Juan Diego Flórez im KKL Luzern: Wie von einem anderen Stern

Der Startenor Juan Diego Flórez begeistert im KKL Luzern das Publikum mit einer wahren Parforceleistung.

Stefan Degen
Hören
Drucken
Teilen
Der Tenor Juan Diego Flórez berührte mit seiner grossartigen Gesangskunst.

Der Tenor Juan Diego Flórez berührte mit seiner grossartigen Gesangskunst.

Bild: Pius Amrein (Luzern, KKL, 21. Januar 2020)

Nach mehr als zwei Stunden auf dem Konzertpodium schmettert Juan Diego Flórez ein «Vincerò» ins Rund – und gesiegt hat er an diesem Abend wahrlich. In einer schier unglaublichen Parforcetour hat der 47-jährige peruanisch-österreichische Tenor nicht weniger als 17 Arien gesungen, die meisten mehrteilig aufgebaut. Der derzeit weltbeste Tenore die grazia zeigte sich dabei in absoluter Hochform. Da sind sein einschmeichelndes Timbre, die perfekte Stimmführung, das lückenlose Legato, der Schmelz, die eleganten Phrasierungen, die sicheren Spitzentöne – all das verbindet sich zu einem Singen wie von einem anderen Stern. Florez singt in einer eigenen galaktischen Liga.

Der erste Programmteil ist ganz dem Werk von Giuseppe Verdi gewidmet. Auf der Bühne hat Flórez bisher Alfredo und den Duca di Mantova verkörpert. Im Konzert stellte er nun einen Strauss von Verdi-Arien vor. Bereits in «Parmi veder le lagrime» aus «Rigoletto» vermochte der Ausnahmekünstler zu punkten.

Verdis Frühwerke liegen dem Sänger besonders

Es folgten Ausschnitte aus drei selten gespielten Frühwerken Verdis: «Attila» («O dolore»), «I Lombardi» («La mia letizia infondere») und «I due Foscari» («Brezza dal suol natio»). Flórez glänzte mit leidenschaftlicher Emphase, betörendem Schmelz und dramatischer Attacke. Diese Partien sollte er auch szenisch verkörpern – er wäre heute konkurrenzlos. Der Verdi-Teil endete fulminant mit Arie und Cabaletta («De’ miei bollenti spiriti... O mio rimorso») aus «La Tra­viata».

Mit drei Operetten-Schlagern von Franz Lehár ging es nach der Pause weiter. Juan Diego Flórez sang diese Stücke (darunter «Dein ist mein ganzes Herz») nicht als süsse Schmachtfetzen, sondern eher belcantohaft und mit ausgezeichneter Diktion.

Es folgten zwei französische Werke – aus Massenets «Werther» die Arie «Pourquoi me réveiller» (wunderbar verinnerlicht dargeboten) und aus Bizets «Carmen» Don Josés «La fleur que tu m’avais jetée». Das offizielle Programm des Konzerts endete mit der Arie des Rodolfo («Che gelida manina») aus Puccinis «La Bohème». Das Publikum, das lange verhalten wirkt, erhebt sich zu den ersten Standing Ovations. Der Startenor wurde begleitet von der glänzend disponierten Philharmonie Baden Baden unter dem umsichtigen Dirigenten Michael Balke. Nur selten geriet der Tenor in leichte Bedrängnis vom Orchester zugedeckt zu werden. Die Musiker steuerten mehrere Ouvertüren und Vorspiele zum Programm bei – so zu «Nabucco» und «I vespri siciliani». Das Orchester begleitete den Sänger aufmerksam mit warmem Ton der Streicher und akkuraten Bläsern.

Auf dem Gipfel seines Könnens

Dass er mit seiner Stimme machen kann, was er will, und sich derzeit auf dem Gipfel seines Könnens befindet, untermauerte Flórez auch mit den Zugaben. Zunächst kommt er mit seiner Gitarre auf die Bühne zurück und begleitet sich selbst bei drei berührenden lateinamerikanischen Stücken («El día que me quieras», «Bésame mucho» und «Cucurrucucu»). Flórez singt natürlich und mit sympathischer Ausstrahlung. Mit Kopfstimme hält er einen Ton endlos lange und witzelt dabei noch mit Publikum und Konzertmeister. Nach «Granada» und dem Rausschmeisser «Nessun dorma» aus «Turandot» zeigt sich Flórez glücklich – und geschafft. Ein denkwürdiger Abend.

Am Opernhaus Zürich gibt Juan Diego Flórez am 8. März 2020 sein Debüt als Rodolfo in «La Bohème». Weitere fünf Vorstellungen bis 29. März.