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WIENER KONGRESS: Revolution im Dreivierteltakt

Vor 200 Jahren feierte der Walzer auf dem Wiener Kongress den weltweiten Durchbruch. Dabei war der heute vermeintlich altmodische Walzer damals äusserst revolutionär.
Rudolf Gruber, Wien
Das Hochamt für den Walzer: der Wiener Opernball. (Bild: AP/Herwig Prammer)

Das Hochamt für den Walzer: der Wiener Opernball. (Bild: AP/Herwig Prammer)

Er spielt kein Instrument und komponiert auch nicht. Obwohl er ein Strauss ist – Eduard Strauss, Ururenkel und Urgrossneffe der legendären Walzerkönige Johann Strauss (Vater und Sohn). «Ich bin nur der Präsident von einem Chor», lächelt Strauss kokett. Gleichwohl widmet sich der 59-jährige Erbe, von Beruf Richter, mit Leidenschaft der Geschichte der Walzer-Dynastie, leitet das Wiener Institut für Strauss-Forschung, hält Vorträge und moderiert Konzerte in vielen Ländern.

Der Walzer liegt in der Luft

Wir sitzen im Café Dommayer im Wiener Nobelbezirk Hietzing, unweit des Schlosses Schönbrunn, denn im «Dommayer» feierten die «Sträusse» ihre ersten Triumphe. Allerdings war das Kaffeehaus damals, Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Kasino mit Tanzsaal. «In Wien liegt der Walzer in der Luft», schwärmt Eduard Strauss, gestikuliert dabei wie ein Dirigent und trällert ein paar Takte des «Donauwalzers». «Es ist logisch, dass diese Musik in dieser Stadt entstanden ist, den Wienern liegt sie im Blut.» Im nächsten Moment ärgert er sich, weil heutzutage der Walzer kaum noch als Tanz-, sondern meist als Konzertmusik gespielt wird. Selbst die hoch verehrten Wiener Philharmoniker bekommen einen Seitenhieb ab: «Für die Leichtigkeit der Strauss-Musik ist das ein viel zu schwerfälliges Or­chester.» Richtig gespielt werde der Wiener Walzer nur, «wenn es die Leute aus dem Stuhl hebt». Und: Er besteht auf der ursprünglichen Schreibweise des Namens, Strauss mit Doppel-s am Schluss.

Nicht in Wien erfunden

Der Walzer wurde nicht, wie viele glauben, in Wien erfunden. Die Ursprünge liegen, rund 250 Jahre zurück, in Volkstänzen wie dem deutschen Ländler; ein Vorläufer war auch die französische Musette. Die Bezeichnung «Wiener Walzer» gibt es seit etwa 1825, geprägt haben sie Johann Strauss (Vater) und dessen enger Freund Joseph Lanner, gleichfalls ein genialer Musiker. Johann Strauss (Sohn) sollte beide noch übertreffen, er verpasste dem Walzer mehr Glamour und Temperament, machte ihn zur Popmusik des 19. Jahrhunderts und sich selbst zum gefeierten Superstar. «Der Sohn hat nur abgestaubt, was sein Vater, der Genius, geschaffen hat», lautet das gnadenlose Urteil von Eduard Strauss über seinen weltberühmten Urgrossonkel. Aber der «Schani», wie sie ihn nannten – wienerisch für Jean –, war nicht nur ein begnadeter Arrangeur, sondern komponierte vor allem die berühmtesten aller Walzer wie «Wiener Blut», den «Kaiserwalzer» und «An der schönen blauen Donau», 1867 uraufgeführt und bis heute die heimliche Hymne Österreichs.

«Der Kongress tanzt»

Ausgerechnet dem reaktionären Regime des Fürsten Metternich verdankt der Walzer den internationalen Durchbruch. Denn die Bühne dafür bot der Wiener Kongress, der vor genau 200 Jahren Monarchen, Staatsmänner, Minister und Diplomaten Europas und Russlands in der Hofburg, der Kaiserresidenz, versammelte. Das Palaver über die Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen zog sich derart in die Länge, dass Kaiser Franz I. und sein Staatskanzler Metternich, der grosse Regisseur des Kongresses, weder Kosten noch Mühen scheuten, die erlauchten Gäste rund um die Uhr mit allerlei Plaisir – Banketten, Bällen, Jagden, Schlittenfahrten, Opern- und Theateraufführungen – zu verwöhnen.

