Wer lügt, gewinnt – am Tisch mit Müllers und Boris Johnson

Schnell, süffig, gescheit: Die erste Folge der Sitcom «Müllers» spickt uns ins Wunderland von Fakt und Behauptung.

Pirmin Bossart
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«Müllers» im Südpol: schräg und bunt.

«Müllers» im Südpol: schräg und bunt.

Bild: Ingo Höhn

Eine ganz gewöhnliche Klein­familie hat sich da im Wohnzimmer versammelt. Frau Müller ist engagiert und zupackend und schmeisst zu Hause den Laden. Herr Müller, grundsätzlich eher etwas neben den Schuhen, bringt als Ernährer das Geld heim. Sohn Leander sitzt finsterblickend mit dem Laptop auf dem Sofa und möchte Journalist werden. Zwei Hamster sind auch noch da, Gulasch und Gnagi. Sie glänzen wie zwei Weihnachts­päck­li und machen Musik. Natürlich. Die Kerle von Blind Butcher. Auch der süffisante Herr gehört zur Runde, der mit allwissendem Smile und flotten Behauptungen ein wenig Leben in die Müllerbude bringt. Boris Johnson, britischer Premierminister, ist der Bruder von Frau Müller und weilt auf Besuch. Die Frage, die während des Essens am Tisch disputiert wird, ob das nun ein Pouletschenkel oder eine Aubergine sei, mag im Kleinen harmlos und letztlich eine Frage der Definition sein. Genau das aber macht im Grossen immer mehr auch Politik. Wer besser behauptet, hat recht.

Die Missachtung von Fakten

Das Verwirrspiel um den «Faktencheck» und seine möglichen Folgen zieht sich als roter Faden durch die erste Folge von «Müllers». Man muss nicht jeden einzelnen Hintersinn mitbekommen, der da in den dichten Textspuren auch noch eingestreut ist, das akute Thema bleibt spürbar: Die Missachtung von Fakten, mit welcher die Mächtigen der Welt zunehmend operieren, kippt in der digital vernetzten Wirklichkeit ganze Fundamente vermeintlicher Wahrheiten weg. Was bleibt, ist das Game. Der Brainwash. Das Spektakel der Ich-Inszenierung.

Als Theaterformat ist «Müllers» eine mehrteilige TV-Sitcom – eingespielte Lacher inklusive –, die von der Anlage immer gleich ist, aber bei jeder Folge mit einem anderen berühmten Gast aus der News-Realität und mit neuen Inhalten gefüllt wird. Der Auftakt am Freitagabend im Südpol mit Boris Johnson schlägt ein. Witzig, schräg und klug ­serviert uns die Theatergruppe einen zeitgenössischen Schwank mit Absurditäten und Widerhaken, der auch das Grundlegende generös mitliefert.

Es ist ein schnelles, trashiges Format, das an die legendäre «Java in a Box»-Serie von René Pollesch am Luzerner Theater erinnert, aber weniger überdreht und inhaltlich relevanter daherkommt. Autor Christoph Fellmann hat das Stück in einer Woche geschrieben, die Truppe hat eine Woche geprobt (Regie Sophie Stierle), Nina Steine­mann entwickelte Kostüme und Ausstattung, Blind Butcher die Musik. Dass in kürzester Zeit viele gute Einfälle, Regieideen, pointierte Dialoge und tolles Schauspiel zum heiteren Vergnügen zusammenwachsen konnten, ist bemerkenswert.

Sie spielen mit den Textblättern

Die Produktion verlangt nach Schauspielern, die blitzschnell aufnehmen und umsetzen können. Es gibt keine Zeit, sich in eine Rolle einleben und allen Text auswendig zu lernen. So haben alle ihre Textblätter dabei, die sie auch rege benutzen. Und erzeugen damit eine erhellende Verfremdung. Christoph Fellmann, der als Souffleur und letzte Wissensinstanz am Bühnenrand sitzt, ist ebenfalls ins Stück integriert.

Die zusammengewürfelte Schauspieltruppe mit Miriam Japp, Romeo Meyer, Philippe Schuler und Stefan Schönholzer funktionierte hervorragend. Dank Romeo Meyer wurde auch die Figur von Boris Johnson zum unheimlichen Vergnügen. «Müllers» gehen am 6. März und am 22. Mai in zwei weiteren Folgen, die dann spontan herausgehauen werden. Und dann würden wir uns so was auch mal am Schweizer Fernsehen wünschen.