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Künstler denken über eine Welt nach, in der sich die digitale «Cloud» verzogen hat

In der vom Verband Visarte Zentralschweiz organisierten Gruppenausstellung «Utopie I – Offline» in der Kornschütte Luzern schwimmen Buchstaben auf analogen Gewässern herum und grüssen Filzstift-Selfies in allen Lebenslagen. Am Freitagabend wird die Austellung eröffnet. "Offline" ist der Anfang eines langfristigen Nachdenkens über Utopien.
Julia Stephan
Das mit neonorangenen Fäden umspannte Rennvelo von Carmela Gander steht am Eingang der Ausstellung "Utopie I- Offline" in der Kornschütte Luzern. (Manuela Jans-Koch (Luzern, 1. November 2018))

Das mit neonorangenen Fäden umspannte Rennvelo von Carmela Gander steht am Eingang der Ausstellung "Utopie I- Offline" in der Kornschütte Luzern. (Manuela Jans-Koch (Luzern, 1. November 2018))

Ein Aufruf, sich vom digitalen Nomaden wieder in den Höhlenmenschen von gestern zu verwandeln, ist die Ausstellung «Offline» sicher nicht. Auch wenn ihr Austragungsort, die denkmalgeschützte Kornschütte in der Luzerner Altstadt, mit ihrer charmanten Vergangenheitsverhaftetheit geradezu einlädt, das Rad der Zeit zurückzudrehen.

Der Schwyzer Künstlerkurator Mischa Camenzind hat 2016 als Co-Kurator der monumentalen Ausstellung «Der Fabrikutop» in der ehemaligen Holcim-Zementfabrik in Brunnen schon mal bewiesen, dass er schwieriges Ausstellungsterrain meistern kann. Als professioneller Utopien-Vermittler darf er nun für den Berufsverband der visuellen Kunst, Visarte Zentralschweiz, den ersten Teil der Ausstellungstrilogie «Utopie» kuratieren. Rund 20 Zentralschweizer Künstler hat er für die Ausstellung «Offline» selektioniert. 2019 und 2020 folgen dann mit anderen Kuratoren die Fortsetzungsausstellungen «personal fit» und «be loved».

Die Offline-Sphäre als Sehnsuchtsort

Camenzind zitiert in seinem Vorwort zur Ausstellung die amerikanische Medienphilosophin ­Madeline Price. Die Menschheit, so Price, lebe gerade im «Wilden Westen der Digitalisierung». Und ja, sie hat recht, die Frau. Es geht rau und wild zu und her in der Cloud. Man drängelt um Aufmerksamkeit. Man tritt sich verbal auf die Füsse. «Wir müssen den Umgang mit diesen digitalen Hilfsmitteln erst lernen», sagt Camenzind. Bis sich da wieder Recht und Ordnung einstellen, erscheint die Offline-Sphäre wie ein «Locus amoenus», wie ein unerreichbarer Sehnsuchtsort.

Die in der Kornschütte ­gezeigten Positionen verführen allerdings nicht zur naiven «Wald-und-Wiesen»-Romantik. Wenngleich die Natur auf den ersten Blick als Gegenspielerin zur Cloud in vielen Arbeiten omnipräsent ist. Yvonne Christen Vagners auf dem Steinboden ausgebreitete fünfjährige Moosdecke mag zwar ein lebendiger Organismus sein, der normalerweise vor ihrem Atelier im Waldboden grünt und Regen schluckt. Doch die Moosdecke wurde von der Künstlerin auf einer Filzunter­lage zusammengenäht, die Vernetzung des Grünzeugs bleibt auch offline offenkundig genauso künstlich wie so mancher grüner, mit dem HTML-Farbencode generierter Flecken im Netz. Auf ­Judith Alberts Videoarbeit «Letters on the water» (2017) trudeln über einen analogen idyllischen Bach in Perfektion eingebettete digitale Buchstaben und bilden dabei wie in den ständig vor sich hinplätschernden Gesprächen auf den Timelines sozialer Medien zufällige Buchstabencluster.

Mehr an der Imitation digitaler Formensprache interessiert war die Künstlerin Pia Frey. Ihre plakative Serie «Der letzte Schrei», mit Filzstift nachgezeichnete Selfies aus unterschiedlichen Lebenslagen, zeigt schematisch ein Ich mit dem immer gleichen breiten Lachmund. Die Serialität macht die Stereotypie der Internetinszenierung offenkundig.

Auch Edwin Grüter hat auf die allzeitige Verfügbarkeit von Bildern im Internet eine «analoge» Analogie gesucht. Ursprünglich hatte er vor, die Fenster der Kornschütte mit Folien von ­Sehenswürdigkeiten Luzerns zu überkleben, die man von dort aus nicht sieht.

Die Metapher des Netzes ist omnipräsent

Doch die Reglemente des Denkmalschutzes verhinderten das, was im Internet mit Google-Street-View jederzeit möglich ­gewesen wäre. Der Künstler antwortet mit Ironie. Sein vor ein Fenster gehängtes «Utopie im Quadrat» trägt den Schriftzug «Es ist eine Utopie hier utopische Aussichten zu schaffen».

An manchen Stellen hat ­Camenzind die Themenschere arg weit aufgemacht. Wenn er die zwar eindrücklichen Nutzpflanzen aus Platinen, Widerständen und integrierten Schaltkreisen des Duos Baggenstos/Rudolf in sein «Offline»-Universum aufnimmt, scheint doch mehr das im Silicon Valley die Themen zu setzen als die «Offline»-Thematik.

Besonders viele Künstler hat die Metapher der «Cloud» inspiriert – etwa Esther Wicki-Schallberger –, andere das Netz. Neben Ida Dobers Fadensammelsurium steht dafür Carmela Ganders mit neonorangenem Faden eingewickeltes Rennvelo vor der Kornschütte. Die Schnüre erinnern wie die in Blech eingekratzten ­Linien in der Installation von Achim Schroeteler an all die unsichtbaren digitalen Netze, die den realen Raum strukturieren, ob wir wollen oder nicht.

Ausstellung «Utopie I – offline». Kornschütte, Luzern. Vernissage: heute, 2.11., 18 Uhr. Läuft bis 17.11.: Mo–Fr, 10–18 Uhr. Sa/So und Feiertage: 10–16 Uhr.

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