«ErstKlassik am Sarnersee»: Wenn Spielfreude das Musikhören zur Erlösung werden lässt

Landleben war für Beethoven Linderung. Mit seiner Pastorale überwanden Streicher von «ErstKlassik am Sarnersee» die Coronadepression.

Romano Cuonz
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Der Festivalauftakt im Barocksaal des Klosters Engelberg.

Der Festivalauftakt im Barocksaal des Klosters Engelberg.

Bild: PD

«Mein unglückliches Gehör plagt mich auf dem Lande nicht», notierte Beethoven auf einem Skizzenblatt. Und betonte: «Kein Mensch kann das Land so lieben wie ich.»

Der Komponist, der mit 48 Jahren sein Gehör verlor, würde heuer seinen 250. Geburtstag feiern. Dies würdigen Solisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks diese Woche beim 13. Festival «ErstKlassik am Sarnersee». Zum Auftakt – im Barocksaal des Klosters Engelberg – erklang Beethovens Pastorale in einer Bearbeitung für Streichsextett von Michael Gotthard Fischer. Die Wahl dieser farbenprächtigen Komposition, in der Beethoven Erlösung und Freude trotz schwieriger Umstände vermittelt, war kein Zufall. Festivalleiterin Elisabeth Melcher-Arquint: «Nach bangen Zeiten dürfen wir unter strikt eingehaltenem Schutzkonzept als eines der wenigen Sommerfestivals Musik wieder live erklingen lassen.»

Dass es im Wesen der Musik liegt, Freude zu bereiten, spürte man vom ersten Ton bis hin zum frenetischen Schlussapplaus des Publikums. Als im vierten Satz das berühmte, naturalistisch geschilderte Gewitter aufzog, als die Violinen, Violas und Celli die Windböen, den niederprasselnden Regen, zuckende Blitze und grollenden Donner intonierten, sah man tatsächlich, wie einzelne Musikerinnen und Musiker befreit lachten.

Da brachen – trotz Taschenphilharmonie-Version und auch ohne Pauken – alle Dämme. Pure Spielfreude wurde hörbar. Das grosse Temperament und eine wunderbare Abstimmung zwischen den sechs Streichern sorgten dafür. Man staunte, wie wenig Beethovens Sinfonie Nr.6 an Gehalt verliert, auch wenn von der üblichen Besetzung nur noch ein Bruchteil übrigbleibt. Julita Smoleń und David van Dijk (Violine), Benedict Hames und Alice Weber (Viola) sowie Samuel Lutzker und Katharina Jäckle am Violoncello faszinierten und fesselten das Publikum. Zauberten eindrucksvolle und für viele Zuhörer ungewohnt realistische ländliche Szenarien in allen musikalischen Farben hervor. Es ist Beethovens Programmmusik, bevor dieser Begriff überhaupt erst kreiert war.

Den «Erstklassikern» gelang es, Freude des Meisters am «Malen mit Tönen» hörbar zu machen. Kräftige Tutti karikierten mit einem Augenzwinkern den Auftritt der laienhaft musizierenden Dorfkapelle. Als Pointe der konsequent verpasste Einsatz eines Solisten!

Düsternis überwunden – Dankbarkeit der Musiker

Celli liessen das Wasser eines friedlichen Baches dumpf murmeln. Violinen schilderten es plätschernd und perlend. Vergnüglich auch, wie man mittels kurzer Soli verschiedener Streicher den Ruf des Kuckucks, der Nachtigall und der Wachtel deutlich erkannte. Beinahe erlösend – vor allem zu Coronazeiten –, als nach dem Unwetter in der ersten Violine (Allegretto) der frohe und dankbare Ruf eines Hirten hörbar wurde. Das Düstere war im Stück – und an diesem Abend – überwunden.

Zu danken hatte man es sechs Instrumentalisten. Jede und jeder Einzelne spielte mit Präzision, allergrösster Hingabe und Intensität auf. Nicht als siegende Helden, sondern als dankbare Musiker, die endlich wieder einem Publikum Freude bereiten durften.

Ein Streicherquartett (Julita Smoleń und David van Dijk, Violine, Benedict Hames, Viola, und Samuel Lutzker, Violoncello) liess Sehnsucht nach Natur in zwei weiteren Werken erklingen. Der liedhaft intonierte Gedichtzyklus mit dem Titel «Die Zypressen» von Beethovens Bewunderer Antonin Dvořák vermittelte völlig andere Klangerlebnisse, als man sie vom herkömmlichen Streichquartett kennt. Auf gewöhnlich geltende Gesetzmässigkeiten mit Haupt-und zweitem Thema wird hier verzichtet. Doch gerade für Dvořáks bildhaft lyrische, melancholisch sehnsuchtsvolle Musik zeigten die vier Solisten viel Gefühl.

Ein Höhepunkt war an diesem Abend zweifellos auch Joseph Haydns «Lerchenquartett». Sobald die erste Geige den Jubelruf der Lerche ertönen liess, wenn nach einem wunderbar ruhigen Adagio im Menuett der derb anmutende Bauerntanz erklang und zum Finale in fast halsbrecherischem Tempo überging, kam bei Zuhörerinnen und Zuhörern gute Laune auf. Die vier Musiker verstanden es, den Haydn eigenen, schnellen Witz, wie einen Funken aufs Publikum überspringen zu lassen.

Weitere Konzerte: «ErstKlassik am Sarnersee» läuft noch bis zum 3. September: www.erstklassik.ch.