Zu den Plakaten am Lucerne Festival: Wie kann man Macht darstellen?

Die Plakate zum diesjährigen Lucerne Festival visualisieren «Macht». Doch die Art überzeugt unseren Autor nicht.

Niklaus Oberholzer*
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Die drei Plakatmotive zum diesjährigen Lucerne Festival mit dem Thema «Macht». (Bilder: Lucerne Festival)

Die drei Plakatmotive zum diesjährigen Lucerne Festival mit dem Thema «Macht». (Bilder: Lucerne Festival)

MACHT steht – hellgrün auf dunkelgrünem Grund – auf dem Programmheft-Cover von Lucerne Festival. Das gleiche Sujet, als Plakat in Weltformat, begegnet uns beim Betreten des Europaplatzes. Unter dem gross geschriebenen Wort ist, von hinten, ein männlicher Kopf zu sehen. Auf dem Kopf sitzt ein kleines eng anliegendes Käppchen mit einer kleinen Kordel als Griff. Das Käppchen ist violett, was einen schönen Kontrast zum Grün abgibt. Unten sind, klein und in Weiss gedruckt, die Logos der finanzkräftigen Sponsoren des Festivals zu sehen.

Das Festival will die öffentliche Aufmerksamkeit mit zwei weiteren Plakaten mit ähnlicher Farbgebung auf sich lenken. Statt des violetten Käppchens zeigen sie den mit einem Diadem geschmückten Kopf einer blonden Frau, in meinen Augen (und wohl kaum in der Absicht der Grafiker) einer Schönheitskönigin, sowie einen Kopf mit einer nicht näher spezifizierten Uniformmütze.

Macht ist nicht per se böse, aber auch nicht harmlos

Es gibt kein Fragezeichen. Offenbar wissen der Auftraggeber und die ausführende Agentur, die weltweit tätige MetaDesign, ganz genau, was Macht ist. Die eben geschilderten Sujets dienen wohl als Anreiz, über Macht nachzudenken.

Wie etwas so Komplexes wie «Macht» visualisieren? Macht ist ambivalent, für sich weder gut noch bös. Doch Macht ist nie harmlos. Stets lauert die Gefahr des Missbrauchs. Wenn wir «Macht» denken, denken wir spontan meist an Machtausübung über andere Menschen, an die böse Macht, die unsere Freiheit einengt, oder gar an die Macht, die tötet.

Lucerne Festival wählte «Macht» zum Motto des Sommers 2019. (Ich persönlich kann ihm nichts abgewinnen: Es sagt alles und nichts.) Und es will mit Plakaten zu diesem Motto für sich werben. Dass es sich mit niemandem verderben will, ist anzunehmen. Wie denn also werben – augenfällig und zugleich so, dass sich niemand gestört fühlt?

Man kann die Plakate «schön» nennen; da war gutes Handwerk an der Arbeit. Doch welche Macht ist gemeint? Jene des Geldes? Eine 1000-Franken-Note oder das Logo einer Grossbank würde sie klarer benennen. Militärische Macht? Da drängten sich als deutliches Signal die Gradabzeichen eines Divisionärs der Schweizer Armee auf. Die Macht des staatlichen Gewaltmonopols? Polizisten in Bereitschaftsmontur wären da das geeignete Sujet. Koloniale Macht und entwicklungspolitische Abhängigkeit? Die Macht im Musikbetrieb? Geschickte Grafiker wären um adäquate Bilder nicht verlegen.

Macht ist, so oder so, von politischer Dimension. Da weichen die Plakate aus. Die Schönheitskönigin ist hübsch; das Strasskrönchen lässt aber niemanden an Geld- oder sonstigen Adel denken. Die anonyme Uniformmütze muss nicht einem General gehören; sie kann auch auf dem Kopf eines Dienstmannes oder eines Concierges sitzen. Diese Plakate sind harmlos. Sie lohnen kein Nachdenken.

Klerikale Kopfbedeckung

Gewagter ist das violette Käppchen. Die Fachsprache nennt es Pileolus. Es ist Teil der Bekleidung des Klerus der Katholischen Kirche. Der Papst trägt es weiss, die Kardinäle scharlachrot, die Bischofe violett, die einfachen Priester schwarz. Ein Ursprung liegt in der Tonsur, jener klerikalen Frisur, die eine runde Zone auf dem Kopf rasierte. Den Pileolus tragen – oder besser: trugen die Kleriker, damit sie nicht froren. Das ist lange her. Ein Symbol der Macht ist das harmlose Käppchen nicht (die Mitra, die Bischofsmütze, wäre es, vielleicht auch der Bischofsstab, doch der verweist höchstens auf die sanftere Macht des Hirten). Wer das Plakat überhaupt noch richtig deuten kann, wird es mit Klerikalismus und, der violetten Farbe des Bischofs wegen, mit Hierarchie in Verbindung bringen.

Doch haben die Designer mit der Wahl gerade dieses «Macht-Symbols» genügend weit gedacht? Ich denke nicht. Natürlich übte und übt die Katholische Kirche Macht aus, sehr oft in gutem, sehr oft in schlechtem Sinn. Natürlich gibt es in der Kirche, im Gegensatz zum auf Gewaltentrennung basierenden Rechtsstaat, keine Kontrolle der Macht. (Sie verfehlt auch in der Wirtschaft oder im Militärischen oft genug ihre Wirkung.)

Der unmögliche Spagat

Doch ein Verweis auf die Kirche als Inbegriff von Macht kommt einer Reduktion des Kirchenbildes auf einen einzigen Aspekt gleich, auf jenen der hierarchischen Strukturen, die für den Missbrauch von Macht besonders anfällig sind. Er klammert andere Sicht- und Existenzweisen völlig aus, die ebenso oder gar enger mit einem weit verbreiteten Kirchenbild verbunden sind. Ich denke zum Beispiel an die Macht, die christliche Nächstenliebe ausüben kann und auch ausübt – wenn auch bescheiden und nicht mit jenem Hang zur Selbstinszenierung, die vielen Exponenten der Hierarchie eigen ist.

Ist das Festival-Motto «Macht» überhaupt visuell umsetzbar – so, dass man niemanden brüskiert, vor allem nicht die Sponsoren, auf die das Festival angewiesen ist, und erst noch so, dass die Ambivalenz des Begriffs deutlich wird? Und natürlich auch so, dass die Leute hinsehen? Dieser Spagat scheint unmöglich.

Ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag: Warum das Motto «Macht» nicht mit dem Bild eines Dirigentenstabes als Inbegriff der Machtausübung in der Musik illustrieren? Dies träfe zwei Fliegen auf einen Schlag – Macht und Musik. Doch das wäre wohl zu viel der Selbstironie fürs Lucerne Festival.

* Niklaus Oberholzer, Horw, war Redaktor beim Vaterland, bei der Neuen LZ und der Luzerner Zeitung, u.a. als Ressortleiter Kultur und stellvertretender Chefredaktor.