Literaturfest Luzern: Wenn Madame Bovary bei Zalando shoppt

Warum soll ich diese Bücher nicht einfach zu Hause lesen? Ein Abend am Luzerner Literaturfest zwischen Langeweile und Inspiration.

Roman Kühne
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Simone Lappert am Literaturabend: Auch spielen statt nur vorlesen.

Simone Lappert am Literaturabend: Auch spielen statt nur vorlesen.

Bild: Jakob Ineichen (7. März 2020)

Literatur muss Atmosphäre haben, erleb- und spürbar sein. Dies gilt zu Hause, wenn der Lesende sich in der Stille seines Buches verliert und Ausflüge nur in seinen Kopf entstehen. Dies gilt noch viel mehr, wenn die Texte öffentlich vorgetragen werden. Das Wort ist dann nicht mehr konkurrenzlos. Es muss sich gegen Geräusche, Zeit und mannigfaltige Ablenkung behaupten.

Am Literaturabend des am Sonntag abgeschlossenen Luzerner Literaturfest trifft der einzelne Texte auch noch auf die Werke andere Autoren. Unwillkürlich vergleicht der Gast, wird mitgerissen oder geht verloren. Hier zählt nicht nur das Wort an sich, sondern vor allem auch, wie es erzählt wird. Am Samstag im vollen Theater Pavillon treffen sich verschiedenste Vertreterinnen und Vertreter der Schweizer Schreibprominenz. Preisträgerinnen und Erfolgsautoren fügen sich zu vier Stunden Geschichten, Verse, Romane.

Der Mehrwert des Auftritts

Zwar gibt es Atmosphäre zuhauf während des vierstündigen Karussells. Doch die Vorträge – die Performances – könnten kaum gegensätzlicher sein. Zuoberst steht Ariane von Graffenried und ihr musikalischer Begleiter Robert Aeberhard. Als Fitzgerald und Rimini sind ihre zwei Auftritte ein vielschichtiges Spiel mit Sprache, Tönen und Fallstricken. Von Graffenried singt über Frauen der Weltgeschichte. Bekannte wie das Fräulein Rottenmeier aus Heidi. Oder Verlorene, wie Auguste Wenzel, die an der Märzrevolution von 1848 ihren Tod fand. Wühlende Texte – «Flüchtige Leiber wie später Reif» – treffen auf schneidende Klänge und pochende Beats. Ein an- und abschwellendes Störsignal bildet die Zwischenebene.

Auch «Heldinnen» wie Calamity Jane oder Madame Bovary, die in den Texten gelangweilt bei Zalando shoppt, sind nicht das, was sie scheinen. Die Story der Mary Mallon, die als Köchin in ihrer ganzen Umgebung Typhus verbreitete – die erste «Super-Ansteckerin der Geschichte – wird hingegen mit einem fast fröhlichen Refrain präsentiert. Es ist Literatur, wie man sie sich an solchen Live-Abenden wünscht. Eindringlich, direkt und greifbar. Und eben, anders, als wenn man zu Hause im Buche schmökert.

Auch die 35-jährige Simone Lappert spielt, zumindest in Ansätzen, ihre vielschichtige Selbstmordgeschichte «Der Sprung». Stehend trägt sie die Einleitung ihres Buches vor. Der Sturz der jungen Frau vom Dach erhält so eine zusätzliche, forsche Direktheit.

Bei anderen Auftritten fragt man sich schon, welchen Mehrwert der Abend bringt. Interaktion zwischen Autor und Publikum gibt es kaum. Fragen sind nicht möglich. Wenn etwa die Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse monoton und teils stockend aus «Schon bald» liest, ist die Abschweifung, und eben nicht die literarische, praktisch vorprogrammiert. Es wird unruhig im Publikum, Stühle rutschen.

Bei Peter Stamm passt das Unspektakuläre

Oder Andreas Neeser. Seinen Mundartroman «Alpefisch» bringt er zwar mit Abwechslung und Leben. Die Sterbebegleitung «Wie wir gehen» trägt er jedoch trocken und monoton vor. Natürlich, es soll vor allem die Kraft des Geschriebenen wirken. Doch dann kann man die gleichen Bücher auch zu Hause lesen. Weshalb wird im Literaturbetrieb nicht öfter mit Schauspielern gearbeitet?

An diesem Abend scheinen sich die unter 50-jährigen in dieser Doppelrolle klar besser zu fühlen. Einzig Peter Stamm steht hier für sich allein. Auch er liest seinen bisher unveröffentlichten Text ruhig und unspektakulär. Eine im wahrsten Sinne des Wortes neblige Suche einer Frau nach ihrer Familiengeschichte. Doch die Kraft der Worte und ihre Melodie passen hier nahtlos zur Vortragsart.