Er lockerte die strengen Sitten

Die neumodischen Tanz- und Kostümfeste in den Vorstadtlokalen – vom Walzerkönig Strauss war noch keine Rede – kamen da gerade zupass, das Walzerfieber erfasste auch die Hofburg-Redouten und feinen Etablissements. Von dem damals 80-jährigen k. k. Feldmarschall Fürst Charles de Ligne ist das berühmte Bonmot überliefert: «Der Kongress kommt nicht weiter, er tanzt.» Die interna­tionale Presse, die ausgiebig über das bunte und skandalträchtige Kongresstreiben berichtete, verbreitete das Walzerfieber in ganz Europa bis nach Russland und Amerika.

Fast vergessen ist, dass der heute als altmodisch geschmähte Walzer nachgerade revolutionär war. Er lockerte die strengen biedermeierlichen Sitten und veränderte radikal das Freizeitverhalten der Wiener quer durch alle Schichten. Namentlich die Popularität der Musik von Johann Strauss (Sohn), der selbst keinen Respekt vor der Obrigkeit kannte, hob alle Klassenschranken auf, zumindest während der durchtanzten Nächte. Da konnte es passieren, dass ein vornehmer Herr auf dem gleichen Ball seiner «Kuchldirn» (Küchenmagd) begegnete und mit ihr auf dem Tanzboden herumhüpfte.

Angst vor zivilem Ungehorsam

Kaiser und Klerus waren alarmiert, man sah in den ausgelassenen Tanzfesten Anzeichen politischer Mündigkeit und zivilen Ungehorsams. Tatsächlich scherten sich die Wiener wenig um behördliche Verbote und kirchliche Bannflüche («Teufelstanz»), wollten aber keinen politischen Umsturz, sondern bloss das neue Vergnügen geniessen. Der Anblick von Paaren, die wild und eng umschlungen walzten (sich drehten), von kreischenden Frauen, deren Fussknöchel unter dem flatternden Rocksaum hervorblitzten, war völlig ungewohnt und galt als höchst unmoralisch. Von der erst später viel gerühmten schwebenden Eleganz des Walzers war noch wenig zu sehen, man berauschte sich vielmehr an der erotisch knisternden Stimmung. Walzertanzen war quasi das «Dirty Dancing» des Biedermeiers, und Vorstadtlokale wie das «Sperl» oder das «Dommayer» waren die Hochburgen der Lustbarkeit im Dreivierteltakt. Ein zeitgenössischer Beobachter notierte in schwülstiger Prosa: «Man muss es dort mit ansehen, wie der Herr seine Dame nach dem Takte unterstützt und in dem wirbelnden Laufe hebt, und diese dem süssen Zauber sich hingibt.»

Seit dem Wiener Kongress lässt sich Wien die Glorie «Welthauptstadt der Musik» nicht mehr nehmen. Die Donaumetropole ist mächtig stolz, wenn heute die halbe Welt via Fernsehen dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker lauscht. Stilvoller als mit einem Wiener Walzer könnte man das alte Jahr wohl kaum ausklingen lassen und das neue begrüssen. Und die Wiener feiern noch heute wie in alten Zeiten: Jährlich finden rund 300 Bälle statt, vom übrigen Österreich ganz zu schweigen. Höhepunkt ist stets der Opernball, ein historisches Erbe der Metternich-Ära, heute das Hochamt für den Walzer, das auch die Republik wie einen monarchischen Staatsakt zelebriert – in diesem Jahr am vergangenen Donnerstag.

Sechs Schritte, die jeder lernt

«Der Walzer ist zeitlos, ihn wird es noch in 200 Jahren geben», ist Thomas Schäfer-Elmayer, Chef der traditionsreichsten Wiener Tanzschule, überzeugt. Hier, im Palais Pallavicini nahe der Hofburg, werden ganzjährig Tanzkurse für alle Altersklassen angeboten. Und der Andrang ist unverändert gross. «Den Walzer kann jeder lernen», sagt «der Elmayer», wie die Wiener den Tanzlehrer der Republik ehrfürchtig nennen. Mit nur sechs Schritten im Dreivierteltakt sei er im Vergleich zu anderen Standardtänzen eher einfach.

Und wo ist der Haken? «Es kommt auf die Körperhaltung an», lächelt Thomas Schäfer-Elmayer verschmitzt. Bei der hohen Drehgeschwindigkeit kann man leicht die Balance verlieren, es empfiehlt sich daher, immer wieder die Richtung zu ändern. Dazwischen macht das Paar ein paar stabilisierende Wippbewegungen auf dem Fleck, das nennt man den «Fleckerlwalzer».

Die Krönung: Der Linkswalzer

Als höchste Tanzkunst gilt übrigens der klassische Linkswalzer, das leichtfüssige und elegante Drehen gegen den Uhrzeigersinn ist ungleich schwieriger und besonders für den Kavalier eine Herausforderung: Zwischen schwebender Glückseligkeit und schmerzhaftem Fehltritt auf die Zehen der Partnerin entscheiden wenige Zentimeter.

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