batti, batti, o bel Masetto» aus der Oper «Don Giovanni» von Mozart bis hin zu «Green Finch and Linnet Bird» aus dem Musical «Sweeney Todd».

Valentin Luthiger

Marisol Montalvo singt mit elektrisierender Leidenschaft. Ihr «Gretchen am Spinnrade» von Franz Schubert wird zum dunklen Symbol für den Druck des Opernbetriebs. Mühelos rast ihre Stimme in die Höhe oder zeichnet kurze Jazz-Inputs. Als sie schildert, wie sie erstmals auf der Bühne der Pariser Oper steht, während in den USA ihre Mutter stirbt, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. Es ist der tragischste Moment dieser persönlichen Geschichte.

Vielleicht zu persönlich? Doch was den Abend zum Erlebnis macht, ist genau diese «Filterlosigkeit». Gepaart mit hochstehender Vokalkunst gibt das die Mischung, die in Erinnerung bleibt. Eine bessere Balance zwischen Musik (mehr) und Text (weniger) hätte den Abend zusätzlich aufgewertet.

Schon die Pianistin Maria Radutu beschäftigte sich am Donnerstagabend in ihrem Programm-Mix «Phoenix» mit den Höhen und Tiefen, die das Leben bringt. Sind diese «neuen» Formate die Zukunft der Swiss Alps Classics? Clemens Hellsberg, künstlerischer Leiter: «Unsere Künstler kommen nicht nach Andermatt, spielen ihr Konzert und gehen wieder. Die meisten von ihnen sind ein paar Tage da. So entwickelt sich leichter Vertrauen, um auch neue Ideen auszuprobieren.»

Das Konzert, ein bewilligtes «Pilotprojekt» mit geimpften, genesenen und getesteten Gästen – das erste in der Innerschweiz – zog 270 Zuschauer an. 63 haben vor Ort einen Schnelltest machen lassen. Dies, obwohl die Obergrenze gerade angehoben wurde. Ein klares Zeichen für erwachende Kulturlust.