Auf ihrem neuen Album stellen sich
The Prodigy gegen den Einheitsbrei

Mit dem siebten Album «No Tourists» schlagen The Prodigy einen musikalischen Bogen zurück zu ihren Anfängen.

Hanspeter Künzler
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Sänger Keith Flint der Band «The Prodigy». (Bild: BMG)

Sänger Keith Flint der Band «The Prodigy». (Bild: BMG)

Natürlich meint man die Sache mit «no tourists» nicht so wörtlich – sonst müssten the Prodigy das Reisen ja auch sein lassen. Vielmehr ist der Titel als ein Aufruf zum Kampf gegen die moderne Unterhaltungs- und Modeindustrie zu verstehen. Als die Band mit ihrer ersten Single am Anfang der 1990er Jahre die vordersten Ränge der britischen Hitparade erreichte, waren die Medien schockiert, denn niemand kannte die Band. «An den Wochenenden spielten wir an Raves mit 30000 Fans», erzählt der singende Elternschreck Keith Flint.

«Es gab kein Internet und kein Instagram. Wir gehörten zu einer echten Bewegung, und es ging noch fünf Jahre, bis diese vom Mainstream absorbiert wurde.»

Heute, so spinnt der für die Musik zuständige Liam Howlett den Gedanken weiter, werde eine idealistische neue Bewegung vom ersten Moment an kommerzialisiert.

«Wir müssen unsere Nischen mit mehr Leidenschaft gegen den Tourismus der globalen Konzerne verteidigen!»

Gerade habe er gehört, dass Gucci sich für eine neue Kollektion von der Rave-Kultur inspirieren lasse: «Zufälligerweise trage ich heute selber ein Gucci-T-Shirt», grinst er. «Aber es ist natürlich eine Fälschung!»

The Prodigy wuchsen aus der Rave-Kultur heraus, die in den späten 80er Jahren in verlassenen Lagerhäusern um London herum zur Hochblüte gelangte. Ähnlich wie es Massive Attack mit Soul, Pop und Reggae getan hatten, nur halt mit mehr punkigem Druck und einem Hang zu comix-hafter Ästhetik, setzte die Band die diversen Elemente in den Underground-Klubs gerade gängigen Musikstile – Drum’n’Bass, Hip-Hop, Reggae, Techno – frisch zusammen und kreierte so einen zeitgeistdefinierenden neuen Sound. Mit der Zeit wurde dieser härter und rockiger, erreichte mit «Firestarter» den Höhepunkt.

Seither hat man in punkto Tonträger Auf und Ab erlebt, live aber haben die Funken nie zu sprühen aufgehört. «No Tourists» (BMG) folgt ungewöhnlich rasch auf den letzten Wurf. Die Arbeit in teuren Studios langweile ihn inzwischen, erklärt Howlett, darum habe er eine neue Methode gesucht. So verfiel er auf die Idee, nach Konzerten sogleich ins nächstgelegene Hotel zu traben, um die Live-Energie im transportablen Studio einzufangen. «Auf diese Weise ersparte ich mir auch die grausamen drei Monate, die man früher fürs Abmischen brauchte.» Herausgekommen ist ein vom Ton her leichteres und beschwingteres Techno-Rock-Album.