Wie Satzzeichen in der Landschaft – so prägte Luzern eine kanadische Künstlerin

Die Siegerin des Ausstellungspreises der Kunstgesellschaft Luzern 2019,  Maude Léonard-Contant, spielt mit Sprache und Materialität.

Susanne Holz
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Künstlerin und Preisträgerin Maude Léonard-Contant vor ihrem Werk im Kunstmuseum Luzern.

Künstlerin und Preisträgerin Maude Léonard-Contant vor ihrem Werk im Kunstmuseum Luzern.

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 3. Januar 2020)

Trifft man auf Maude Léonard-Contant, meint man ganz unvermittelt, einen Hauch Ferne zu spüren. Tatsächlich hat die 40-jährige Künstlerin, die von 2012 bis 2015 in Luzern lebte, arbeitete und wirkte, bevor sie Wohnsitz und Atelier nach Basel verlegte, schon viel von der Welt gesehen: 1979 in Joliette in der kanadischen Provinz Québec geboren, studierte Maude Léonard-Contant Fine Arts zunächst an der Université du Québec und an der Concordia University in Montréal. Später wechselte sie an die Glasgow School of Arts, wo sie auch ihren jetzigen Mann, einen Luzerner Künstler, kennenlernte.

Preisträgerin 2019

Maude Léonard-Contant erhielt im Dezember den «Ausstellungspreis der Kunstgesellschaft Luzern 2019», der verbunden ist mit der Kabinettausstellung im kommenden Jahr (5. Dezember 2020 bis 31. Januar 2021), wofür die Preisträgerin ein spezielles Projekt entwickelt. In der aktuellen Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen im Kunstmuseum Luzern kombiniert die Künstlerin zwei Arbeiten von 2019: (***) und Wide Ozone Entry. (sh)

In Schottland, das Land und die Landschaft, habe sie sich verliebt, erzählt die Künstlerin, die im Dezember den «Ausstellungspreis der Kunstgesellschaft Luzern 2019» erhalten hat (siehe Box). Doch auch die Schweiz hat es der Kanadierin angetan: «Ich mag die Schweiz sehr, ihre Vielsprachigkeit und die faszinierende Mundart – die Mehrsprachigkeit erinnert mich an meine Heimat Québec.» Sie sei im Herbst, Winter erstmals nach Luzern gekommen: «Samichlaus, Trychler, das Archaische, die Bräuche – das alles ­berührte mich sofort sehr.»

Eine Kindheit im kanadischen Wald

Maude Léonard-Contant wuchs mitten in der Natur, sogar richtiggehend im Wald auf. Ihre Eltern, ehemalige Kunstlehrer, züchteten Schafe und lebten als Selbstversorger. Vermisst die 40-Jährige, inzwischen auch Mutter eines kleinen Sohnes und wissenschaftliche Mitarbeiterin für Skulptur und freies Zeichnen an der ETH Zürich, die kanadische Wildnis ab und zu? «Schon, aber ich mag auch die Schweizer Natur sehr gerne. Und schön ist: Gerüche und Geräusche sind überall anders.»

Die Syntax des Winters. Diese bildet eine Art Klammer um die beiden Kunstwerke, die aktuell im Kunstmuseum Luzern von Maude Léonard-Contant zu sehen sind. Eine Skulptur aus Glas, Gummilack und Stahl – eine Art Tisch, der auf einem Teppich salbeigrüner Heilerde steht und dessen Glasplatte an das Rechteck eines Eishockeyfelds erinnert. Der Stahl wiederum, der das Glas trägt, zeichnet von unten eine bestimmte Hockey-Übung nach: «Wide Ozone Entry». Die Erde: liegt da, so sanft wie frisch gefallener Schnee.

Das andere Werk hängt grossformatig an der Wand: Transparente Folie auf einen Rahmen gespannt, lose darauf angeordnet sind Plexiglasstücke und kanadischer Winterschachtelhalm, der dort im Schnee auf dem Boden durchscheint – Interpunktionszeichen gleich. Die Künstlerin sagt: «Auslöser für diese Arbeit war das Renaissance-Gemälde ‹Die Jäger im Schnee› von Pieter Bruegel dem Älteren.» Auch auf Bruegels Bild erinnerten sie die Schlittschuhläufer im Hintergrund an Satzzeichen in der Landschaft.

Maude Léonard-Contant mag es, in ihrem Werk Sprache mit Material zu verbinden. «Sprache klingt im Körper, sie ist extrem mit ihm verbunden.» So hat sie mit Schriftsteller Michael Fehr zusammengearbeitet und für diesen einen Raum mit Skulpturen gestaltet, der dessen Stimme angepasst war. Oder sie hat «Skulpturen aufgeschrieben» anstatt skizziert. «Je mehr ich schrieb, desto autonomer wurden die Skulpturen. Aus Texten wurden Stücke.»

Ihren Weg zur Kunst hat Léonard-Contant nie hinterfragt, obwohl «ich es gut finde, Zweifel zu haben». Zu Luzern hat sie nach wie vor eine enge Beziehung: «Meine Arbeit hat sich hier extrem entwickelt, ich war frei und hatte nichts zu verlieren.» 2015 freute sie sich bereits über den Werkbeitrag des Kantons Luzern.

Die Stadt Luzern hat nun ihr Tischobjekt für die städtische Sammlung angekauft.

Hinweis: Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen bis  9. Februar
www.kunstmuseumluzern.chwww.maudeleonardcontant.com